Francis Alÿs in Köln

Bilder von beglückender Einfachheit

 

Der Künstler Francis Alÿs hat Kinderspiele aus der ganzen Welt gesammelt. In Köln zeigt sich einmal mehr, wie anrührend und leicht ein Plädoyer gegen Unterdrückung und Gewalt sein kann

Was würden die Gebrüder Grimm wohl heute sammeln? Vielleicht könnten sie in den Kinderspielen auf den Straßen, Plätzen und Wüsten der Erde ebenso fündig werden wie der in Mexiko lebende Belgier Francis Alÿs. Bis 2008 reicht seine Sammlung von 30 Kurzfilmen zurück, die in allen Teilen der Welt entstanden. 

Von so vertrautem Zeitvertreib wie dem "Gummitwist", einem Schneckenrennen oder "Stein, Schere, Papier" führt die Reise zu ganz anderen urbanen Choreografien wie dem "Haram Football" im irakischen Mossul. Kurz nach der Befreiung zeigen Jungen zwischen acht und 16 für die Kamera noch einmal, wie sie dem Fußball-Verbot des IS ein Schnippchen schlugen: Sie spielen das Spiel mit allen Dribblings, Kopfbällen und Ausweichmanövern mit einem Ball aus Luft. Alle geisterhafte Anmut endet jäh, als ein realer Schusswechsel die Straße leert.

Man kann ganze Kurzfilmfestivals besuchen, ohne Filme von dieser Qualität zu sehen. Gemeinsam mit wechselnden künstlerischen Mitarbeitern entstanden Drei- bis Sechsminüter von beglückender Einfachheit, einfühlsam, doch niemals aufdringlich und meist mit seltenem Gespür für Licht und Umraum. 

Kids take over

Es gibt spektakuläre und doch gänzlich ungefährliche Stunts – wie bei "La roue" auf dem Hügel einer Kobaltmine im Kongo, wo ein Junge mühsam einen Gummireifen hochrollt, um sich dann darin sitzend hinabzukugeln. Und dann ist da der atemberaubende Parcours, den ein Mädchen mit blauer Schürze in Hongkongs rappelvoller Innenstadt absolviert – ohne die Linien und Fugen auf den Straßen zu betreten. 

Das Motto des Ausstellungstitels im Kölner Museum Ludwig, "Kids Take Over", gilt umso mehr für den zweiten Teil, der Acht- bis 13-Jährigen die Rolle der Kuratorinnen und Kuratoren überträgt. Die Schülerinnen und Schüler aus lokalen Grund- und Hauptschulen mischen mit ihrer Auswahl, für die sie Vizedirektorin Rita Kersting sogar das Depot durchstreifen ließ, den Kanon grandios auf.