Günter Rössler in Apolda

DDR-Frauen ohne Filter

Günter Rössler prägte die Akt- und Modefotografie der DDR wie kein Zweiter. Zum 100. Geburtstag zeigt das Kunsthaus Apolda postum eine Werkschau

Thüringen. Kommt man mit der Regio am Bahnhof Apolda an, muss man nur wenige Minuten Spaziergang auf sich nehmen, und schon leuchtet die Fassade des Kunsthauses auf einer begrünten Anhöhe auf. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat hier in der Bahnhofstraße 42 Wolfgang Joop seine Zeichnungen ausgestellt; später war Marlene Dietrich im selben Gebäude auf Schwarzweißfotografien zu sehen.

Betritt man heute das Foyer des Kunsthauses, sind es drei Reihen gerahmter Zeitschriften, die nicht zu übersehen sind: "Modenschau", "Sibylle", "Modische Maschen". Wem die Schriftzüge der Titelseiten kein Begriff mehr sind, der wird von den ausdrucksstarken Frauengesichtern an die DDR-Kultpublikationen erinnert. Der Fotograf der Bilder ist Günter Rössler. Nach Joop und Dietrich nun also auch Rössler in Apolda.

Günter Rössler, der 2012 in seiner Geburtsstadt Leipzig gestorben ist, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Bekannt wurde Rössler in den 1960er-Jahren für seine Mode- und Aktfotografie, die er in der DDR als ernsthafte Kunstform prägte. Mit den natürlichen Posen und Blicken offenbarten Rösslers Fotos ein neues weibliches Selbstbewusstsein. In Apolda wird dieses stolz auf zwei Ebenen präsentiert.

Zeitlose Pionierarbeit

Zu bestaunen gibt es 130 Werke, die im Laufe von sechs Jahrzehnten entstanden sind. Darunter finden sich Auftragsarbeiten in der Mode, aber auch hochästhetische Schwarzweißbilder in großem Format. Während im Erdgeschoss neben den Mode- auch Reportageaufnahmen von Rösslers Auslandsreisen hängen, sind in der oberen Etage die stärksten seiner Aktbilder ausgestellt.

Das Ausstellungskonzept animiert zum Erkunden. Hier rupft mal eine Frau mit kräftigen Händen in Bulgarien eine Gans, dort huscht eine Frau mit blonder Bobfrisur und schützendem Trenchcoat vor einer Menschengruppe vorbei, da hält eine Frau mit selbstbewusstem Blick nackt auf dem Boden inne. Ergänzt wird die Schau durch den Dokumentarfilm "Günter Rössler: Die Genialität des Augenblicks" von Fred R. Willitzkat und die Begleitausstellung "LEIB & SEELE" von Matthias Eckert.
 

Günter Rössler, "Budapest", 1974
Foto: Kirsten Schlegel/Günter Rössler

Günter Rössler "Budapest", 1974

Bewegt man sich in diesen Tagen durch das Kunsthaus, dann stehen die Chancen nicht schlecht, auf Rösslers Witwe und Nachlassverwalterin Kirsten Schlegel zu treffen. Sie hat die Ausstellung im Sinne Rösslers facettenreich kuratiert. "Günter hat immer gesagt, dass die Aktfotografie nur etwa 30 Prozent seines Gesamtwerks ausmacht", erinnert sie sich.

30 Jahre haben Schlegel und Rössler zusammengearbeitet, sie selbst stand als junges Model vor der Linse. Dementsprechend vertraut ist die Kuratorin mit der Vision des Fotografen bei der Auswahl eigener Werke. Mit einem Fingerzeig und verschmitzten Schmunzeln habe er zu Lebzeiten seine Lieblingsbilder gekürt: "Ich glaube, das ist ein gutes Bild". 

Stimmen der Models

In der Ausstellung werden diese "guten" Bilder von einem Audioguide zum Leben erweckt. Neben Filia, der Tochter von Rössler und Schlegel, kommen darin auch die abgelichteten Models zu Wort. Sentimental und berührend ist das. "Man steht in der Ausstellung etwa vor dem Bild ‘Stefanie’ und hört dann die heutige Stefanie, wie sie die Zusammenarbeit mit Günter damals empfunden hat", erklärt die Kuratorin.

Beim Zuhören fällt auf, dass Rösslers frühere Modelle alle das besondere Vertrauensverhältnis zu ihm geschätzt haben. Rössler sei den jungen Frauen auf Augenhöhe begegnet und habe sie in Produktionsentscheidungen miteinbezogen. Seine Seelenruhe erstickte wohl jegliche Aufregung.

"Schau mal, keine aufgespritzten Lippen, alles so natürlich!", flüstert eine Besucherin zu ihrer Begleitung an einem Ausstellungstag in Apolda und atmet auf. Hinter der Bemerkung verbirgt sich die Beobachtung, wie krass sich der Look vieler Models in den vergangenen Jahren einer erdrückenden Gleichmacherei unterzogen hat – der Ästhetik von Influencern und Instagramfiltern und dem Patriarchat sei Dank.
 

Günter Rössler, "Barbara", 1964
Foto: Kirsten Schlegel/Günter Rössler

Günter Rössler "Barbara", 1964

Das nimmt auch Kirsten Schlegel so wahr und erinnert sich an die gemeinsamen Fotoshootings für die Modemagazine mit Rössler. Ohne Social Media, ohne XXL-Produktionsteam. Damals sei höchstens eine Redakteurin mit vor Ort gewesen, sagt sie. Ein individueller Stil der jungen Frauen sei so überhaupt erst möglich gewesen. "Es gab weder Stylistin noch Visagistin. Man hat sich selbst geschminkt und selbst die Frisur gemacht."

Analog und mit Wedeltechniken

Hinzu kam Rösslers brillantes wie schlichtes Handwerk hinter der Kamera. Er fotografierte immer analog, oft in Schwarzweiß. Die Belichtung eines Bildes beeinflusste der Fotograf durch Wedeltechniken in der Dunkelkammer. Die Ergebnisse wirken auch in Apolda künstlerisch, nie künstlich. Man will diesen Bildern vertrauen – auch das ist heute eine Rarität.

Dabei zeigte Rössler einen sensiblen Umgang mit Nacktheit, ohne Frauen zu Objekten zu degradieren. Das sorgt heute dafür, dass die Schau von Kirsten Schlegel vor Leichtigkeit, Eleganz und Selbstbestimmung nur so sprüht. Beim Publikum kommt das an. "Die Leute laufen mit einem beseelten Gesichtsausdruck durch diese Ausstellung", sagt die Kuratorin.