Rückblick 2019

Groß genug für was?

Der schwarze Schriftzug "Hello Again" von Haim Steinbach im Museum of Modern Art New York
Foto: Christina Horsten/dpa

Der schwarze Schriftzug "Hello Again" von Haim Steinbach im Museum of Modern Art New York

Immer mehr Menschen wollen Kunst sehen - das stellt die Museen vor große Herausforderungen. Fast alle großen Kunsthäuser expandieren. Aber nicht immer ist klar, wohin eigentlich

Anhand des Erweiterungsbaus des MoMA, der im Oktober eröffnet wurde, lassen sich viele positive Entwicklungen letzten Jahren ablesen. Denn mit der Vergrößerung der Fläche reagierte man vor allem auf eine unter den vorherigen Bedingungen kaum noch zu regulierende Besucherzahl. Weil immer mehr Menschen Kunst sehen wollen, gehören Architektur und "Crowd Management" zusammen.

Zum anderen wird die Kunst selbst immer mehr: Nicht nur, weil Künstler immer weiter Werke produzieren und es nunmal die Aufgabe der Museen ist, alles von Bedeutung zu sammeln, zu konservieren und auszustellen. Sondern auch, weil der Begriff davon, was "von Bedeutung" ist, sich in den letzten Jahren stark gewandelt und erweitert hat.

In der Gegenwartskunst bekommen weibliche und nicht-weiße Kunstschaffende mehr Aufmerksamkeit, aber es wird auch rückwirkend in der Kunstgeschichte nach einem neuen Kanon gesucht, der uns und künftigen Generationen das gesamte Panorama erzählt und nicht nur einen westlichen, weißen Ausschnitt.

Das ständige Expandieren folgt einer ökonomischen Logik

Museen sind mehr und mehr auch soziale Begegnungsorte, in denen aktuelle Fragen mit den Mitteln der Kunst behandelt werden. Die Kunst ist keine Gegenwelt mehr. Und so folgt das ständige Expandieren und Erweitern einer ökonomischen Logik, die vom Stadtmarketing bis hin zum sturen Wachstumsdiktat eigentlich alles ist, was Kunst nie sein wollte.

Wenn in New York nicht nur das MoMA erweitert (und dazu das Museum of Folk Art weichen muss), sondern auch das Supermuseum The Shed neu eröffnet, dessen Aufgabe es ist, einen neuen Stadtteil kulturell zu prägen, und das New Museum einen Neubau ankündigt, sieht das nach Überbietungsgefecht aus. The Shed wurde, wie der MoMA Erweiterungsbau, von Diller Scoffidio gebaut. Es zeigt Kunst, Tanz, Konzert, Theater unter einem spektakulären Dach.

Aber für all das gibt es in unmittelbarer Nähe einzelne sehr gute Häuser, die um Sponsoren kämpfen. Der New-Museums-Neubau stammt von Rem Koolhaas’ Studio Oma und wird neben dem ikonischen Gebäude von Sanaa entweder besser oder weniger gut aussehen, und beides ist irgendwie schade, denn das New Museum ist perfekt, es ist immer noch new genug um auf der Bowery ein zukunftsweisendes Statement zu setzen, aber es ist anscheinend mit sieben Stockwerken nicht groß genug.

Zirkulation von ähnlichen Inhalten

Aber groß genug für was? Durch das Whitney, MoMA, Guggenheim Museum, The Shed und New Museum zirkulieren ähnliche Künstlernamen, und auch das Metropolitan Museum zeigt 2020 mit Gerhard Richter einen Künstler, der in den meisten dieser Institutionen schon ausgestellt hat. Übrigens im ehemaligen Whitney Museum, dem jetzigen Met Breuer, einer Dependance des Metropolitan Museums, seit das Whitney seinen Neubau bezogen hat.

Das Wachstum scheint auch so lange nicht aufzuhalten zu sein, so lange es für Politiker und Mäzene erfreulicher ist, sich federführend bei Baubeschlüssen, Grundsteinlegungen oder dem symbolischen Durchschneiden der Eröffnungsschärpe zu zeigen, als sich mit den daraus resultierenden laufenden Kosten zu befassen.

Dass immer mehr Menschen Kunst sehen wollen, ist auch in Deutschland so. Die Diskussionen über öffentliche neue große Ausstellungshäuser wie das Humboldt Forum oder das Museum der Moderne in Berlin eigenen sich dazu, die Kriterien neu zu überprüfen: Worauf kommt es an, was ist wichtig, was soll gezeigt werden, für wen, und warum? Und was müssen die neuen Museen können, das die bestehenden Institutionen nicht leisten?

Selbstverständliche Integration in die Sammlung

Es gibt aber auch Ausstellungen, die zeigen, wie man mit bestehender Architektur und mit den verfügbaren Mitteln auf alle Fragen reagieren kann. Susanne Pfeffer, Direktorin des MMK in Frankfurt, setzte mit der bescheiden betitelten Ausstellung "Museum“ ein Statement, indem sie zahlreiche nicht-weiße und weibliche Künstler sehr selbstverständlich in die Sammlungspräsentation nahm - was sich auch bei den Neuerwerbungen niederschlug.

Unter ihrer präzisen kuratorischen Handschrift machte das durchaus eigenartige Museumsgebäude, jenes postmoderne, mehr als 30 Jahre alte, unter aktuellen architektonischen Gesichtspunkten sicher nicht optimale "Tortenstück", den Eindruck eines zeitgemäßen Hauses. Eines Museums, das genug Platz hat.