Farbe, die sich aufzubäumen scheint. In dicken Schlieren aus leuchtendem Rot, Gelb und Blau zieht sie sich über eine der Fotografien, die sich als schmaler Fries entlang der Wände ziehen. Teilweise sind die Bilder nur 9 auf 13 Zentimeter groß. Nur undeutlich ist die unter der Farbe liegende Szene zu sehen: Familienbilder, Möbel, Räume und Landschaften. Darunter auch Aufnahmen der Serie "Grauwald" (2008) oder des Elbsandsteingebirges bei Dresden, dem Geburtsort Gerhard Richters. Der heute 94-Jährige, der 2020 sein malerisches Werk für beendet erklärt hatte, hat für diese Ausstellung eine Auswahl seiner übermalten Fotografien zusammengestellt, von denen einige nun in der Fondation Luma im südfranzösischen Arles zum ersten Mal zu sehen sind.
120 Arbeiten hat Richter für die Ausstellung "Overpainted Photographs" ausgesucht. Sie stammen aus seinem privaten Archiv. Die Serien übermalter Fotografien entstanden seit Mitte der 1980er-Jahre parallel zu seinen Leinwänden. Am Ende eines Arbeitstages zog er sie im Atelier durch die noch vorhandenen Farbreste. Diese Verbindung von Gegenständlichkeit und Abstraktion, von Bild und Farbe, bezeichnete er selbst als eine Art "kontrollierten Zufalls".
Gerhard Richter "Overpainted Photographs", The Tower, Main Gallery, Luma Arles, 2026–2027
Wie der Kurator und künstlerische Direktor Vassilis Oikonomopoulos erklärt, hat Richter für die Ausstellung bei Luma in seinem Atelier ein Modell des Raumes gebaut und die chronologische Hängung selbst bestimmt. Sie setzt zeitlich mit dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung ein, das für den 1932 in Dresden geborenen und 1961 in den Westen geflohenen Richter immer eine besondere Bedeutung hatte. Es geht um die Idee einer verlorenen Heimat, die er in Form von Fotografien als Erinnerung bewahrte.
"Es ist in gewisser Weise eine sehr tagebuchartige Arbeit", so Oikonomopoulos. "Die Art und Weise, wie er mit den übermalten Fotografien arbeitet, repräsentiert für ihn unterschiedliche Realitäten, unterschiedliche Methoden. Es ist eine Art, die Zeit zu erfassen." Darüber hinaus schwinge in ihnen auf sehr persönliche Weise ein Optimismus mit.
Vergangenheit in der Malerei
Richters Leinwände wiederum sind gemalte Fotografien. Das gilt etwa für "Onkel Rudi" von 1965 in Wehrmachtsuniform, ein undeutliches, verschwommenes Schwarzweißbild. Immer wieder stellte er auch Bezüge zur Kunstgeschichte her, wie "Ema (Akt auf einer Treppe)" von 1966, mit dem er sich auf Marcel Duchamps "Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2" bezog. Oder seine flackernden Kerzenbilder, die auf die Vanitas-Darstellungen des Barock zurückgehen, als Symbol für Tod und Vergänglichkeit. Die deutsche Vergangenheit der Nazi-Verbrechen und das bleierne Schweigen nach dem Zweiten Weltkrieg blieben für Richter Lebensthema. Das zeigt sich in seinem RAF-Zyklus von 1988, der sich heute im Museum of Modern Art in New York befindet, als stummes Zeugnis einer tief zerrissenen Zeit, oder in seiner vierteiligen Serie "Birkenau" von 2014, die auf Fotografien von im Konzentrationslager Birkenau begangenen Verbrechen basiert. Immer wieder erscheint bei Richter das Verwischen des Erkennbaren als Ablagerung von Erinnerungen, als Schichten, die Gegenwart formen.
Julianknxx "In Search of... Incredible", The Tower, Luma Arles, 2026–2027
Auch die anderen Ausstellungen, die Anfang Mai bei Luma in Arles eröffneten, befassen sich mit Erinnerung und Archiven. So auch die frühen Skizzen und Ölbilder von Zaha Hadid, der 2016 verstorbenen, irakisch-britischen Architektin, die als erste Frau mit dem Pritzker-Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Mit getuschten Kalligrafien und schwebenden, mäandernden Strukturen voll brüchiger Schönheit verweisen sie auf die arabische Kunst ihrer Herkunftsregion im Irak, die sie in die geschwungene Utopie ihrer Bauten übersetzte. Bislang waren sie nur 2016 in der Serpentine Gallery in London zu sehen, kuratiert von Hans Ulrich Obrist, der die Arbeiten jetzt zu ihrem zehnten Todestag nach Arles bringt.
Fortwirken des Kolonialismus
Beeindruckend sind auch die als Auftragsarbeit für die Fondation Luma entstandenen Arbeiten des 1987 in Sierra Leone geborenen, britischen Künstlers Julianknxx. Der Dichter, Bildhauer und Filmemacher, der sich mit der Erinnerung an koloniale Verbrechen und bis heute bestehenden postkolonialen Strukturen beschäftigt, flicht die mündlichen Überlieferungen seiner Vorfahren in seine bildnerischen Erzählungen ein. Sein gelebtes Archiv einer nicht-linearen Zeit wirkt berührend und verletzlich. Für Oikonomopoulos ist die Ausstellung "In Search of … Incredible" mit den Reimen, Texten und Wiegenliedern von Julianknxx, der seine Karriere als Dichter und Schriftsteller begann, ein lebendiges "Archiv der Erinnerung an die Geschichten, Mythen und Legenden, die Menschen, die durch Migration ihre Heimat verlassen haben, mündlich mit sich tragen."
Was bleibt, ist eine Melancholie des Vergänglichen, die diese Ausstellungen bei Luma verbindet. Sie werden zu einer Reise in eine Vergangenheit, die die Gegenwart neu verortet. "Kunst ist die höchste Form der Hoffnung", schrieb Richter 1982 im Katalog zur Documenta 7. Kurz danach begann er mit seinen "Overpainted Photographs". Erinnerungen, die sich in der Überlagerung von Bildern und Farbe verschieben, eingeschrieben in uns selbst und als kollektives Erleben, bis in die Zukunft hinein.