"Genossin Sonne" in Dortmund

Revolution aus dem Weltall

Im Hartware MedienKunstVerein Dortmund leuchtet eine Gruppenschau über die mächtigste Kraft des Kosmos. Zwischen visueller Poesie, Raumfahrt-Schrott und Solarwende wird deutlich: Die Sonne ist nicht immer eine Verbündete

Es ist Herbst, die Nordhalbkugel ist der Sonne abgewandt, die Tage werden kürzer und die Nächte länger und dunkler. Da bedarf es eines Lichtblicks – "Genossin Sonne" im Hartware MedienKunstVerein bietet gleich einige davon. Die Idee zur Ausstellung entstand 2024 und wurde (als Kooperation der Festwochen mit der Kunsthalle) erstmals in Wien realisiert. In Dortmund haben die Kuratorinnen nun eine doppelt so große Ausstellungsfläche zur Verfügung, vertiefen das Thema und zeigen 30 Arbeiten von 18 Künstlerinnen und Künstlern auf zwei Etagen des Dortmunder U.

Fünf Positionen sind neu vertreten – darunter "The New Sun" von Agnieszka Polska. Ihre Sonne ist das Schlüsselbild der Schau und verfolgt einen durch ganz Dortmund. Ist sie vielleicht die Genossin? Polskas Sonne entspricht dem Kindchenschema: Sie ist knallorange, mit großen runden Augen und "immer ein bisschen verliebt", so die Künstlerin. Die Videoarbeit entstand 2017 als eine Art "visuelle Poesie". Die Sonne singt für uns ein Liebeslied, doch es handelt von Zerrissenheit. Sie beobachtet die Menschen aus der Distanz, und was sie sieht, gefällt ihr nicht. Sie will verstehen, zoomt heran, verliert dann jedoch den Blick für das Ganze.

"Wir teilen nicht die gleiche Zeitlichkeit, Baby", heißt es an einer Stelle in ihrem Lied. "Ich beobachte den Zusammenbruch deines Systems. Es bringt mich zum Weinen. Ich kann nicht wegsehen." Nein, die Sonne ist keine Genossin, keine Verbündete auf Augenhöhe, das wird bereits an dieser Stelle der Ausstellung klar. Wir sind von ihr fasziniert, schreiben ihr vielleicht sogar revolutionäre Kräfte zu, wollen ihre Energie nutzen - am Ende aber sind wir ihr fern und ausgeliefert.

Zwischen Wissenschaft, Kult und Kosmos

Wer die Ausstellung durchstreift, wird Zeuge dieses vielfältigen und ambivalenten Beziehungsgeflechts. Da sind die Thesen des Biophysikers Alexander L. Chizhevsky von 1924, die der Wirtschaftswissenschaftler Mikhail Gorbanev 2020 zum Anlass nahm, ein Diagramm zu entwickeln, das einen Zusammenhang zwischen Sonnenaktivitäten und revolutionären Ereignissen nahelegt. Eine Idee, an die auch die Videoarbeit von Anton Vidokle anschließt: "The Communist Revolution was Caused by the Sun" (2015)Es geht um Mythen und Anbetung, um Bodenschätze und Ausbeutung, letztlich um die Frage nach einer Verbindung zwischen Mensch und Kosmos.

Wissenschaftliche Analysen, Kult und Mystik, KI und Psychogramme - ob Suzanne Treister, Kerstin Brätsch oder auch das Collectivo Los Ingrávidos, die Beteiligten der Ausstellung suchen nach verborgenen Kräften, um sich mit ihnen zu verbünden. Und nicht nur sie: der Yoga-Kurs im Begleitprogramm der Ausstellung ist ausgebucht.

Was sehen wir in der Sonne, die wir selbst nicht sehen können? Wie machen wir uns ein Bild von ihr? Instrumente werden ausgepackt, Teleskope und hochauflösende Kameras kommen zum Einsatz. Katharina Sieverding animiert für "Die Sonne um Mitternacht schauen (RED) SDO/NASA" rund 200.000 Satellitenaufnahmen der NASA zu einem faszinierenden Bild, das wir so niemals selbst wahrnehmen könnten. Manchmal reichen aber auch handbemalte Glasdias, um zu staunen. "Die Sonne kommt näher" entstand 1966/67, und Otto Piene bediente dafür anfangs persönlich den Karussell-Projektor, um seine Bilder in verschiedenen Rhythmen zu präsentieren. Die Dias sind eine Leihgabe aus dem Museum für Gegenwartskunst in Siegen, wurden für die Ausstellung digitalisiert und zu einer Video-Projektion zusammengeführt.

Wenn die Sonne zu nah kommt

Der Blick zum Himmel kann kontemplativ sein - oder verbunden mit dem Wunsch, über uns und die Welt hinauszuwachsen. Meist mit verheerenden Folgen. Ikarus etwa kam der Sonne zu nah, und auch Sonia Leimers "Space Junk" scheint direkt aus dem Weltall in den Ausstellungsraum gestürzt zu sein. Silberne Metallobjekte, beschädigt, teilweise von der Hitze versengt - Überbleibsel einer Utopie, die uns als Schrott wieder auf die Füße fällt.

Maha Maamoun, Zhiyuan Yang und Gwenola Wagon erzählen ebenfalls von der Apokalypse und dem Wunsch nach einer zweiten Sonne. Eine KI soll diese ersetzen, wenn die Umwelt zerstört ist und wir gezwungen sind, im Dunkeln zu leben. Hier im Museumsraum ist es das Dunkel, das uns das Erlebnis des Lichts erst ermöglicht. Die Ausstellungsarchitektur erinnert mit ihren Plattformen, Traversen und Screens teilweise an ein Raumschiff, von dem aus die in der Hauptsache lichtbasierten Werke bestaunt werden können.

Nur hinter einer Wand gibt es ein Fenster, und Tageslicht fällt in die Nische: Disnovation.org haben hier einen Bioreaktor installiert und mit ihm die Utopie einer neuen Weltordnung. Jeden Tag wandelt eine Mikroalgenkultur das einfallende Sonnenlicht in Biomasse um. Ein Verweis auf unsere Abhängigkeit von der Photosynthese, aber auch ein Vorschlag für eine neue Währungseinheit. "The Solar Share" entspricht dem durchschnittlichen täglichen Biomasse-Ertrag auf einem Quadratmeter Erde und versteht sich als Angebot für ein faires, solares Einkommen. Eine Algeneinheit, die essbar ist und in den Stoffwechsel der Erde zurückgeführt werden kann.

Und während die Algen vor sich hin blubbern, wandert der Blick aus dem Fenster. Draußen ist ein schöner Herbsttag. Wie war das noch bei den Beatles? "Here comes the sun, and I say: It's all right."