In Frankfurt wird Folklore als cooles Kuriositätenkabinett wiederentdeckt

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Kann man einer Ausstellungslegende aus den 60er-Jahren Reverenz erweisen, indem man ihre radikal avantgardistische Form austauscht gegen das Urtraditionalistische? „Experimenta“ heißt das Frankfurter Avantgardefestival, „Folklore“ ist der Begriff, den der junge Kurator Tobi Maier im Kunstverein dagegenstellt. Klangexperimente gegen Liedgut, Grenzerfahrung gegen Stickerei, Nochnie-Gesehenes gegen rauschebärtige Überlieferungen?
 

Was sich nach einem verkrampften Konzept anhört, ist eine spannende Ausstellung geworden, vor allem dort, wo die Kunst dokumentarisch vorgeht. Jeremy Dellers „Folk Archive“ aus Bannern, Songs, Tassen und Videos von bizarren Wettbewerben ist zwar ein Kuriositätenkabinett, aber eins, das seine Protagonisten nicht verspottet. Anders als Olaf Breuning, der in seinem Film „Home 2“ einen westlichen Rucksackreisenden mit Metal-T-Shirt und schalen Pocher-Gags auf andere Kulturen loslässt. Spätestens nach den sexistischen Kommentaren zu einem afrikanischen Stammesritus nickt man müde die ebenfalls schon bärtige Lektion ab, dass die Globalisierung auch der Folklore die Unschuld nahm.

Ähnlicher Effekt: Wenn in Helmut und Johanna Kandls Video „Goldegg“ ein alpiner Trachtenchor lateinamerikanische Arbeiterlieder singt. Deutsche Folklore spielt keine Rolle in der Schau, hier hat Maier – oder die Kunst generell? – mutmaßlich die üblichen Berührungsängste. Die beste Arbeit kommt vom Japaner Shimabuku: Er nahm einen lebenden Oktopus mit auf Reisen, zeigte ihm die Welt und ließ ihn wieder frei. In São Paulo bezahlte er dann zwei Straßenmusiker dafür, einen traditionellen Folk-Rap darüber zu machen. Der Song über die Reise des Kraken ist cool und rührend zugleich und kehrt die Verhältnisse schön um: Die Kunst muss sich hier ganz schön was einfallen lassen, damit sie Einlass ins kulturelle Erbe findet; ihre Ideen sind längst Mainstream. Es ist dagegen die Tradition, die aufregend schillert.


Frankfurter Kunstverein, 12. Dezember 2008 bis 1. März

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