Gabriele Münter und Kathrin Sonntag in Ravensburg

Wenn Augen reisen

Das Kunstmuseum Ravensburg bringt die Künstlerinnen Gabriele Münter und Kathrin Sonntag über ihre Fotografien ins Gespräch. Auch für Münters Malereien ergibt sich so eine Brücke von der Moderne in die Gegenwart

Bunte Landschaften aus Feldern, umrandet von dunklen Konturen. Häuschen, die sich mal gerade emporrecken und mal sachte im Wind beugen, strahlen durch die Räume des Museums. Im Kontrast dazu erzählen Schwarz-Weiß-Fotografien ihre eigenen Geschichten und wirken beinahe wie eine Zeitmaschine. 

Die Malerin Gabriele Münter ist inzwischen als Pionierin der Moderne anerkannt und wird international mit Retrospektiven geehrt. Das Kunstmuseum Ravensburg widmet sich aktuell nicht nur ihrem Œuvre auf Leinwand, sondern auch einer Facette ihres Werks, mit der alles begann und die vielen Menschen nicht allzu bekannt ist: ihren Fotografien. Ergänzt durch Arbeiten der Künstlerin Kathrin Sonntag nimmt die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Marta Herford entstanden ist, ihr Publikum mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte, die sich aus dem Dialog der historischen und der zeitgenössischen Position ergibt.

Eine junge Frau, gerade einmal 21 Jahre alt, macht sich mit ihrer Bull’s-Eye-Boxkamera von Kodak auf den Weg nach Amerika. In dieser Zeit sammelt sich ein Konvolut von ungefähr 400 Bildern an. Die Fotografin ist Gabriele Münter. Die Ravensburger Schau "Das reisende Auge" stellt mit diesen Aufnahmen zum einen ein verblüffendes Zeugnis der Jahre zwischen 1898 und 1900 aus. Zum anderen ermöglicht Kathrin Sonntag anhand ihrer eigenen Fotos, die ebenfalls vom Unterwegssein handeln, eine Nahbarkeit und Aktualität.

"Der Akt des Fotografierens gleicht einem Tanz der Wirklichkeit"

Im Grunde geht es um Begegnungen, flüchtige und alltägliche Momente, die Münter auf ihrer Reise mit ihrer Schwester Emmy sammelte. Sie erlauben einen Einblick in die Wahrnehmung der Künstlerin, der sich intim anfühlt. Was empfand sie als wichtig, ausgefallen oder einfach unterhaltsam?

Kathrin Sonntag erzählt im Audioguide zur Schau: "Der Akt des Fotografierens gleicht einem Tanz der Wirklichkeit, bei dem man mitunter erst später merkt, wer geführt hat." Diese Bilder aus der Vergangenheit sind immer auch vom Blick der Gegenwart geprägt. Ein Gefühl von Verbindung und Nähe macht sich in der Besucherin bemerkbar, fast 126 Jahre später.

Diese Frauen, die 1900 im Vergnügungspark St. Louis mit der Achterbahn gefahren sind, hatten wahrscheinlich dasselbe Kribbeln im Bauch wie die Menschen es heute haben. Ein Mädchen im Sonntagsstaat, ebenfalls in St. Louis, zupft hinten ihr Kleid zurecht. All das sind Bilder, die Bewegung implizieren. Ihre Wirkung ist weit entfernt von der Statik der Fotografien, die man sonst aus dem frühen 20. Jahrhundert kennt.

Wie sah der Alltag dieser Frauen aus?

Im direkten Vergleich zu Sonntags zeitgenössischen Bildern, die an den bunt gestrichenen Wänden des Museums platziert sind und teilweise Münters Themen und Motive assoziativ aufnehmen, kommen Fragen auf. Wie sah der Alltag dieser Frauen aus? Was waren ihre Leidenschaften? Welche Gespräche haben sie wohl auf den Reisen per Kutsche geführt? Welche Träume hatten sie? Welche Chancen gab es für diese Menschen, die wir heute vielleicht als selbstverständlich verstehen? Und welche gab es nicht? Ob das Pärchen, das lässig rauchend an einem Felsen lehnt, für immer zusammengeblieben ist? Auch bleibt das Unbehagen beim Gedanken an die USA von heute nicht aus.

Das Zusammenspiel zwischen Kathrin Sonntags und Gabriele Münters Fotografie sowie der zusätzlichen Ausstellung zu Münters malerischem Werk gelingt in Ravensburg scheinbar mühelos. Zwischen blühenden Bäumen und grünen Wiesen, etwas abseits im Wald, blicken wir in einem von Münters Gemälden durch die Verzweigungen der Blätter auf die Lindenburg. Umrandet von weißem Lattenzaun, fügt sie sich in die ländliche Umgebung ein. Beginnend mit ihren frühen Landschaftsimpressionen werden viele Werke aus der eigenen Sammlung Selinka des Ravensburger Museums präsentiert; wie "Bei der Lindenburg" (1908), das den Zeitpunkt markiert, an dem Münter den kleinen Ort Murnau am Staffelsee entdeckte.

Damals baute Münter bereits eine Beziehung zu Wassily Kandinsky auf, den sie als Schülerin seiner Kunstschule Phalanx 1902 kennenlernte. Außerdem pflegten beide engen Kontakt mit Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky, mit denen Sie sich im Jahr 1909 zur Neuen Künstlervereinigung München, dem Vorläufer des Blauen Reiters, zusammenschlossen.

Die Wärme in Winterlandschaften

Die Farbigkeit der "Schneelandschaft bei Kochel" aus dem Jahr 1909 wird auf der dunkelblauen Wandbemalung des Museums nahezu perfekt präsentiert, der Hintergrund ermöglicht es den Bildern, stärker untereinander in Verbindung zu treten. Im Morgengrauen ruhen im Hintergrund einer gepuderten Landschaft hellrosa und rötlich gefärbte Berge, die mit dem pastellfarbenen Schein der aufgehenden Sonne verschmelzen. Das eisige Blau des Himmels und der Schatten der kahlen Bäume auf dem Schnee fügen sich friedlich in das Gesamtbild ein. Trotz der dargestellten klirrenden Kälte wirkt das Bild warm und geradezu bunt.

Gabriele Münter "Schneelandschaft bei Kochel", 1909
Foto: Ferdinand Ullrich © VG Bild- Kunst, Bonn 2025

Gabriele Münter "Schneelandschaft bei Kochel", 1909

 

Mit ihrem Werk "Vereiste Straße" (1911) nimmt Münter ihre Betrachterinnen weiter mit auf den Weg durch ihre Winterlandschaften, die echte Freude über die kalte Jahreszeit auslösen können – das muss man erst einmal schaffen. In späteren Arbeiten wie "Nebelsonne am See" (1931) schmücken Spiegelungen der roten Abendsonne das blaugraue Wasser, das sich in der Farbigkeit des Himmels wiederfindet.

Ebenso ermöglicht Münter einen Blick ins Innere. So werden verschiedene Stillleben präsentiert, die durch ihren individuellen Stil fantasievoll anmuten. Wir sehen einzelne Blütenblätter in Pink, Blau, Gelb und Grün in einer Vase, die von unförmigen Äpfeln umgeben ist.

Alles gerät ins Rutschen

Vielleicht macht dieser im besten Sinne infantile Anschein Münters Kunst so nahbar. Im "Stillleben mit weißer Schale" aus dem Jahr 1912 finden sich Elemente eines Interieurs. Marienfiguren und eine Vase mit Bleistift und Papierschirmchen stehen auf einem Tisch. Durch die Art, wie Münter die Platte malte, wirkt es jedoch, als würden sämtliche Gegenstände chaotisch ins Rutschen geraten.

Ein passender kunsthistorischer Zugang und raffinierter kuratorischer Ansatz wird durch die Werke "Im Cafe" und "Abstraktes Interieur" vermittelt, indem beide Werke direkt nebeneinander gehängt wurden. Hier wird klar, wie sich Münter der Abstraktion annäherte. Formen, die im Café noch eindeutig als Lehne eines Stuhls identifiziert werden können, ähneln beim Nachbarbild nur noch ovalen Flächen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich auch Münters künstlerisches Schaffen. Vermutlich war ihr die drohende Gefahr der Nazis bewusst. So werden in den Jahren bis zum Kriegsende eher unverfängliche Themen dargestellt. Besonders deutlich wird das im Gemälde "Vorstadt mit Barockkirche" von 1936. Es ist das Jahr, in dem ein generelles Verbot moderner Kunst in Kraft tritt.

Ravensburg als Seelenverwandte von New York

Das Bild zeigt einen Straßenzug im Stil der Neuen Sachlichkeit, die kühl, leergefegt, beinahe utopisch wirkt. Eine nationalsozialistische Mustersiedlung. Mit Werken wie "Der blaue Bagger", das nicht Teil der Schau in Ravensburg ist, war Münter an der Ausstellung "Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst" beteiligt. Dieselbe Problematik findet sich auch in "Olympiastraße" (1936), ein Bild, in dem nur noch das Licht entfernt an die bunten Häuschen aus Murnau erinnert.

Die Arbeiten der 1950er-Jahre zeigen dagegen eine nie dagewesene Stufe der Abstraktion und runden die Ausstellung ab. Sie verdeutlichen, wie Münter sich zwar über die Jahre entwickelt hat, sich aber selbst treu blieb. So finden sich ihre schwarzen Konturen wieder, auch kehrte sie zur Farbigkeit zurück. 

Die Doppelschau "Das reisende Auge" und "Aufbruch in Form und Farbe" zeigt ein gelungenes Zusammenspiel aus Modernität und Münters klassischer Malerei; einen Dialog, der neue Perspektiven ermöglicht. Münters Kunst führt vor, dass auch Beschaulichkeit ikonisch sein kann. Diese Erkenntnis lässt sich übrigens auch auf das vermeintlich kleine Kunstmuseum in Ravensburg übertragen. Schließlich vermag es, die Größe von Münters Werk zu präsentieren - zeitgleich zu ihrer Ausstellung "Contours of a World" im Guggenheim New York.