Frankfurt Art Experience

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Galerie Rothamel: Jörg Ernert "Transatlantik – Rettungsboot – 2. Fassung", 2025
Foto: Courtesy Galerie Rothamel

Galerie Rothamel: Jörg Ernert "Transatlantik – Rettungsboot – 2. Fassung", 2025

In Frankfurt am Main überzeugen die etablierten Galerien und viele Neugründungen. Ein Rundgang zum Saisonstart

In Frankfurt am Main schießen immer wieder unwahrscheinliche Dinge aus dem Boden – wie Wohnhochhäuser, die so groß sind, dass sie eine eigene Postleitzahl bekommen. Oder das neue, feine Messeformat im Januar, House of Galleries, ebenfalls in den Premium-Etagen eines charakteristischen Büroturms ansässig.

Doch auch die Basis entwickelt sich kontinuierlich weiter, wie man beim Galerienrundgang zum Kunstfestival Frankfurt Art Experience feststellen kann, mit dem nun schon zum siebten Mal der Kunstherbst am Main startet. Zwei kunstversierte Frauen, Olimpia Schugar und Francisca Rotariu, haben in der Altstadt eine Galerie für osteuropäische Künstlerinnen und Künstler gegründet, jung bis mid-career. Die Eröffnungen sind beliebter Treffpunkt, treffsicher ist auch die Auswahl der Kunstschaffenden: Der Performancekünstler und Bildhauer George Bularca Negru hat am Londoner Central Saint Martins College studiert und ist aktuell an der Städelschule in Frankfurt eingeschrieben, der Schmiede des internationalen Kunst-Nachwuchses.


Ein Neuzugang aus Düsseldorf ist Aileen Treusch mit ihrer Galerie 3AP. Sie stellt die Kunst von Nadine Karl vor, die an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gregor Schneider und bei Dominique Gonzalez-Foerster studiert hat. In Frankfurt wird sie Verarbeitungen ihrer Zeit in der Atacama-Wüste zeigen, symbolisch aufgeladene Objekte unter Glasvitrinen, die surrealistische Elemente und geologische Informationen aufweisen.


Erstmals am Frankfurter Galerienwochenende nimmt die Edition & Galerie Hoffmann aus Friedberg teil, seit den 1960er-Jahren eine erstklassige Adresse für Konkrete Kunst und Konstruktivismus. Im Rahmen der 100-Jahr-Feier des "Neuen Frankfurt" zeigt die Galerie in einer temporären Ausstellung am Goetheplatz 1 Kunst von Ella Bergmann-Michel, Ilse Bing, Walter Dexel und Robert Michel, die an der Reform und Stadtplanungsbewegung "Das Neue Frankfurt" beteiligt waren.


Auch die Bode Galerie mit Standorten in Nürnberg und Südkorea hat einen Pop-up in der Kaiserstraße eröffnet, wo Bahnhofs- und Bankenviertel aufeinandertreffen, und zeigt dort abstrakte Malerei aus Südkorea von Woo Yong Taek.


Ein Stückchen weiter Richtung Bahnhof hat sich der Offspace Parfümerie niedergelassen. Dort zeigt der im Stadtbild seit Jahren präsente Street-Artist Peng seine grafisch außergewöhnlichen Zeichnungen.


Noch tiefer im Bahnhofsviertel sind Schierke Seinecke, die immer wieder tolle Künstlerinnen und Künstler an den Akademien entdecken. In Düsseldorf hat Arno Beck bei Eberhard Havekost studiert – seine Bildsprache ist geschult am Poppig-Digitalen, auch wenn die neuen, gesprayten Bilder an mittelalterliche Holzschnitte erinnern. "Down the Habit Hole" zeigt, dass formale Könnerschaft und Humor zusammengehören können. Genau wie in der Ausstellung zum zehnjährigen Jubiläum nebenan in der dazugehörigen Dependance Rundgænger mit Anna Nero, Theresa Möller und Andrea Grützner.


Zu den großen Playern zählt natürlich Bärbel Grässlin – vor allem in der Malerei macht der Frau mit der 40-jährigen Galeriegeschichte in Frankfurt keiner etwas vor. Der spanische Maler Secundino Hernández wird mit seinen dynamischen Pinselstrichen nicht ohne Grund von Größen wie Krinzinger in Wien, Victoria Miro in London und eben Bärbel Grässlin vertreten. Die ebenfalls von ihr gegründete kleinere Filiale setzt auf Nachwuchs und weniger etablierte Positionen, hier werden Malereien des ebenfalls in Spanien geborenen Künstlers Manuel M. Romero mit dem schönen Titel "Boomerang" gezeigt.


Fliegend oder gefiedert wirken auch die Werke der dänischen Papierkünstlerin Silke Bonde bei Schlieder Contemporary. Ihre zarten Arbeiten wollen das Verhältnis zur Natur erforschen, nach der wir uns sehnen, aber zu der wir zunehmend den Kontakt verlieren. Sie setzt dieses zivilisatorische Dilemma im Motiv der Vögel um.


Naturthemen in die Abstraktion zu überführen, ist auch eines der Themen von Isabelle Borges, die in Brasilien aufwuchs und in Berlin lebt. Geprägt wurde sie durch den brasilianischen Neoconcretismo, ebenso einflussreich waren die New York School sowie europäische Kunst der 1950er- und 1960er-Jahre. Für die 1966 geborene Künstlerin, die bei der Galerie Heike Strelow ausstellt, stehen Flächigkeit und Räumlichkeit, Illusion und Konstruktion in einem ständigen Dialog; sie verwebt sie zu feinen, aber kräftigen Kompositionen.


In der Galerie Sakhile&Me wird ein globaler Kunstbegriff gefördert und gezeigt, mit Schwerpunkt auf der Südhalbkugel. Die Werke der brasilianischen Fotokünstlerin Ana Paula dos Santos überzeugten schon bei mehreren Ausstellungen in Frankfurt. Jetzt sind ihre Bilder, in denen sie den kolonialen Blick auf ihr Land, aber auch auf sich als Person zu "dekolonisieren" hofft, in der 2018 im Frankfurter Westend gegründeten Galerie zu sehen.


Ein Jahr zuvor hatte auch der Verleger Peter Sillem, der zuvor Geschäftsführer der S. Fischer Verlage war, auf der anderen Mainseite eine Galerie für Fotokunst gegründet. Zu den Künstlern der ersten Stunde zählte der vielfach ausgezeichnete Autor und Fotograf Péter Nádas. Seine ruhigen und poetischen Fotografien entstehen meist im unmittelbaren Umfeld seiner Heimat Gombosszeg in Ungarn und halten in zarter Bildsprache das Beständige und das Flüchtige fest. Dass diese beiden Galerien, Peter Sillem und Sakhile&Me, beide wenige Jahre vor der Pandemie gegründet, ihr sorgfältig ausgesuchtes Programm etablieren konnten, zeigt deutlich, dass Neugründungen in Frankfurt überhaupt kein unwahrscheinliches Unterfangen sind. Die Stadt der Hochhäuser ist auch ein guter Boden für Anfänge.

Dieser Artikel erschien zuerst in Monopol 09/2025.