Gleich das erste, mit Musik der queeren Ikone Anohni untermalte Bild zeigt eine spektakuläre Kunstinstallation: Eine gigantische Vulva vor einem Altar in einer Kirche, flankiert von kleineren Genitalien. Aus dem größten Exemplar heraus schaut uns ein Auge entgegen. Es handelt sich um "Monstramus – wir zeigen" von Ina Loitzl in der Klagenfurter Burgkapelle, die heute ein Kunstraum ist.
Mehr Provokation geht nicht, wenn man an die ursprüngliche Funktion des Raums denkt - und daran, wie die hauptsächlich von Männern geführte Institution Kirche mit der Rolle der Frau in ihren Reihen umgeht. Das trifft auf alle orthodoxen Religionsauslegungen zu, die von Mitsprache und Frauenrechten nichts halten. Deshalb sind religiöse Institutionen, genau wie andere patriarchal geprägte Strukturen, oft Zielscheibe von Feministinnen.
Angriffe auf das Sakrale sind geradezu ein Steckenpferd der ukrainischen Protestgruppe Femen, deren internationaler Zweig seit 2013 von Inna Schewtschenko von Frankreich aus geleitet wird. Zu Beginn des neuen Dokumentarfilms "Girls & Gods" der österreichischen Filmemacher Arash T. Riahi und Verena Soltiz ist sie mit nacktem Oberkörper bei einer ikonoklastischen Aktion zu sehen, als sie 2012 ein großes Holzkreuz in Kiew mit einer Motorsäge fällte und sogleich die Flucht vor der anrückenden Staatsmacht ergriff.
Morddrohungen und mittelalterliche Beschimpfungen
Was im Westen als plakativer Skandalauftritt mit entblößten Brüsten belächelt wurde, kann im immer noch gewaltigen Einflussradius der orthodoxen Kirche lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Und damit ist nicht nur ein Gefängnisaufenthalt gemeint.
Inna Schewtschenko berichtet in einem Auditorium nicht nur von Morddrohungen und Übergriffen, sondern auch von mittelalterlich anmutenden Beschimpfungen als Hure des Satans, die auf den Scheiterhaufen gehöre. Auch von Frauen bekam sie in ihrer Heimat die Belehrung zu hören, sie bräuchten ihren Feminismus nicht.
Dass es in islamisch geprägten Ländern wie Saudi-Arabien oder Dubai teils nicht besser um die Freiheit von Frauen steht, berichten in Großbritannien lebende Betroffene des Council of Ex-Muslims, die es gewagt hatten, sich der für sie vorgesehenen Bestimmung zu entziehen. Den Ungehorsam bezahlten sie mit der Notwendigkeit des Exils, denn eine lesbische Beziehung oder schon die bloße Weigerung, ein Kopftuch zu tragen, würde in den von der Scharia geprägten Ländern brachiale Strafen nach sich ziehen.
Frauen und ihre "schmutzigen" Körper
Schewtschenko ist wegen des empfundenen Versagens des Feminismus schonmal den Tränen nah. Die Bewegung habe es versäumt, die Situation muslimischer Frauen lautstark anzuprangern. Die Femen-Aktivistin hat auch das Drehbuch von "Girls & Gods" geschrieben und fungiert als Erzählerin, die in Deutschland, Österreich und den USA Religionskritikerinnen, Reformerinnen und gläubige Feministinnen trifft.
Dabei ist sie stets bemüht, die große Bandbreite religiöser Praxen zu berücksichtigen. Man begegnet Frauen aus der internationalen Vereinigung römisch-katholischer Priesterinnen in Linz, einer sich selbst als feministisch verstehenden Abtreibungsgegnerin oder einer jüdisch-orthodoxen Perückenmacherin in New York.
In allen Gesprächen fallen die Parallelen auf, Frauen über ihren "schmutzigen" Körper und ihre Reproduktionsfähigkeit zu definieren. Angesichts der massiven Kritik verwundert es ein wenig, dass sich die Kamera magisch von Sakralräumen angezogen fühlt und die Machart insgesamt jede Radikalität scheut. Die Sehnsucht nach metaphysischer Überhöhung unterwandert der Film aber zum Glück mit gewagten Szenenwechseln. So ist etwa die Karikaturistin Coco, die 2015 die Anschläge auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo überlebt hat, beim Zeichnen ihrer provokanten Gott-Karikaturen zu sehen.
Ein Film der Stunde
Wenn Inna Schewtschenko, die sich als Atheistin bezeichnet, die gegen alle Formen der Unterdrückung kämpft, mit Abby Stein, der ersten Trans-Rabbinerin New Yorks durch die Stadt spaziert, wird ein solidarisches Netzwerk geflochten, das gerade unter Trump erschreckend brachial unter Beschuss geraten ist. Zur Ausgewogenheit gehören aber auch Begegnungen mit "Islam-Verteidigerinnen" wie der deutschen Journalistin Khola Maryam Hübsch. Mit ihr gerät Schewtschenko aneinander, das Gespräch endet trotzdem mit einer Umarmung.
Dass sie nichts von organisierter Religion hält, hindert sie nicht daran, im Dialog zu bleiben und die Gegenseite und deren Argumente verstehen zu wollen. Auch wenn sie sich den Hinweis auf Widersprüche nicht verkneifen kann, spricht sie ihren Interviewpartnerinnen ihre Meinung nicht ab.
Dazwischen schieben sich Aufnahmen von Performances und Demonstrationen oder Bilder von berühmten Werken der Kunstgeschichte, auf denen kaum bekleidete Frauen über Jahrhunderte bekanntlich den Männern zu gehorchen hatten. Schon allein wegen der Diversität der Ansichten, die es in diesem Debattenwerk auszuhalten gilt, ist es ein Film der Stunde.