Wenn er irgendwo auftrat, zumal bei der Eröffnung einer seiner Ausstellungen, dann gerne in Arbeitskleidung, die Latzhose über der breiten Brust gespannt. Da war jemand und beherrschte den Raum, der zeigte, dass er mit der ursprünglichen Kraft arbeitete, die dem Menschen eigen ist: der Muskelkraft. Man konnte ihn für einen Kraftbolzen halten, und sicher war er das auch; aber zugleich bewies er seine Meisterschaft damit, dass er diese Kraft zügeln und ganz zart sein konnte. Man sieht es seinen Arbeiten an, die weder Bilder sind noch im strengen Sinne Skulpturen, sondern etwas Eigenes, am ehesten als Reliefs zu bezeichnen: Reliefs aus Unmengen von Nägeln, die wie Punkte in die dritte Dimension vorstoßen und beim Hinschauen sanft gewellte Landschaften evozieren. Oder sind es Wälder, wogend im Wind?
Es ist nicht genau zu datieren, wann Günther Uecker erstmals den Nagel als sein Material erkannt und in Besitz genommen hat, sicher auch nicht von heute auf morgen. Jedenfalls nahm er keine feinen Stifte, sondern richtige Zimmermannsnägel, die einzuschlagen es Kraft braucht und vor allem Entschiedenheit. Da muss jeder Schlag sitzen, denn nebenan platzierte Uecker den nächsten Nagel und dann wieder einen und wieder und wieder, bis eine ganze Fläche mit den unterschiedlich tief hineingetriebenen, aber immer ein Gutteil herausstehenden Nägeln bedeckt war, oder auch ein Gegenstand, ein Möbelstück oder was auch immer.
Günther Uecker kam, wie so viele bedeutende Künstler der Bundesrepublik, aus der DDR. Geboren wurde er 1930 in einer mecklenburgischen Kleinstadt, wuchs auf an der Ostsee; nach dem Krieg ging er in eine Schreiner- und Anstreicherlehre, bevor er zur Kunst abbog und über Wismar an die Kunsthochschule Weißensee kam und damit nach Berlin. Die Grenze war offen, und nach dem Aufstand des 17. Juni ging er in den Westen.
Mit ZERO auf der Suche nach der Kunst der "Stunde Null"
Er wollte nach Düsseldorf, um beim bewunderten Otto Pankok zu studieren, der ihn schließlich als Schüler annahm. Pankok war Zeichner und Grafiker, und es ist, als ob Uecker das Schwarzweiß der Zeichnung in die dritte Dimension seiner Nagelbilder übertragen hätte, wo aus der weißen Fläche die silbrigen Nägel herauswachsen. Mit der abbildenden Kunst hatte Uecker abgeschlossen, in Düsseldorf waren alle Spielarten ungegenständlicher Kunst zu Hause. 1961 schloss er sich der drei Jahre zuvor gegründeten Gruppe ZERO an, mit Otto Piene und Heinz Mack als ihren führenden Vertretern.
ZERO suchte in der Kunst die "Stunde Null" gegenüber allen überkommenen Inhalten, aber auch gegen das Pathos der gestischen Abstraktion der Nachkriegsjahre. ZERO verstand sich durchaus nicht als leeres Nichts, sondern als hoffnungsfroher Aufbruch in eine neue Zeit. Auch wenn Uecker nie einer der Wortführer von ZERO war, fügte sich seine Kunst doch selbstverständlich in ihr Programm ein.
Die leicht schwingenden Nagel-Reliefs über der stets weißen Leinwand sind der kinetischen Kunst der frühen 1960er-Jahre nahe, indem sie Licht und Schatten als wenn auch flüchtige Elemente des Kunstwerks einbeziehen. Doch durch das Material des Nagels blieb Uecker, anders als die das reine Licht fangenden Piene oder Mack, an die physische Gegenständlichkeit der Kunst gebunden.
"Ich gebe Zeichen, ich stelle mich bloß, ich stelle mich"
Uecker, der früh sich mit fernöstlicher Philosophie befasst hatte, unternahm zahlreiche Reisen bis in die Mongolei oder nach Sibirien, als das noch keine leicht erreichbaren Destinationen waren. 1970 war er einer der deutschen Vertreter bei der Biennale von Venedig, damals so etwas wie der Ritterschlag. Uecker zählte nun zu den Großen der westdeutschen Nachkriegskunst. Die Berufung an die Düsseldorfer Akademie folgte 1974, er lehrte bis zur Pensionierung 1995.
Dass sich über die Jahre vieles wiederholte, manche Werke einander gleichen, konnte nicht ausbleiben, zumal Ueckers Kunst, die doch zuallererst Hand-Werk im wahrsten Sinne des Wortes ist, so leicht mit dem hammerschwingenden Künstler selbst zu illustrieren war. Aber Uecker war alles andere als unpolitisch, er wurde vielmehr mit zunehmendem Alter immer politischer. Auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl reagierte er mit Bildern aus per Hand verteilter, "gemalter" Asche, gegen die Unterdrückung indigener Völker protestierte er mit dem "Black Mesa Zyklus", und eine Ausstellung mit Material-Installationen schickte er unter dem Titel "Der geschundene Mensch" auf Welttournee. "Ich gebe Zeichen, ich stelle mich bloß, ich stelle mich", hat er einmal gesagt und mit diesen wenigen Worten umrissen, was die Möglichkeiten wie auch die Grenzen des einzelnen Künstlers betrifft, in der Gesellschaft zu wirken.
Uecker hat zahllose Preise erhalten, hat ungezählte Male ausgestellt, hat nebenbei immer wieder auch Bühnenbilder für die Oper geschaffen, hat öffentliche Aufträge sei's im heimischen Düsseldorf oder bei der Uno in Genf ausgeführt. Er hat den Traum von ZERO nach einer von Traditionsballast freien, von einer immer wieder neu geschaffenen Welt gelebt. Jetzt ist Günther Uecker im Alter von 95 Jahren gestorben.