Wer heute in die Gastronomie einsteigen will, hat es schwer. Rund 90 Prozent aller Neueröffnungen machen innerhalb des ersten Jahres wieder zu. Der Wareneinsatz und die Personalkosten sind hoch, die Margen gering, und in Zeiten der Rezession überlegen sich viele Restaurantbesuche zweimal. Konnte man sich als Student in Berlin vor 15 Jahren noch täglich von Döner und Falafel ernähren, ist selbst Fastfood für viele mittlerweile zum Luxus geworden.
Neulich im Urlaub an der Ostsee fiel mir auf, wo in der Gastronomie derzeit vor allem versucht wird, Kosten zu sparen: bei Design, Markenauftritt und Food-Fotografie. Die gibt es nämlich kaum noch. Stattdessen überall derselbe KI-generierte Stil, überall die gleichen überzeichneten Grafiken, die eigentlich Appetit machen sollen, aber eher das Gegenteil bewirken. Denn woran soll ich erkennen, dass dieser Laden besser oder eigenständiger ist als der nebenan, wenn beide mit den gleichen Bildern werben? Zumal Google-Rezensionen mittlerweile auch kaum mehr Aussagekraft besitzen als die Versprechen von Donald Trump.
Klar gibt es Moden und Trends. Und natürlich hat nicht jede Imbissbude das Budget, Fotografen und Grafiker für eine stilvoll gestaltete Speisekarte zu engagieren. Aber wenn ausgerechnet Essen mit gleichgeschaltetem KI-Slop beworben wird, der sich in wenigen Sekunden erstellen lässt – zeigt das dann nicht auch, wie wenig Zeit und Liebe in das eigentliche Hauptprodukt investiert wird?
Vermeintlich einfache und schnelle Lösungen
Der Frust geht bei einigen Kunden offenbar sogar noch weiter. In San Francisco führte das kürzlich zu einer Eskalation, die es bis in die Nachrichten schaffte: Das Ehepaar Lozano hatte im Mai in der Haight Street das Café "Grind & Unwind" eröffnet, das unter anderem Cookies und Bananenbrot verkauft. Als Anfang Juli ein Menü mit KI-generierten Bildern an der Fassade hing, gab es nicht nur online einen Shitstorm, das Restaurant wurde sogar mit einem Graffito beschmiert, auf dem "Seriously" stand. Übersetzt heißt das so viel wie: "Ist das euer Ernst?" Die Betreiber erklärten schockiert, die Bilder seien lediglich als Übergangslösung gedacht gewesen. Mit drei Kindern unter fünf Jahren seien sie schlicht noch nicht dazu gekommen, Zeit und Geld in eine richtige Geschäftsausstattung zu investieren.
In dieser Geschichte zeigt sich das Dilemma, das KI vielerorts schafft: Sie bietet vermeintlich einfache und schnelle Lösungen an, die von vielen längst nicht mehr als solche wahrgenommen werden – und inzwischen sogar heftige Reaktionen hervorrufen. Gerade in San Francisco und im Silicon Valley sorgt die Tech-Industrie seit Jahren für einen immer größeren Überlebensdruck auf Menschen, die nicht bei Konzernen wie OpenAI, Meta, Apple oder Google arbeiten. Durch die massiven Entlassungswellen in der Branche werden es inzwischen aber auch dort immer mehr. Das ist weder Entschuldigung noch Erklärung für Vandalismus, zeigt aber ein Stimmungsbild, das auf kurz oder lang auch hier den Alltag prägen dürfte.
Fast sehnsüchtig schaue ich auf Zeiten zurück, in denen Restaurantmenüs voller (teils witziger) Rechtschreibfehler waren. Als sich Restaurantbetreiber mit MS Paint, Comic Sans und Clip Arts austobten, alles ein bisschen schief und krumm war, aber gerade dadurch so etwas wie eine persönliche Handschrift bekam. Ganz zu schweigen von den vielen Gestalterinnen und Gestaltern, die auch dem Café um die Ecke dabei helfen könnten, ein charmantes und ansprechendes Storytelling zu entwickeln. Mein Gastrokonzept "Zum Slop" hat mich mit ChatGPT nur wenige Minuten gekostet. Man darf es sich aber nicht immer zu einfach machen. Sonst wird das Leben irgendwann langweilig.