Es gibt Kunsthändler, und es gibt Galeristen. Die Trennlinie ist nicht exakt zu ziehen. Franz Dahlem hätte man zeitlebens der zweiten Kategorie zuordnen können. Zumal der Galerist als Kunstliebhaber nie in Rente geht wie der Händler, sondern immer an der Kunst interessiert bleibt - auch, wenn sie nicht mehr durch seine Hände und somit seine Buchhaltung geht.
Franz Dahlem hatte sich längst zur Ruhe gesetzt. In München galt er als elder statesman der Galerienszene und gab in Interviews gern Auskunft über seine eigene Tätigkeit und die Kunst im Allgemeinen. Geboren 1938 und seit dem 12. Lebensjahr ohne Vater aufgewachsen, gehörte er einer Generation und einer Schicksalskohorte an, die sich ganz aus eigenem Antrieb heraus einen Platz schaffen musste.
Die Kunst war ihm nicht vorbestimmt, er hatte sie auch nicht gewählt. Vielmehr hatte er zunächst Bierbrauer gelernt und dann Buchhändler, als er (auf einer ersten Fahrt per Anhalter nach Paris) mit Kunst in Berührung kam – und sie ihn fortan nicht mehr losließ.
Ein "Platzhirsch" in Darmstadt
1961 lernte er den Künstler Uwe Lausen kennen, heutzutage ein Name, den man nachschlagen muss, damals notorisch aufgrund einer Strafverfolgung wegen Gotteslästerung. Das waren wahrlich noch andere Zeiten. Für Lausen organisierte er eine Ausstellung beim legendären Rudolf Springer in Berlin, der sich für keine Attacke auf die "Spießermoral" zu schade war.
Aber Dahlem wohnte in München, und so war für ihn die beinahe selbstverständliche Schlussfolgerung, 1963 eine eigene Galerie aufzumachen. Nicht ganz allein, sondern gemeinsam mit Six und Heiner Friedrich, und das gleich in der Maximilianstraße, der gehobenen Shopping-Meile des nach und durch den Zweiten Weltkrieg zur Glamourhauptstadt der jungen Bundesrepublik herangewachsenen München. Es gab Reibereien, und dann eine gänzlich eigene Galerie, gegründet Ende 1966 in gebührlicher Entfernung von München und den dortigen Platzhirschen: in Darmstadt.
Hier war Franz Dahlem selbst der "Platzhirsch", und er zeigte, was damals allerneueste Kunst war: Allen voran protegierte er den im heimischen Düsseldorf noch längst nicht zu späterem Ruhm gereiften Josef Beuys. Aber auch der schon erwähnten Uwe Lausen wurde von ihm ausgestellt, dazu kam die erste Soloschau des erst wenige Jahre zuvor aus der DDR geflüchteten Gerhard Richter. Dann waren da aus den USA Robert Rauschenberg und Cy Twombly, damals an der Spitze der neuen amerikanischen Kunst, aber hierzulande noch vollkommen unbekannt.
Was jenseits des Atlantiks geschaffen wurde
In Darmstadt residierte der Industrielle Karl Ströher. Ihn kennenzulernen und vom Erwerb neuester Kunst zu überzeugen, erwies sich als Sternstunde der Galeristentätigkeit von Franz Dahlem. Hier hatte er jemanden gefunden, der ungeachtet seines bereits hohen Alters nicht nur mitging, sondern vor allem auch über die Mittel verfügte, das einmal entflammte Kunstinteresse in eine handfeste Sammlung zu überführen.
Dahlem hatte seine Fühler nach New York ausgestreckt und wusste um die Pop-Art-Sammlung des überraschend verstorbenen Versicherungsmaklers Leon Kraushar, die womöglich en bloc zu erwerben war. Der Händler managte den Ankauf der 188 Werke durch Ströher, der einen Teil zur Finanzierung weiterveräußerte. Bald darauf ging die Sammlung Ströher in Bundesdeutschland auf Ausstellungstournee und zeigte erstmals in großem Maßstab, was jenseits des Atlantiks gerade eben erst geschaffen wurde.
Ein zweiter, kaum minder potenter Kunstliebhaber wurde aufmerksam und folgte Ströhers Fußstapfen. Es war der Schokoladenkönig Peter Ludwig aus Aachen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Beuys als westdeutscher Über-Künstler
Unterdessen hatte Dahlem in Darmstadt den "Fettraum" von Josef Beuys gezeigt und viel dafür getan, dass der Mann mit Hut spätestens mit der legendären Documenta V (1972) zum westdeutschen Überkünstler aufstieg. Die sperrigen Werke, sowohl vom Verständnis als auch von ihrer schieren Ausdehnung her, wusste Dahlem zu vermitteln.
Im Städtischen Museum Mönchengladbach – damals noch nicht in Hans Holleins elegantem Neubau auf dem Abteiberg – hatte Beuys seine erste institutionelle Ausstellung unter dem Titel "Parallelprozeß I", und die kaufte Ströher auf Dahlems Rat hin als Komplettpaket an. Es war die große Zeit seiner Galeristentätigkeit.
Es ist auch ihm zu verdanken, dass Beuys heute in den Museen von Kassel, dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt, wo der "Block Beuys" seine Heimat gefunden hat, oder in Frankfurts MMK mit Schlüsselwerken vertreten ist; unter anderem durch Ankäufe aus der – leider nicht im Ganzen erhalten gebliebenen – Sammlung Ströher. Dahlem war eben mehr Kunstliebhaber, als dass er den Handel in den Vordergrund gerückt hätte.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Der geschah auch, aber nicht vorrangig. "Es ging in erster Linie darum, Künstler auszustellen", hat Dahlem immer wieder betont, und in einem Gespräch mit der Zeitschrift "Kunstforum" schob er nach: "Wir hätten gern viel mehr verkauft, aber es gab damals leider noch keinen Markt dafür." Das ist Koketterie, denn er hat viel verkauft. Er war im richtigen Augenblick am richtigen Ort.
Der place to be war um 1970 herum nicht zuletzt Köln, wo die erste und anfangs sehr erfolgreiche deutsche Kunstmesse entstand, der Kölner Kunstmarkt. Dort rief die New Yorker Dia Art Foundation auch eine Dependance ins Leben, die Dahlem leitete. Sie hatte zwar nicht auf Dauer Bestand, aber Franz Dahlem konnte einmal mehr seiner Kunstbegeisterung nachgehen.
Von Georg Baselitz, ein weiterer großer Name, den Dahlem früh ausgestellt hat, stammt ein großformatiges Porträt des Galeristen. 1969 nach einer Fotografie gemalt und Baselitz-typisch auf dem Kopf stehend, zählt es seit 2020 zum Bestand des New Yorker Metropolitan Museum of Art, übrigens als Geschenk der Familie des Malers.
"Ich bezweifle, dass es den Tod überhaupt gibt"
Solch einen Ritterschlag hätte sich Franz Dahlem sicher nicht träumen lassen. Ob er an seinen Tod dächte, wurde er in einem weiteren Gespräch mit dem "Kunstforum" gefragt. "Täglich", lautete die Antwort. "Ich bezweifle, ob es ihn überhaupt gibt, obwohl ich vor kurzem eine Grabstelle gekauft habe. Ich gehe gern in Kirchen und auf Friedhöfe."
Wie sein langjähriger Freund und Verleger seiner Autobiografie Lothar Schirmer jetzt mitgeteilt hat, ist Franz Dahlem bereits Ende Dezember bei München im Alter von 87 Jahren gestorben.