"Fantasiemuskel"-Podcast #78

Gegen die Maschinen tanzen – mit Siegfried Zielinski

Fantasiemuskel mit Siegfried Zielinski
Foto: Mono Krom / Illustration: Monopol

Mediendenker Siegfried Zielinski erklärt im "Fantasiemuskel"-Podcast, warum KI keine echte Intelligenz hat, wie algorithmische Bilder entstehen und warum Kunst, Technik und körperliche Erfahrung uns befähigen, den Maschinen kritisch zu begegnen

Was unterscheidet ein Bild von einem algorithmischen Artefakt? Und was bedeutet das für die Kunst? Siegfried Zielinski, Mediendenker, Begründer einer "Archäologie der Medien" und Gründungsrektor der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist kein Freund einfacher Antworten. Er ist jemand, der sich mit großer Leidenschaft den komplexen Fragen unserer Gegenwart stellt – und dabei immer wieder auch gegen die Maschine denkt.

In der aktuellen Ausgabe des Monopol-Podcasts "Fantasiemuskel" spricht Zielinski mit den Podcastern Torsten Fremer und Friedrich von Borries vor allem über sein jüngst erschienenes Manifest "Künstliche Extelligenz". Was in Talkshows und Feuilletons als KI-Revolution gefeiert wird, ist für ihn vor allem ein statistisches Rechenverfahren. Intelligenz, so Zielinskis Überzeugung, bleibt dem Menschen vorbehalten. Was Maschinen leisten, ist etwas anderes: eine nach außen verlagerte, technisch organisierte Rechenkapazität, die mit Denken im eigentlichen Sinne nichts zu tun hat.

Die Bilder, die solche Systeme erzeugen, sind daher keine klassischen Kunstwerke, sondern algorithmische Artefakte – synthetische Produkte der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wer dieses grundlegende Prinzip nicht versteht, so der Medientheoretiker, kann weder kritisch mit KI umgehen noch künstlerisch mit oder gegen sie arbeiten. Dafür braucht es zweierlei: die Experimentierfreude und Neugier der Kunst, die bereit ist, sich dem Unbekannten auszusetzen und es sichtbar zu machen, und zugleich ein tiefes technisches Verständnis der Maschinen selbst. Kunst und Kompetenz, so Zielinski, gehören hier untrennbar zusammen.

Denken über Zeitdimensionen

Zielinski denkt dabei in Zeitdimensionen, die weit über den nächsten Quartalsbericht hinausreichen. Die "Tiefenzeit" der Paläontologen – Millionen Jahre, in denen Öl entstand, das wir in Sekunden verbrennen – versteht er als ethischen Appell zur Bescheidenheit. Dagegen stehen die Ewigkeitsfantasien der Tech-Milliardäre, die sich mithilfe von KI und Quantencomputern unsterblich träumen. Entscheidend ist für Zielinski der Kairos – der günstige Augenblick, die unmittelbare sinnliche Erfahrung der Gegenwart, die wir nicht verlieren dürfen.

Und der Fantasiemuskel? Den verortet Zielinski im menschlichen Körper, nicht auf Festplatten. Die erfinderische Einbildungskraft, die Kant von bloßer Reaktion unterscheidet, ermöglicht es uns, den Maschinen kritisch zu begegnen. Trainieren lässt sie sich etwa durch körperliche Erfahrungen – beim Gärtnern, beim Tanzen oder anderen sinnlich-kreativen Tätigkeiten.

Sie können "Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: