Giorgio Morandi in Siegen

Was steckt hinter diesen Flaschen?

Giorgio Morandis stille Arrangements gelten als zeitlos und unpolitisch. Doch sein Werk war anschlussfähig für Faschismusdebatten, ästhetische Ideologien und Mythenbildung. Ein Blick auf einen Künstler, dessen Ruhe trügt

Seine zurückhaltenden Werke fanden ihren Weg in die Kulissen zweier Klassiker des italienischen Films: in Federico Fellinis "La dolce vita" und Michelangelo Antonionis "La Notte". Später webte Don DeLillo die Beschreibung eines seiner Stillleben in den Roman "Falling Man" von 2007. Eine beachtliche popkulturelle Rezeption, wenn man bedenkt, dass Giorgio Morandi (1890-1964) seine verbeulten Blechdosen, schimmernden Flaschen und rissigen Krüge in einem winzigen Atelier in seinem Elternhaus in Bologna malte, wo er sein ganzes Leben mit seinen unverheirateten Schwestern verbrachte und nebenbei Zeichenunterricht gab.

Seit 1930 arbeitete Morandi als Professor an der Kunstakademie in Bologna. Nach seiner Pensionierung unternahm er seine einzige Auslandsreise nach Winterthur, wo 1956 seine erste große Einzelausstellung stattfand. Ein Jahr zuvor waren seine Werke bereits auf der Premieren-Documenta in Kassel zu sehen gewesen.

Morandis Lebensstil fern der gängigen Kunstströmungen brachte ihm früh Etiketten ein: Außenseiter, Mönch, sogar Heiliger. Nach seinem Tod 1964 wurde er dann als "Kleinmeister der deutschen Innerlichkeit" bezeichnet oder als "heimlicher Mitläufer Mussolinis" kritisiert – auch, weil er 1938 gemeinsam mit den Futuristen auf der Biennale von Venedig ausgestellt hatte, die damals als Schaufenster des italienischen Faschismus diente. Tatsächlich stand Morandi bereits in den 1920er-Jahren der "Strapaese"-Bewegung nahe, die der agrarischen Identität Italiens den Vorzug vor der europäischen Moderne gab und auch durch antisemitische Parolen auffiel. Ideale Kunst, so das Verständnis ihrer Anhänger, sollte schlicht sein und fern der Pariser Effekthascherei entstehen.

Die Essenz der Malerei

Für viele seiner Fans sind diese Überschneidungen bis heute kein Anlass zur Irritation. Der Sonderling sei unpolitisch; soziale oder metaphysische Inhalte hätten ihn nicht interessiert. Gleichwohl feierten ihn die "Strapaesani", in deren ideologisches Kunstverständnis und provinzielles Lebenskonzept er gut passte. Nach dem Zweiten Weltkrieg behauptete Morandi, keiner Richtung angehört zu haben. Ihm sei es ausschließlich um Zeit, Raum und Licht gegangen, um die Feinheiten und die Essenz der Malerei.

Der 1,93 Meter große Maler baute sich eigens einen hohen Tisch, um mit Größenverhältnissen und Positionen zu spielen. Viele Objekte grundierte er, indem er sie mit matter weißer oder gräulicher Farbe überzog. Eine kontrastarme Palette dominierte: von Apricot über Lachsorange bis zu unzähligen Grauabstufungen.

Alles war im Fluss auf diesen Bildern und blieb doch gleich. Es verschob sich, wenn überhaupt, nur um wenige Millimeter. Diese stille Welt lebte von Auslassungen, sie war überschaubar, buchstäblich oberflächlich, klaustrophobisch eng. Morandi meditierte über die Banalität und zugleich die Poesie der Dinge, die er häufig in einem grauen, konturlosen Raum anordnete. Einzeln betrachtet sind es Studien von Rhythmus und Balance. In der Serie offenbaren sich jedoch komplexe Schemata, da sich die Objekte von Bild zu Bild in Form, Position und Farbton verändern. Deshalb gleicht auch kein Bild dem anderen, wie sich jetzt in Siegen bestätigen lässt. Dort ist bis zum 22. März 2026 eine Morandi-Schau im Museum für Gegenwartskunst (MGK) zu sehen, die seine Werke auch in Beziehung zu anderen Künstlerinnen und Künstlern setzt.

"Ein Weg, die Zeit zu transzendieren"

Manche Gegenstände kamen und gingen. Uhren waren eine Zeit lang präsent, verschwanden dann aber wieder. Anfang der 1940er-Jahre, als Bologna bombardiert wurde, tauchten Muscheln in gespenstischen Farben auf. In den 50er-Jahren wurden die Objekte weniger und kleiner. Sie wirkten verletzlich, wie Figuren, die sich für ein Foto zusammendrängen.

Morandis letzte Ölgemälde bestanden schließlich aus Blöcken, Zylindern und biomorphen Formen. Er sagte, seine Malerei sei für ihn "ein Weg, die Zeit zu transzendieren, indem man sich leblosen Objekten stellt, über ihre inhärente Schönheit nachsinnt und eine Ewigkeit in stiller Kontemplation verweilt". Zweifellos ein mit seinen bescheidenen, beinahe minimalistischen Arrangements und seiner Absage an den Ruhm perfekter Anti-Künstler für unsere lärmende Spektakelwelt – modern und zugleich antimodern, widersprüchlich und entwaffnend leise.