Ausstellung beim Bundespräsidenten

Die Kunstfreiheit als Schlossgespenst

Schloss Bellevue wird renoviert, der Bundespräsident muss ausziehen. Vorher ist im prachtvollen Berliner Amtssitz noch eine Pop-up-Ausstellung mit prominenten Namen zu sehen. Die will große Themen anschneiden, ist aber etwas brav geraten

Dass man mal im Schloss Bellevue stehen und andächtig ein Bund Spargel betrachten würde (und nein, es ist kein Staatsbankett), hätte man auch nicht gedacht. Aber nun sind die grünen, etwas krummen Stangen, die der Fotograf Wolfgang Tillmans in Nahaufnahme als Stillleben inszeniert hat, ein Blickfang im ersten Stock des Prachtbaus am Berliner Tiergarten. Aus dem Treppenhaus schallt endloser Jubel über den Mauerfall, der den Soundtrack für ein Video des Künstlers Jürgen Böttcher alias Strawalde bildet. Wiedervereinigung und Spargelzeit: Es ist ein ziemlich deutsches Szenario, das der Besucherin hier begegnet. 

Aber immerhin befindet man sich auch im Amtssitz des Bundespräsidenten, sozusagen im repräsentativen Herz der BRD. Da wird man automatisch mit schwarz-rot-goldenen Befindlichkeiten konfrontiert. Und man kann dieses Assoziationsspiel noch etwas weitertreiben. Denn knapp 40 Jahre nach der Öffnung der Mauer ist von der Ekstase in Strawaldes Videoarbeit nicht viel zu spüren. Kein Feuerwerk, keine feiernden Massen am Brandenburger Tor (nicht mal eine WM-Fanmeile gibt es in diesem Sommer). 

Vielmehr kann einem die gesamtdeutsche Republik gerade wie eine Dauerbaustelle vorkommen. Ab dem 1. Juli kommt noch eine weitere dazu: Schloss Bellevue soll acht Jahre lang saniert werden, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zieht mit seinem Stab vorübergehend in ein Bürohaus mit bunter Würfelfassade nahe dem Hauptbahnhof. In Berlin ist man aus guten Gründen eher skeptisch gegenüber offiziellen Prognosen für große Bauprojekte. Wer weiß, wann wir Bellevue in neuem Gewand wiedersehen.

Spargelbund und Ölschinken

Bevor die klassizistische Fassade des Schlosses hinter Gerüsten verschwindet, ist nun noch einmal die Kunst eingezogen. Bis zum 28. Juni ist in den bereits leergeräumten Zimmern und Fluren eine Pop-up-Ausstellung zu sehen, die mit kostenlosen Zeitfenstertickets besucht werden kann. Der Ansturm auf die Slots war so groß, dass zwischenzeitlich der Server des Reservierungssystems zusammenbrach. An Kunstverdrossenheit scheinen die Deutschen immerhin nicht zu leiden.

Für die begehrte Schau "Freiraum Kunst" zeichnet die Berliner Akademie der Künste (AdK) verantwortlich. Für deren Vizepräsident Anh-Linh Ngo, der das Projekt mitkuratiert hat, geht es im Kern um die Auseinandersetzung mit demokratischer Repräsentation. Denn der Sitz des Bundespräsidenten ist zwar in der Praxis vor allem ein Gehäuse für die Mächtigen (hier werden Staatsgäste empfangen und Kanzler oder Ministerinnen ernannt und entlassen), theoretisch ist er aber auch ein Haus der Bevölkerung. Es soll keine Hierarchie der Bilder geben. Hier gehört Wolfgang Tillmans' Spargelbund genauso hin wie ein historischer Ölschinken.

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler, vor allem Mitglieder der AdK, gehen unterschiedlich mit diesem Rahmen um. Manche holen die großen deutschen Themen hervor; Gregor Schneider zum Beispiel, der das Geburtshaus von Joseph Goebbels aufgekauft hat und im Schloss Bellevue ein Video der Entkernung dieser Schicksalsimmobilie zeigt. Im Berliner Regierungsviertel mahnt das bauliche Erbe des Faschismus. Die Paarung der beiden Häuser ist sicher kein Zufall, schließlich rückt die AfD nicht nur in Sachsen-Anhalt immer näher an die Macht. 

Liebling, ich habe den Bundespräsidenten geschrumpft

Auch der ukrainische Fotograf Boris Michailov erinnert an aktuelle Krisenherde. Zwar hat er seine "Mutter mit Kind" schon 1990 am Strand der Halbinsel Krim abgelichtet, heute ist es aber schlicht unmöglich, das Bild nicht vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs zu betrachten. Unser Wissen von heute prägt auch den Blick auf die Vergangenheit. 

Eine eigene Auffassung von Repräsentation vertreten die beiden Künstlerinnen Monica Bonvicini und Karin Sander. Bonvicini bespielt mit ihrer großformatigen Arbeit "Hard String" einen symbolträchtigen Platz: die Stirnwand des Festsaals, an der jahrzehntelang eine abstrakte Farblandschaft von Gotthard Graubner hing – bekannt von unzähligen Pressefotos des Bundespräsidenten. Auch Monica Bonvicinis Werk wirkt auf den ersten Blick wie ein gegenstandsloses Pixelpanorama. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, dass die Collage aus unzähligen Frauengliedmaßen besteht, die die Künstlerin aus Zeitschriften ausgeschnitten hat. Im Schloss Bellevue, das bisher nur von Männern bewohnt wurde, wird auf die Objektivierung und Zurichtung von weiblichen Körpern hingewiesen.

Karin Sander hat sich dagegen direkt am Bundespräsidenten "vergriffen". Für ihre Skulptur "Frank-Walter Steinmeier 1:5" hat sie den SPD-Politiker digital vermessen und in verkleinerter Version als Skulptur reproduziert. Nun steht der Mini-Steinmeier auf einem schlichten Sockel und erinnert ein wenig an eine Action-Figur (nur ohne Action) oder einen netten Anzugmann aus dem Barbieversum. Politische Macht wird hier beschaulich; gleichzeitig ist dieses Bildnis eine Antithese zu den megalomanen Herrscherporträts, die zum Beispiel Donald Trump gerade wie am Fließband in die Welt sendet.

Installationsansicht: kleine Männerskulptur im Anzug zentriert auf Sockel im Saal
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa. VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Die Skulptur von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ein 3-D-Druck aus Gipsmaterial nach einem 3-D-Farbscan der Künstlerin Karin Sander, in der Ausstellung "Freiraum Kunst – Akademie der Künste goes Bellevue" im Schloss Bellevue


Der echte Frank-Walter Steinmeier gab sich bei der Eröffnung der Ausstellung als großzügiger Schirmherr für die künstlerischen Gäste. "Kunst ist in diesem Sinne eben kein Luxus, sondern essenzieller Teil der demokratischen Debatte", sagte er beim Vorab-Rundgang mit Journalisten. So adressierte er selbst das Thema, das zwischen allen Werken, sozusagen als Schlossgespenst, durch die Flure von Bellevue spukt: das Verhältnis zwischen dem deutschen Staat und seinen Kulturschaffenden, das derzeit nicht gerade ungetrübt ist. In den drastischen Kürzungen von Etats und den staatlichen Eingriffen beim Thema Israel/Gaza sehen viele eine Attacke auf die Kunstfreiheit. 

Bei der Pressekonferenz kam dann fast folgerichtig die Frage auf, ob es irgendwelche inhaltlichen Vorgaben für die Ausstellung gegeben habe. Warum, wollte ein Reporter wissen, käme denn das Thema Nahost so gar nicht vor? Es fühlte sich an, als hätten einige Beobachter auf einen offenen Schlagabtausch gehofft. Nach dem Motto: Ihr nennt diese Ausstellung "Freiraum Kunst", dann wollen wir mal sehen, wie viel Freiraum es wirklich gibt.

So funktioniert die Schau jedoch nicht. Manos Tsangaris, Präsident der Akademie der Künste, versicherte, dass es absolut keine Einmischung gegeben habe. Die Künstlerinnen und Künstler selbst hätten sich entschieden, auf konkrete politische Parolen zu verzichten. Das ist natürlich legitim, und Tsangaris verwies zu Recht darauf, dass man Kunst nicht als bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln begreifen solle.

Bellevue blinkt "SOS"

Trotzdem ist "Freiraum Kunst" nun ein wenig brav geraten. Nicht per se unpolitisch, aber abgesichert. Im staatstragenden Rahmen treffen sich vor allem bewährte Positionen, die kein Risiko eingehen. Wenn der Künstler Jochen Gerz in seiner Videoarbeit "Rufen bis zur Erschöpfung" von 1972 in Endlosschleife "Haaaallloooooo" durchs Schloss brüllt, bekommt er keine Antwort. Man weiß auch nicht genau, was man zurückschreien soll, weil es nichts gibt, an dem man sich wirklich reiben kann.

Am hintergründigsten ist die Ausstellung, wenn man im Dunkeln am Schloss Bellevue vorbeifährt. Während auf dem Dach der riesige Schriftzug "Freiraum Kunst" des Künstlers Christian Awe an ein spektakuläres Werbebanner erinnert, sendet Bjørn Melhus ein ganz anderes Signal. Aus den Fenstern der Machtzentrale lässt der Künstler mit Scheinwerfern das Zeichen für "SOS" blinken. Feiert das Schlossgespenst da eine Party? Oder sendet die Kunst etwa doch einen Notruf?