Hype um den "Grumpy Guide"

Richtig schlechte Laune!

Seit Jahren versuchen Museen, möglichst achtsam mit ihren Besuchern umzugehen. Trotzdem ist das beliebteste Vermittlungsformat des Jahres der Düsseldorfer "Grumpy Guide", der sein Publikum beschimpft. Warum nur?

In Rollenspielen kann man sein, was immer man will. In sogenannten LARP-Communitys (die Abkürzung steht für Live Action Role Playing) werden die Teilnehmer zu fiktiven oder historischen Charakteren und improvisieren sich zusammen durch Abenteuer und Alternativwelten. Viele der LARP-Szenarien haben mit Fantasy zu tun. Man begegnet Vampiren, Werwölfen, Rittern, Elfen oder mythischen Monstern. Dass einem dort ein professoraler junger Mann mit Hemdkragen, Hornbrille und Cordhose über den Weg läuft, der seine Umwelt wegen mangelnder Kenntnis der Kunstgeschichte anraunzt, dürfte dagegen eher selten vorkommen. 

Und doch hat sich diese Figur, die zu den prominentesten Phänomenen des Kunstjahres 2025 gehört, aus genau dieser Rollenspiel-Logik entwickelt. Seit diesem Sommer spukt der "Grumpy Guide" Joseph Langelinck durch die Säle des Düsseldorfer Kunstpalasts und pöbelt seine Gruppen an. Er wartet auf niemanden, eilt im Stechschritt an den Kunstwerken vorbei, stellt Besucher mit spitzfindigen Fragen zu Scheinärmeln im 16. Jahrhundert bloß. Und die Leute? Die doch im Alltag mutmaßlich genug schlechter Laune und Unhöflichkeit ausgesetzt sind? Die sich nun auch im Museum als "Hamstergehirn" beleidigen lassen müssen? Lieben es.

23 "Grumpy-Guide"-Führungen mit rund 500 Teilnehmenden hat der Kunstpalast seit Juni 2023 gezählt. Die kommenden Termine auf der Website sind bis Jahresende allesamt ausgebucht. In den bescheidenen Grenzen der deutschen Museumswelt hat das Phänomen einen wahren Hype ausgelöst. Es gab Berichte vom WDR über die "FAZ" bis zu Arte. Sogar der britische "Guardian" schickte einen Reporter in die Meckerführung, sodass man sich zwischenzeitlich fragen konnte, ob das Publikum von Joseph Langelinck mehrheitlich aus europäischen Kulturjournalisten besteht. Aber warum nur ist das aktuell beliebteste Format der Kunstvermittlung auf Besucherbeschimpfung gebaut, und das in einer Zeit, in der Museen zunehmend safe spaces sein wollen, die sich ganz weich machen, von care, Heilung und Fürsorge sprechen und niemanden ausgrenzen, überfordern oder kränken wollen?

Ein Wiedergänger im forstgrünen Pulli

Das fragt man vielleicht am besten Carl Brandi, einen im Zoom-Gespräch äußerst freundlichen Künstler, der sich die Figur des "Grumpy Guide" ausgedacht hat und diese bei den Führungen auch verkörpert. Brandi hat an der Kunstakademie in Düsseldorf zuerst in einer Grafik- und Malerei-Klasse studiert und sich dann in Richtung Performance-Schwerpunkt bewegt. Die LARP-Szene und Erzählstrategien im Rollenspiel interessieren ihn sowohl privat als auch für seine künstlerische Forschung. Auch seine Kommentatoren-Tätigkeit für ein Berliner Turnier im Steineflitschen und die Fußballmeisterschaft der Kunsthochschulen ist für ihn eine Art role play. Und nun ist also aus allen möglichen Wesen, die die menschliche Fantasie gebären kann, ein etwas biederer, cholerischer Besserwisser im forstgrünen Pullover geworden - der für Brandi aber durchaus zwingend ist.

"Ich wollte eine Figur, die eine gewisse Tiefe und erzählerische Motivation hat", sagt er im Interview. "Wenn ein Guide einfach hingeht und sagt, er hat schlechte Laune, ist das sicherlich auch witzig, aber es erschöpft sich relativ schnell. Deshalb habe ich eine Art Fantasy-Strategie benutzt, indem ich worldbuilding betrieben habe, also eine Welt gebaut, in der dieser Joseph Langelinck verortet ist." 

Der Name seines Alter Ego ist eine Kombination aus drei früheren Direktoren der Düsseldorfer Gemäldegalerie, der Vorgängerinstitution des Kunstpalastes. Diese grauen Eminenzen des 18. und 19. Jahrhunderts betrachtet Langelinck als seine Vorfahren. Und als Hüter von deren Vermächtnis ist er gleich doppelt entsetzt: über das Niveau des heutigen Museums, das Aldi-Plastiktüten von Günther Fruhtrunk neben Meisterwerken der Kunsthistorie präsentiert, und von der Unwissenheit des Publikums, das die zwölf Heldentaten des Herakles nicht in chronologischer Reihenfolge aufsagen kann. "Die Figur hat aufgrund ihrer Abstammung eine Art dynastischen Anspruch darauf, es besser zu wissen", sagt Brandi. "Er glaubt, als Einziger bestimmen zu können, wie es im Museum wirklich zu laufen hat."

Ein Repräsentant des Museums, aber auch ein Feind des Museums

Bei vielen dürfte diese Attitüde unangenehme Erinnerungen an die Schulzeit wachrufen, in der so mancher Lehrer seinen Status als Autoritätsperson überdehnte und Schüler mit Genuss bloßstellte. Auch in der Geschichte der Kunstinstitutionen muss man gar nicht so weit zurückgehen, um tatsächlich auf Charaktere wie Langelinck zu stoßen, die "Vermittlung" vorrangig als faktenstrotzenden Frontalunterricht verstanden. Brandi möchte sein Format aber nicht als Gegenentwurf oder Parodie des "woken Museums" verstanden wissen. Vielmehr hofft er, die Bestrebungen zur Öffnung der Institutionen zu unterstützen.  

"Die Figur, die ich spiele, ist ein Repräsentant des Museums, aber gleichzeitig auch ein Feind des Museums", sagt Brandi. "Sie sieht sich sowohl als erzieherischer Maßregler des Publikums, das natürlich ahnungslos ist und unzureichend mitarbeitet. Aber sie sieht sich auch als Beschützer des Publikums vor dem irreleitenden, anbiedernden Annäherungsversuchen des Museums und stellt alles infrage, was es dort zu sehen gibt." 

Ein Kommentar auf Social Media stellte die These auf, Joseph Langelinck sei die "deutsche Jane Castleton". Dieser Vergleich spielt auf eine Figur an, die die US-Künstlerin Andrea Fraser schon in den 1980er-Jahren entwickelte. Diese adrette Dame im Kostümchen führte ahnungslose Besucher durch das Philadelphia Museum of Art und hielt dabei dramatische Monologe über Ästhetik und Institutionskritik.

Ein safe space der schlechten Stimmung

Brandis Ansatz ist ein wenig niederschwelliger, aber auch er stellt sich mit dem "Grumpy Guide" auf interaktive Art die Frage, was Museen eigentlich von ihrem Publikum erwarten – und umgekehrt. "Die Figur greift zum Beispiel den Faktor Vorwissen auf", sagt Brandi. "Ich spiele mit der alten Annahme, dass ein Museum nur etwas für Gebildete ist und stelle sie damit zur Disposition. Immer, wenn jemand eine Frage beantworten kann, stelle ich noch eine Frage, die garantiert niemand weiß. Das kann ewig so weiter gehen. Und damit wird sozusagen das Konzept des hinreichend gebildeten Besuchers ad absurdum geführt."

Die Teilnehmenden seiner Führungen scheinen diesen zwar nicht teuflischen, aber immerhin etwas unbequemen Pakt, sich in einem festgelegten Kontext beschimpfen zu lassen, gern einzugehen. Manche kommen laut Aussage von Brandi sogar mehrmals wieder und sind dann extra gut vorbereitet (was sie nicht vor der nächsten Spitzfindigkeit oder Bloßstellung schützt). Es scheint, als seien die "Grumpy Guide"-Touren tatsächlich eine Art safe space, nur eben einer für schlechte Laune und Demütigung. Wenn es mal Beschwerden gibt, erzählt Brandi, kommen diese nicht aus den Gruppen selbst, sondern von anderen, "uneingeweihten" Besuchern, die sich wundern, warum da einer ihren Museumsrundgang mit Gepöbel stört. 

Joseph Langelinck würde das Konzept des "Grumpy Guide" wahrscheinlich hassen, weil es die andächtige Ernsthaftigkeit eines Museumsbesuchs korrumpiert. Brandi sieht das Ganze jedoch als Fortführung eines Wandels in den Institutionen, die auch zur generellen Ausrichtung des Kunstpalastes passt. Unter Direktor Felix Krämer hat sich das Haus dem Populären verschrieben. In der Sammlung werden Alltagsobjekte mit Kunstikonen gepaart, man kann in dem Gebäude heiraten, und gerade sind in einer Duftausstellung alle Sinne der Besuchenden gefragt.

Ein Agent der Eventisierung?

Diese Entwicklung wird zuweilen kritisch gesehen, weil sie den Anspruch, ohne große Anstrengung ständig unterhalten zu werden, ins Museum überträgt. Statt Konzentration und Auseinandersetzung mit komplexen Inhalten soll der Eventcharakter betont werden und das Museum vor der gefürchteten Zuschreibung "elitär" geschützt werden. Den "Grumpy Guide" kann man als Teil dieser Eventisierung lesen – oder als Kommentar dazu. "Ich versuche, in meinen Touren auch klarzumachen, dass das Museum immer noch eine gewisse Macht über die Besucher hat", sagt Brandi. "Bei aller Öffnung muss man sich immer noch das anschauen, was die Institution für zeigenswert hält, und Joseph Langelinck stellt diese Auswahl radikal infrage."

Vielleicht liegt genau in dieser Spannung der Reiz des Grumpy-Formats im Jahr 2025. Die Ära der autoritären Kunstvermittlung à la Langelinck ist lange genug her, um die Figur als Parodie zu erkennen. Und gleichzeitig sind Museen noch genug "heilige Hallen", um das Gemecker dort als befreienden Bruch mit Verhaltensnormen zu empfinden. 

Brandi legt Wert darauf, dass er sich keineswegs über "klassische" Kunstvermittlung lustig machen, sondern ihr eher eine Facette hinzufügen will. Außerdem formuliert er den Anspruch, dass die Teilnehmer seiner Touren auch tatsächlich etwas über die Kunst mitnehmen. "Im Idealfall passiert sogar Dreierlei", sagt er. "Die Leute können sich unterhalten fühlen, inhaltlich etwas lernen und emotional eine Öffnung bezüglich ihrer eigenen Stellung zur Institution empfinden - sich also in diesem Deutungsgerangel über die Frage 'Was ist große Kunst?' gegenüber dem Museum behaupten."

Dass er selbst Kunst studiert hat, empfindet Carl Brandi für seine Rolle als äußerst nützlich. Und das ist vielleicht das Erfreulichste am Phänomen "Grumpy Guide": Dass dahinter nicht nur die Lust am Schimpfen steht, sondern dass sich jemand wirklich für die Themen interessiert, die durch die Grummeligkeit gestreift werden. "Die Fragen, die Joseph Langelinck stellt, haben mich als Künstler natürlich auch beschäftigt", sagt Brandi. "Man muss etwas sehr ernst nehmen, bevor man sich darüber lustig machen kann."