Kürzlich ist in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") eine viertelseitige Anzeige erschienen, die auf ein Preisausschreiben in eigener Sache hinweist. Gesucht wird eine Autorin oder ein Autor, die oder der "auf die jährlich gestellte Preisfrage aus dem Bereich der Künste und der Ästhetik die beste Antwort" beisteuert. Nähere Kriterien werden nicht genannt. Die aktuelle Frage lautet: "Gibt es nationale Unterschiede in den Künsten?" Als Preisgeld winken 10 000 Euro. "Teilnahmeberechtigt sind alle, außer Angestellte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Jeder Autor und jede Autorin außerhalb des Verlags kann demnach teilnehmen. Zu den Bedingungen gehört nur ein "neu geschriebener" Beitrag "in deutscher Sprache", der als Word-Datei mit einem Umfang von bis zu 12 000 Zeichen einschließlich Leerzeichen einzureichen ist. Einsendeschluss ist der 15. August 2026. "Über die Vergabe des Preises wird eine Jury entscheiden, der Jürgen Kaube, Sandra Kegel, Niklas Maak und Simon Strauß angehören", sämtlich Mitglieder der "FAZ"-Redaktion beziehungsweise des Herausgebergremiums. "Der Siegertext wird im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht", und "der Preis wird am 2. November im Deutschen Theater Berlin verliehen." Insofern handelt es sich um ein verlockendes Angebot, zumal die Anforderungen eher niedrig erscheinen und jedes Textzeichen mit knapp einem Euro honoriert wird.
Der ausgeschriebene Preis trägt seit zwei Jahren den Titel "Feuilleton-Preis der Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und wird "in Erinnerung an Michael Althen vergeben". Wer nicht weiß, wer der Genannte war, dem sei gesagt, dass es sich um einen ehemaligen, allseits hochgeschätzten Filmkritiker der "FAZ" handelt, der 2011 an Krebs starb. Bereits im Jahr darauf wurde erstmals der von der "FAZ" gestiftete "Michael-Althen-Preis für Kritik" ausgelobt. Ausgezeichnet wurden von da an jährlich bis 2024 bereits publizierte journalistische Texte. Als Jury fungierten vorwiegend Schauspielerinnen und Schauspieler, Autorinnen und Autoren sowie Regisseurinnen und Regisseure – also Vertreterinnen und Vertreter jener Bereiche, für die Althen als Kritiker zuständig war. In einer begleitenden Stellungnahme zum Preis hieß es damals: "Ausdrücklich soll es ein Preis für jede Form von Kritik, nicht speziell für Filmkritik sein. Es geht um Kritik, die nicht unbedingt recht haben will, um Kritik, die sich die eigenen Gefühle nicht mit wasserdichten Begriffen vom Hals hält, um Kritik, die vom Bewusstsein lebt, dass analytische Schärfe und Wahrhaftigkeit der Emotion einander nicht ausschließen."
Aus diesem ambitionierten Programm ist unterdessen ein Publikumspreis geworden, der auch Laien ermuntert, ihr Textscherflein beizutragen. Die Aufgabe der Jurierung verbleibt dabei im Sinne eines geschlossenen redaktionellen Kreislaufs bei Angehörigen der eigenen Zeitung.. Die Änderung der Preisbezeichnung und des Vergabemodus geht auf redaktionsinterne Querelen zurück. Geopfert wurde dafür der Name des renommierten Kritikers; stattdessen wurde der Name der Zeitung prominent hervorgehoben – vermutlich nicht zuletzt aus werbewirtschaftlichem Kalkül.
Mehr Popularität als Präzision
Pflichtschuldig und eher beiläufig fällt im ersten Satz der aktuellen Ausschreibung noch der Name Michael Althen, allerdings ohne nähere Angaben, die der heutigen Leserschaft Aufschluss darüber geben könnten, um wen es sich dabei handelt. Auch Ansprüche an die Qualität der einzureichenden Texte werden nicht formuliert. Am Ende läuft es vage auf den irgendwie "besten" beziehungsweise einen "Siegertext" hinaus.
Was also könnte oder sollte jemanden daran hindern, sich der gestellten Aufgabe zu unterziehen? Preisaufgaben gibt es seit Menschengedenken. Erinnert sei nur an die Isthmischen Spiele der Antike, denen Friedrich Schiller ein dichterisches Denkmal gesetzt hat, an den Minnesängerkrieg auf der Wartburg im Mittelalter oder an die Weimarer Preisaufgaben, die Goethe ins Leben gerufen hat, um die bildende Kunst zu fördern. Aber zurück zur aktuellen Variante: Zunächst stößt dem Leser die wenig elegante, ja schlichte Sprache der Anzeige auf. Gleich viermal spielt das Verb "geben" darin eine signifikante Rolle, angefangen bei der Preisfrage ("Gibt es …") und anschließend dreimal im Erläuterungstext. Gibt es denn, so könnte man fragen, für dieses Verb keine Synonyme? Weiter heißt es, wie bereits zitiert, knapp: "teilnahmeberechtigt sind alle". Mit "alle" sind selbstverständlich die Autorinnen und Autoren gemeint, doch im letzten Abschnitt bleiben davon nur noch anonym "alle" übrig. Das ist sehr großzügig gedacht, zielt aber womöglich eher auf Popularität als auf Präzision. Eine Einschränkung bildet allerdings der Hinweis auf die deutsche Sprache, wobei dies in Zeiten von Deepl- und Google-Übersetzung längst keine nennenswerte Hürde mehr ist.
Irritierend ist jedoch etwas anderes, und zwar die Fragestellung selbst und der zugehörige sechszeilige Kommentar. Was für eine krude Frage im Stil eines Oberstufen-Besinnungsaufsatzes wird den Lesenden hier im Jahr 2026 präsentiert: "Gibt es nationale Unterschiede in den Künsten?" In einer ersten Fassung, die bereits im Mai diesen Jahres online zu finden war, hieß es in einer Überschrift noch "Gibt es nationale Handschriften in der Kunst?". Von dieser Wendung hat man später Abstand genommen, indem man die "Handschriften" durch "Unterschiede" austauschte und die Kunst in den Plural setzte. Die Frage bleibt jedoch mehrdeutig. Man könnte sie so verstehen, dass nach den Differenzen innerhalb des gesamten Kunstsystems, also jenen zwischen den bildenden, darstellenden und erzählenden Künsten, gefragt wird. Das aber ist nicht der Fall. Es geht vielmehr um Unterschiede zwischen national geprägten Kunsttraditionen, wie der Kommentar verdeutlicht:
"Zur Debatte steht, ob es in den Künsten (Film, Theater, Literatur, bildende Kunst et cetera) eine nationale Prägung, einen eigenartigen Stil gibt oder wir davon ausgehen müssen, dass Kunst per se immer von internationalen Einflüssen bestimmt ist. Welche Argumente sprechen dafür oder dagegen, dass es einen genuin amerikanischen Film, eine japanische Architektur, eine indonesische Malerei oder eine deutsche Art zu komponieren gibt?"
Kulturelle Unterschiede statt nationaler Kunst
Selbstverständlich spricht überhaupt nichts dagegen, dass das Hollywoodkino existiert oder dass vor Jahrzehnten von einem "Neuen Deutschen Film" die Rede war. Die Formulierungen sind dermaßen ungenau, dass sich Missverständnisse beinahe automatisch einstellen. Denn wer wollte bezweifeln, dass es eine Kunstströmung wie die Romantik in Deutschland oder eine englische Künstlergruppe namens "Präraffaeliten" gegeben hat, dass die Gedichtform des Haiku und das Kabuki-Theater japanischen Ursprungs sind, oder dass sich orientalische Klänge von russischen Gesängen unterscheiden? Für all dies sind kulturelle Traditionen und historische Entwicklungen maßgeblich verantwortlich.
Das merkwürdigste Wort in diesem Absatz ist neben der Wendung "nationale Prägung" das Attribut "eigenartig" ("eigenartiger Stil"). Hier stimmt sprachlich kaum noch etwas. "Eigenartig" ist nicht gleichbedeutend mit "eigenständig", sondern bedeutet vielmehr seltsam, sonderbar, merkwürdig, ungewöhnlich oder kurios. Genau das dürfte hier jedoch kaum gemeint sein. Eigenartig ist vielmehr der holprige Sprachstil der Anzeige. Offenbar wird "eigenartig" hier als Synonym für "nationale Prägung" verwendet. Gerade darin liegt eine unfreiwillige Pointe: Die Frage nach der "nationalen Prägung" der Kunst kann einen durchaus befremden, sodass sich "eigenartig" als Attribut in diesem Zusammenhang ungewollt doch wieder als treffend erweist.
Verstörend ist im Übrigen die Betonung des "Nationalen". Wer, um Himmels willen, hat heute noch Interesse daran, diese Frage zu stellen und zu beantworten? Die Diskussion um eine Kulturnation oder gar eine Leitkultur schien, so könnte man meinen, hinter uns zu liegen. Im sogenannten Kulturkampf taucht sie inzwischen jedoch wieder auf. Gerade hat Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Bayreuther Rede die Kulturnation wieder beschworen ("Wir waren eine Kulturnation, lange bevor wir eine politische Nation wurden") und Kultur zugleich als "nationales Lagerfeuer" bezeichnet – die Männerfantasie von einer Gruppe, die sich in der Dämmerung am Waldesrand im Kreis versammelt, wärmt und verbrüdert. Es ist kein Zufall, dass es im deutschen Parlament eine Partei gibt, die dem "Deutschtum" wieder Auftrieb verschaffen möchte. Die AfD ist sich sicher, dass es eine "nationale Prägung" der Künste gibt und geben sollte. Das Bauhaus in Weimar etwa gilt ihr aufgrund seines internationalen Charakters als "undeutscher" Stil und als "Irrweg der Moderne" (Hans Thomas Tillschneider, Landtag von Sachsen-Anhalt). Es ist ihr derart verhasst und "fremd", dass sie die finanzielle Förderung der entsprechenden Einrichtungen nach einem künftigen Wahlsieg so rasch wie möglich einstellen möchte.
Der Mythos nationaler Authentizität
In diesem zeithistorischen und politischen Kontext nach "nationalen Prägungen" der Kunst zu fragen und ebenso hilf- wie gedankenlos zum Beispiel von einem "genuin amerikanischen Film" zu sprechen, untergräbt das Selbstverständnis einer Kultur, die sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam als international offen definiert hat. Als "genuin", also "echt", "angeboren", "ursprünglich" oder "authentisch", bezeichnet heute, abgesehen von Vertreterinnen und Vertretern reaktionärer politischer Strömungen, kaum noch ein Repräsentant der Gegenwartskultur seine Beiträge zur Kunst. Wie sollte das auch anders sein in einer global vernetzten Welt? Kultur wird längst weithin als eine zentrale Ebene der Verständigung über Landesgrenzen hinweg verstanden. Selbst der deutsche Fußball besitzt nichts "genuin" oder "national" Authentisches; vielmehr steht er für die gelungene Integration unterschiedlichster kultureller Einflüsse.
Hinter der Frage nach der "nationalen Prägung" verbirgt sich letztlich die andere Frage nach der "deutschen Kunst". "Gibt es heute noch eine 'deutsche' Kunst?", fragte der Kritiker Carsten Probst 2020 in einer Sendung des Deutschlandfunks. In seinem Essay diskutiert er die Forderungen nach einer "typisch deutschen" oder "neuen Nationalkunst", weist sie am Ende jedoch mit besonnener Argumentation als überholt zurück.
Ja, es existieren "Unterschiede in den (internationalen) Künsten". Mit dem Begriff "national" lassen sie sich jedoch allenfalls unter problematischen politischen Vorzeichen beschreiben. Es handelt sich vielmehr um kulturelle Differenzen und Divergenzen, die erst im wechselseitigen Austausch sichtbar und verständlich werden. Eine reflektierte Betrachtung hebt sie über die Niederungen kultureller Tümelei hinaus und ermöglicht Distanz, Überblick und Differenzierungsvermögen anstelle ästhetischer wie politischer Kleinkariertheit.