Rache, wie wichtig sind die Gegenspieler – die Polizei und Sicherheitsdienste – beim Sprayen? Was wäre anders, wenn das Sprühen legal wäre?
Ich habe nicht angefangen zu malen, um Zustimmung zu finden, sondern um etwas Verbotenes zu tun, das mir ermöglicht, das normale Leben zeitweise zu verlassen. Dazu braucht es natürlich jemanden, der versucht, einen daran zu hindern. Diese Seite ist essenziell. Ohne sie würde es einfach ins Belanglose kippen. Graffiti ist für mich kein Hobby, sondern ein Lebensstil. Ich habe mich dafür nicht entschieden, weil ich Lust auf ein bisschen Malerei hatte. Das kann ich auch zuhause. Graffiti ist für mich weitaus facettenreicher. Es fordert einen immer wieder heraus. Es nimmt einem etwas, aber es gibt einem auch das Gefühl, lebendig zu sein. Und trotzdem beobachte ich, wie etwas, das nie angepasst sein wollte, plötzlich gesellschaftliche Akzeptanz erfährt. Das sehe ich mit sehr viel Skepsis.
In Ihrer Monografie "Rache – The Art of Rage" nennen Sie Züge "Kings" – Könige. Und Sie sagten über das Zugbemalen: "Ich habe nicht ein Bild gemalt, sondern die Möglichkeit geschaffen, dass eines entsteht. Dieser Wholecar ist nicht Werk, sondern Werkzeug."
Die Faszination, Züge zu bemalen, hat vermutlich ihren Ursprung darin, dass das Medium Zug als besonders schwierig galt. Heute denke ich, dass es andere Objekte als Züge gibt, die weitaus unberechenbarer sind. Trotzdem haftet Zügen dieser Mythos an – und der hält sich bis heute. Ich schätze bestimmte Eigenschaften dieser Verkehrsmittel: Züge haben eine eigene Ästhetik. Manche eignen sich perfekt für Graffiti, andere wirken fast abweisend. Wenn es jedoch passt, entsteht eine Wucht, die man kaum anderswo findet. Hinzu kommt, dass die Bilder auf Zügen oft nur für einen kurzen Moment sichtbar sind – was ihren Reiz ausmacht. Außerdem bewegt sich das Bild, was eine ganz andere Dynamik entfalten kann, als wenn es statisch an einem Ort bleibt. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur an diesem Trainwriting-Ding hängen geblieben.
Die Oberfläche von Zügen ist glatt. Der Philosoph Edmund Burke stellte bereits 1757 fest, dass das Glatte einen großen Reiz auf Menschen ausübt: ob glatte Blätter eines Baums, ein glattes Fliederkleid eines Vogels oder einer Ente, glatte Steine oder glatte Haut. Heute berührt der Mensch permanent glatte Screens. Wie ist es auf einer glatten Oberfläche wie einem Zug zu malen?
Ich gebe zu, dass das Besprühen einer glatten Oberfläche weitaus befriedigender ist als das Arbeiten mit einer saugenden, unebenen Fläche. Trotzdem würde ich auch leidenschaftlich gern ein schönes Zugmodell mit rauer Oberfläche besprühen. Einem solchen bin ich allerdings bisher noch nicht begegnet.
Ich erinnere mich gut an die Stimmung, als ich einmal zusehen durfte, wie Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Moses einen Zug angemalt haben: das Nachtlicht, die künstlichen Lichter an den Gleisen, das Summen des Zuges, das Zischen der Spraydosen. Das war meditativ. Bis die Polizei kam.
Ich war zu dieser Zeit oft an dieser Stelle Sprühen und fühlte mich dort relativ sicher. Gerade weil ich dort so häufig war, überraschte es mich aber nicht, als plötzlich die Polizei auftauchte. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich dort weglaufen musste. Man hatte sich immer ein paar Szenarien überlegt, und eines davon war, in Richtung Bahnhof zu flüchten. Dort angekommen, sah ich meine Kollegen an, und wir fragten uns, wo Sie stecken. Über das Telefon fanden wir wieder zueinander. Bis heute ist es mir ein großes Rätsel, warum Sie sich uns damals nicht angeschlossen haben. Ich glaube, dass ich das einfach nicht so schnell kapiert habe, dass wirklich die Polizei da war. Und dann habe ich Sie beide aus den Augen verloren und bin ungefähr in eine Richtung gelaufen. Wir haben uns dann ja weiter weg wiedergefunden, Sie beide saßen oben auf einer Schallschutzmauer und hatten alles im Blick.
Rache "l.a.s.t_s.e.e.n"
Wie sieht Ihr Alltag als Sprayer aus?
Ich versuche, ein bis zwei Mal pro Woche malen zu gehen – mal passiert es seltener, mal häufiger. Das bedeutet auch nicht, dass es jedes Mal funktioniert. Es gibt viele Eventualitäten, die einem einen Strich durch die Rechnung machen können. Dann bekomme ich trotzdem oft nur zwei bis drei Stunden Schlaf. Mit dem nächtlichen Malen allein ist es aber auch nicht getan. Ich schaue mir neue Orte an und dokumentiere die Bilder bei Tageslicht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich nach dem Malen auch nicht schlafen kann, da die Züge inzwischen oft in Betriebspausen überführt werden. Selbst wenn nicht, ist der Ablauf jedes Mal anders, was ziemlich anstrengend ist. Mein Leben ist ohnehin stark durchgetaktet, was wenig Platz für spontane Situationen lässt. Wenn ich Malen gehe, schlafe ich in der Regel sehr wenig. Ich bin auch kein Mensch, der unter allen Umständen schlafen kann. Schlafmangel ist ein großes Thema.
Ein wiederkehrendes Motiv sind die zerknitterten Schriftzüge Ihres Namens "Rache". Auf manchen Zügen sehen sie aus, als würden sie sich wie Papier vom Wagen lösen. Denken Sie dabei an eine Skizzenästhetik? An Müll und Weggeworfenes?
In dieser Serie geht es für mich um die Vergänglichkeit von Graffiti. Um den Eingriff und die "Beschädigung", aber auch um das, was verborgen bleibt und trotzdem weiterlebt. Ich stelle mir vor, dass jeder Waggon viele Schichten von Farbe trägt, Spuren früherer Graffitis, die sich überlagern. Sichtbar ist nur ein kleiner Teil. Dort, wo Oberflächen aufreißen, werden Fragmente alter Graffitis sichtbar, wodurch neue Kompositionen entstehen.
Eines Morgens wehten an einem deutschen Bahnhof zwei Flaggen: "Rage".
Ich kam über Jahre regelmäßig an diesem Bahnhof vorbei. Die leeren Fahnenmasten fielen mir erst viel später auf. Die Stelle faszinierte mich – eine der befahrensten Kreuzungen der Stadt, flankiert von einer architektonisch bedeutenden Fassade. In meinem Kopf entstand das Bild zweier Fahnen, die dort wehen könnten. Als ich eines Tages oben stand und bemerkte, dass es dort gar keine Hissvorrichtung gibt, wurde aus der Idee eine Herausforderung.
Wie lange dauerte es bis zur Umsetzung?
Fast sechs Jahre. Ich begann, die Höhe des Mastes mit einem Laser und den Mastdeckel mit einer Drohne zu vermessen und eigene Vorrichtungen zu bauen. Ich versuchte, die Fahne mit einer langen Stange zu platzieren, was jedoch nicht klappte. Dann trainierte ich auf einem Sportplatz den Abwurf per Drohne. Nach vielen Anläufen funktionierte es. Doch ich begann an der Größe der Fahne zu zweifeln und besorgte eine größere, die meine Drohne jedoch nicht mehr tragen konnte. Das Projekt lag auf Eis, tauchte aber immer wieder in meinen Gedanken auf. Später entwickelte ich eine Stange mit Schnappfunktion, doch auch das erwies sich als unzuverlässig. Irgendwann fragte ich einen befreundeten Fassadenkletterer, ob er mir eine zehn Meter lange Carbonstange leihen könne, um das Gleichgewicht besser zu halten. Er hatte keine, schlug aber vor, einfach hochzuklettern. Zuerst hielt ich das für Wahnsinn, doch mit einer speziellen Knoten- und Wickeltechnik wurde das Unmögliche plötzlich möglich.
Von dieser realistischen Malerei finden Sie aber auch einen Weg in die Abstraktion. Sie überziehen ganze Waggons mit Farbfeldmalerei. Sehen Sie aktuell im Graffiti eine Tendenz zum Abstrakten?
Ich bin sicher nicht die Ausnahme, nichtsdestotrotz fühle ich mich mit meiner Arbeit eher am Rand der Szene. Eine richtige Bewegung hin zum Abstrakten sehe ich im Graffiti nicht. Ein Großteil orientiert sich stilistisch weiterhin an den New Yorker Graffiti-Anfängen der 1970er-Jahre, als die Werke noch stark an simplen Comicstilen ausgerichtet waren, sich von Jahr zu Jahr weiterentwickelten, aber alle auf der Wiedergabe von Buchstaben basierten. Wer sich darin bewegt, steht auf sicherem Boden, aber auch in einem festen Regelwerk, das schnell zeigt, wo die Grenzen liegen. Mich interessiert dagegen der Moment, in dem man sich von festen Regeln löst.