Mit aufgerissenen Augen starrt der Mann auf dem Bild den Betrachter an, und wie um den offensichtlichen Schrecken zu unterstreichen, ist das Gemälde nicht einmal fertig gemalt. "Der vor Angst Wahnsinnige" ist es betitelt, sein Schöpfer ist Gustave Courbet, und man weiß oder ahnt es zumindest: Es ist ein Selbstporträt.
Vor der Leinwand, die sein Spiegel ist, hat Courbet verschiedene Gemütszustände ausprobiert, wie die holländischen Maler des 17. Jahrhunderts, die derlei unter dem Gattungsbegriff der "tronie" malten, nicht zuletzt, um ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Das macht auch Courbet, und wenn die breit angelegte Ausstellung im Wiener Leopold Museum, die anschließend nach Essen ins Folkwang weitergereicht wird, etwas erkennen lässt, dann, wie sehr Courbet auf Wirkung und Wahrnehmung versessen war. "Bonjour, Monsieur Courbet" betitelte er 1854 die gemalte Begegnung mit einem Mäzen, der ihn unterstützte, wo nicht er den Hut bescheiden vor dem Gönner senkt, sondern der Mäzen vor ihm, dem ihn an Körpergröße Überragenden.
Immer wieder hat er sich selbst gemalt, aber nicht, wie etwa Rembrandt, um sein eigenes Ich zu prüfen, sondern um sich zu präsentieren. Denn jeder Ausstellung seiner Gemälde fügte er gleich ein nagelneues Selbstporträt hinzu, als müsse er seine Teilnahme beglaubigen. Dabei besaß die Malerei zu seiner Zeit nicht mehr den Alleinvertretungsanspruch auf Abbildung, es gab bereits die rasant sich verbreitende Fotografie. Und kein Geringerer als der berühmte Félix Nadar hat denn auch Courbet abgelichtet, zu einer Zeit, da der breitköpfige Sohn eines wohlhabenden Großbauern aus dem provinziellen Jura bereits deutlich an Fülle zunahm. Es galt im 19. Jahrhundert als Ausweis von Wohlhabenheit, es sich rundum gut gehen zu lassen.
Félix Nadars Porträt von Gustave Courbet
Gustave Courbet, geboren 1819 im Städtchen Ornans, wollte aber mehr und anderes, als ein Maler der Wohlhabenden zu sein. Er hatte sich weitgehend autodidaktisch zum Maler gebildet, hielt es in Akademie und Malkursen nie lange aus. Früh interessierte er sich für einfache Leute, Arbeiter gar; vor der 1848er-Revolution und auch danach erregte das Missfallen.
Allerdings auch nicht so viel, dass er deswegen von der Teilnahme am Salon, der alljährlichen Leistungsschau der französischen Kunst in Paris, ausgeschlossen worden wäre, wie später die Impressionisten. Ausgeschlossen, nur wegen ihrer Größe, wurden lediglich seine beiden Großformate, das wirklichkeitsgetreue und irgendwie langweilige "Begräbnis in Ornans" und das rätselhafte Bild seines Ateliers, das er selbst als "Allegorie réelle" bezeichnete und mit diesem begrifflichen Widerspruch bis heute die Interpreten auf Trab hält.
Keines der beiden Gemälde ist in Wien zu sehen, sie dürfen das Pariser Musée d'Orsay nicht mehr verlassen. Doch auch so ist unter dem Titel "Realist und Rebell" mit 130 Arbeiten von über 60 Leihgebern ein Panorama der Kunst Courbets zustande gekommen, das den Vergleich mit den Retrospektiven der vergangenen Jahrzehnte nicht zu scheuen braucht. In elf Sälen wird chronologisch und thematisch aufgefächert, was Courbet zu einem der bedeutendsten Künstler des 19. Jahrhunderts hat werden lassen.
Kunst als Befreiung von ästhetischen und maltechnischen Konventionen
Es ist dies, in einem Wort zusammengefasst, der "Realismus", ein Stilbegriff, der eigens für ihn und seine Malerei geprägt und von ihm gern verwendet wurde. Realismus soll heißen, die Wirklichkeit nicht unbedingt detailgetreu, sondern wahrhaftig darzustellen. Die linkspolitischen Neigungen Courbets, die ihn zum Teilnehmer der kurzlebigen Commune von 1871 werden ließen und in deren Folge zum Hauptschuldigen für die Zerstörung der Vendôme-Säule Napoleons stempelten, haben seine Malerei zum Vorbild des Sozialistischen Realismus werden lassen.
Was ziemlicher Unsinn ist, denn Courbet ging es nicht um die Illustration politischer Ansichten, sondern um Kunst als Befreiung von ästhetischen und maltechnischen Konventionen. Er nahm nicht nur den Pinsel, sondern spachtelte die Farbe mit dem Palettenmesser auf die Leinwand, in Schichten übereinander, und wenn man nahe an die Bilder herantritt, lösen sie sich in delikate Farbflecken auf – in reine Malerei. Vor allem bei den Landschaften und noch mehr bei den Seebildern, wo die Elemente, die Wellen und Wolken ungebremst den Betrachter anspringen.
Und dann hat Courbet ein paar Skandalbilder gemalt, voran den "Ursprung der Welt", was ein hübscher Titel für die Nahsicht auf Scham und Schenkel einer jungen Frau ist (man weiß erst neuerdings, wer die derart verkürzt Dargestellte war: eine Balleteuse und Prostituierte), und das intime Beieinander zweier junger Frauen im Bett. Doch entstanden beide Gemälde auf Bestellung eines ausgewiesenen Pornoliebhabers, des damaligen türkischen Gesandten, der sie in seinem Privathaus sorgfältig verborgen hielt und nur wenigen Vertrauten vorführte.
Gustave Courbet "Der Ursprung der Welt", 1866
Für die Qualität der kuratorischen Arbeit von Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger und Niklaus Manuel Güdel, dem Präsidenten der Société Courbet, spricht, dass beide Bilder jetzt in Wien zu sehen sind. Sie sind nicht mehr die Sensation, die das "Ursprungs"-Bild der haarfein gemalten Vulva zuletzt 1995 erregt hatte, als es offiziell ins Musée d'Orsay gelangte.
Courbet ist und bleibt der Maler einer zupackenden Naturdarstellung, von Bäumen und Wellen und den lieblichen Flüssen und dunklen Felshöhlen seiner südostfranzösischen Heimat, und eben von ein paar Manifesten "des" Realismus als einer ungeschminkten Wirklichkeitsauffassung – gegen den zunehmend verkitschten Salon, an dem teilzunehmen dennoch sein lebenslanges Ziel blieb.
Nach der Commune und der Verurteilung zu hohem Schadenersatz musste Courbet in die Schweiz flüchten, wo er bis zu seinem Tod 1877 nochmals eine Reihe eindrucksvoller, von der Kunstgeschichte jahrzehntelang abgewerteter Ansichten der Alpen und des Genfersees malte, denen in Wien gleich zwei Säle gewidmet sind. So wird en passant eine neue, unvoreingenommene Sicht auf den Realismus-Rebellen etabliert, der doch stets nach Anerkennung gierte und den Protest eher marktstrategisch einsetzte. Auch darin war Courbet ein Vorläufer der Moderne.