Carolina Romahn, was hat Frankfurt dafür qualifiziert, World Design Capital zu werden?
Es handelt sich um die gesamte Region Frankfurt Rhein-Main, und beworben haben wir uns mit der Leitidee "Design for Democracy – Atmospheres for a better life". Abgeleitet ist dieser claim aus der langen Tradition der Region, Gestaltung als Instrument für die Verbesserung demokratischer und sozialer Prozesse einzusetzen. Das beginnt beim Buchdruck von Johannes Gutenberg in Mainz und bei der Frankfurter Paulskirchenbewegung, über die Reformbewegungen auf der Mathildenhöhe in Darmstadt und die bahnbrechende Stadtplanung des Neuen Frankfurt vor 100 Jahren. Aber auch die Neue Moderne der 1950er Jahre und das wegweisende Produktdesign von Dieter Rams und Braun zeigen: Design bedeutet hier schon immer auch sozialen impact, nicht nur Verschönerung. Diese Leitidee hat die World Design Organization, die in Montreal ansässig ist und den Titel alle zwei Jahre vergibt, überzeugt.
Es geht also nicht um neue Stühle und Stehlampen, sondern hier kommt ein ganz anderer Designbegriff zum Tragen. Wie erklärungsbedürftig ist das?
Wir haben einen größeren, umfassenderen Gestaltungsbegriff. Unsere Demokratie ist unter Beschuss und zeigt sich sehr vulnerabel. Wir glauben, dass wir durch die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in das Gestalten öffentlicher Plätze und dritter Orte klarmachen können: Wir sind die Gesellschaft, wir gestalten unser Leben, wir wollen bessere Plätze, wir brauchen atmosphärische Orte, die uns die Begegnung miteinander erleichtern. Wir sind eine sehr internationale Region, sehr vielfältig, mit einer gut funktionierenden Integration. Wir sind überzeugt, dass Gestaltung ein Hebel für die notwendige Transformation von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ist. Sie stärkt unser soziales Miteinander, sie stiftet Motivation, wirkt inspirierend – und ermöglicht ein demokratisches Zusammenleben. Genau das braucht die Region Frankfurt Rhein-Main heute besonders.
Wird der öffentliche Raum ihr hauptsächliches Wirkungsfeld?
Nicht nur Gestaltung von Bildung, soziales Design, Service-Design – all das kann verständlicher, attraktiver, einfacher gestaltet sein. Unter soziales Design laufen unsere vielen Partizipationsprojekte, zum Beispiel Nachbarschaften, die an einem Platz etwas verbessern wollen, gemeinsam einen Garten schaffen, diesen auch pflegen und bewirtschaften, bis hin zum gemeinsamen Ernten und Kochen. In Offenbach gibt es bereits dieses Projekt "Interkontinentale Gärten". Da treffen viele unterschiedliche Milieus der Bevölkerung zusammen.
So gesehen ist aber alles Design. Wie haben Sie trennscharfe Kriterien angelegt?
Auf den Open Call gab es 1200 Einreichungen. Ein Expertin:innen-Team wählte dann daraus 400 aus, nach Kriterien wie beispielsweise Teilhabe oder Nachhaltigkeit. Es ist nicht so, dass Menschen jetzt überall Gartenzwerge aufstellen werden. Viele Projekte werden von Designern und Gestaltern begleitet oder weisen beispielsweise eine Verbindung von Design und Demokratie auf. Die World Design Organization, kurz WDO, als Vergebende des Titels ist eine internationale NGO mit Sitz in Montreal. Sie unterstützt explizit die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Das globale Netzwerk aus mehr als 40 Ländern repräsentiert mehrere Hunderttausend Designerinnen und Designer und verfolgt das Ziel, Design als Werkzeug für positive gesellschaftliche Veränderung weltweit zu verankern. Daher gehört auch klassisches Produktdesign zu den Themen, da es natürlich herausragende Produkte gibt, die unsere Ziele von ökologischer Verträglichkeit, Langlebigkeit, Wiederverwendbarkeit von Materialien, Kreislaufwirtschaft und Mobilität widerspiegeln. Jedoch liegt die Kraft von Design darin, komplexe Herausforderungen in allen unseren Lebensbereichen zu verstehen und daraus innovative, nachhaltige Lösungen zu entwickeln.
Die Design-Messe Open im Juni 2026 soll solche Innovationen vorstellen – aber nicht in einer Messehalle.
Es ist mehr als eine Messe, wir kommen mit der Open direkt in die Stadt zu den Menschen. Agenturen, Studios oder Konsumgüterhersteller werden ihre Tür öffnen und zeigen, woran sie forschen und arbeiten und welche Produkte sie in Zukunft auf den Weg bringen wollen. Ein Beispiel für die internationale Aufmerksamkeit der Open ist der Besuch von Vertreter:innen aus den 40 Unesco Creative Cities. In den Monaten Februar, März und Mai haben wir den Schwerpunkt "Lebensräume", der die Themen Bauen und Wohnen, Mobilität, Klima und Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung, digitaler Raum und "Save Democratic Spaces" beleuchtet. So bearbeiten wir das Thema demokratische Räume, Gestaltung von Plätzen, dritte Orte, Um- und Zwischennutzung.
In Frankfurt am Main gibt es diese verrückte Schieflage aus Leerstand und Wohnungsnot.
Genau. In Frankfurt, aber auch in vielen Innenstädten der Region gibt es eine Schieflage zwischen beeindruckender Architektur und Plätzen, die wenig einladend sind – sie wirken leer, kühl, unpersönlich. Dabei sollte Gestaltung genau hier ansetzen: Sie kann solche Orte in lebendige, grüne und nachhaltige Räume verwandeln – in urbane Wohnzimmer, in denen Menschen sich gerne aufhalten und miteinander ins Gespräch kommen. Frankfurt hat schon viele Widersprüche, aber auch ein großes Potenzial, sich mal wieder in Bewegung zu setzen und auch Lebensräume besser zu gestalten. Die Menschen, die das entscheiden, sind die Stadtplaner. Unser Ziel ist es, die Design Week, sowie den WDC-Campus der Hochschulen nachhaltig zu etablieren. Darüber hinaus möchten wir mit einem zukünftigen Gestaltungsbeirat für den öffentlichen Raum oder einem Design Officer - wie in Helsinki - neue Impulse setzen. Also ein Beirat oder eine Person, die von der Stadt installiert wird, um solche Planungsprozesse unter dem spezifischen Blick von Gestaltung zu begleiten und auch Empfehlungen auszusprechen.
Unter den mitwirkenden Akteuren findet sich auch eine lange Reihe von Institutionen. Welche Rolle werden sie spielen?
Mit dem Thema Demokratie setzen sich viele Museen schon länger auseinander. Wir wollen die demokratische Resilienz, die unsere Gesellschaft mehr denn je braucht, mit unserem Gestaltungsbegriff in Zusammenhang bringen. Im Jüdischen Museum wird es zum Beispiel ab April eine sehr spannende Ausstellung mit großem Rahmenprogramm mit dem Titel "Mishpocha" geben. Da wird Mike D. von den Beastie Boys seine Lebensgeschichte erzählen: Wie Gestaltung im kleinsten Kreis der Familie anfängt, wo Aushandlungsprozesse stattfinden, wie das dann in den Freundeskreis schwappt, dann zur Gründung einer Band führt, also wie ihn dieser gemeinsame Prozess mit anderen Menschen sozialisiert hat.
Design braucht die Industrie. Wie sieht es da aus?
Zunächst wollen wir neue wissenschaftliche Prozesse anstoßen und ermöglichen. In Zusammenarbeit mit internationalen Hochschulen der Region wird fächerübergreifend an bestimmten Projekten gearbeitet, und diese Arbeit zeigen wir auf dem WDC-Campus ab April: Da trifft der Soziologe mit der Materialwissenschaftlerin zusammen, die Grafikdesignerin arbeitet mit dem Physiker. Es werden tolle neue Ideen entstehen und ausgestellt werden. Das kann dann auch für Unternehmen interessant werden, die Ideen umsetzen könnten. Wir zeigen, dass in dieser Region sehr viel Potenzial und Exzellenz in Forschung und Wissenschaft herrscht, was auch für die Wirtschaft befruchtend ist.
Weg vom Image der Finanzwirtschaft, hin zur Kreativwirtschaft?
Wir wollen zeigen, dass Frankfurt Rhein-Main weit mehr ist als ein Finanz- und Handelsplatz: nämlich eine dynamische, kreative und innovative Region. Es gibt sehr viele Mittelständler, es gibt viele Kreativbüros, Kommunikationsagenturen, über 100.000 Erwerbstätige in der Kreativwirtschaft, die einen nennenswerten Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten und auch eine Menge Arbeitsplätze bieten. Das Narrativ der Region reicht weit über die abstrakte Finanzwelt hinaus: Frankfurt Rhein-Main ist weit mehr als ein Finanzstandort: In dieser vielfältigen, polyzentrischen Region entstehen Ideen, Produkte und Gestaltung – getragen von starken Unternehmen, angesehenen Kultureinrichtungen und einer dichten Hochschullandschaft.