Die Hamburger Kunsthalle hat in ihrem Altbau eine ganze Reihe nobler Fest- und Vortragssäle, und da hinein haben die Veranstalter der Hamburger Art Week am Donnerstagmittag geladen. Die Stimmung ist gelöst bis erwartungsvoll, das gute Catering tut das Seine, und der Ärger des mit der Bahn aus Berlin Angereisten über die im ICE einfach mal fehlenden sechs Wagen und die im Streckenverlauf immer weiter anwachsende Verspätung löst sich bei so viel guter Laune in milde Nachsicht auf.
Dann aber geht’s los, Kunsthallen-Direktor Alexander Klar freut sich über die zahlreiche Gästeschar, und Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD), mit neun Dienstjahren der Senior unter den Länder-Kulturministern, kann sich Vergleiche mit Berlin nicht verkneifen, darunter noch der angenehmste, dass man in Hamburg alle Kulturorte mit dem Fahrrad erreichen könne, "was in Berlin nicht der Fall ist".
Punkt gemacht, ohne Frage. Ansonsten wolle er Hamburg mit Berlin nicht vergleichen – und tut es auf diese elegante Art natürlich gerade –, weil es in Berlin viele Dinge gebe, "die ich nicht vergleichen will". Noch ein Punkt, na schön. Immerhin räumt Brosda ein, "wir haben Berlin noch nicht überholt, was die Wertschätzung zeitgenössischer Kunst angeht". Das ist ehrlich und insofern noch ein Punkt.
84 Stationen an Galerien, Off Spaces und Institutionen
Aber klar, was Brosda anstrebt und wofür seine Behörde auch ordentlich Hilfestellung gegeben hat, ist natürlich, Hamburg endlich konkurrenzfähig zu machen gegenüber der Hauptstadt an der Spree; wozu ist man schließlich zweitgrößte Stadt Deutschlands. Also gibt es an diesem Wochenende die erste Ausgabe einer eigenen Art Week, "Crossing Currents" betitelt, was man, einschlägigen Portalen zufolge, mit Quer- oder Gegenströmungen übersetzen könnte und jedenfalls in englischer Sprache daherkommt, der unangefochtenen Verkehrssprache der Kunstwelt.
Der in Hellgrün gehaltene Faltplan zeigt das Wesentliche des Hamburger Stadtgebiets, darauf 84 Stationen an Galerien, Off Spaces und Institutionen, von denen die meisten auf insgesamt sechs farbig markierten Routen angesteuert werden können. Diese Touren werden bis einschließlich Sonntag mit studentischen Guides angeboten, die sich aus den einschlägigen Hamburger Hochschulen rekrutieren.
Selbstverständlich können sie individuell auch über das Wochenende hinaus wahrgenommen werden, mit im Laufe der Zeit wechselnden Ausstellungen und Events. Nur wer so ganz außerhalb des Stadtzentrums gelegen ist, wie etwa die berühmte Sammlung Falckenberg im Stadtteil Harburg südlich der Elbe, wo der echte Hamburger schon mal aus Prinzip noch nie war, der also muss auf gesteigerte individuelle Neugier hoffen.
Zusammenschluss vieler Initiativen
47 Galerien verzeichnet das Faltblatt als Teilnehmer, dazu 30 Off Spaces und 20 Institutionen. Das ergibt in der Summe mehr als die eben genannten 84 Positionen, ganz einfach, weil mehrere Galerien unter einer Nummer aufgeführt sind. Das betrifft drei Galerien am innerstädtischen Klosterwall, vor allem aber das Kontorhaus in der Admiralitätsstraße, die die Fleetinsel durchquert, mit gleich zehn teilnehmenden Galerien. Dabei handelt es sich um jenes inzwischen legendäre Kulturkonglomerat, das der Jurist, Kunstsammler und Mäzen Hans-Jochen "Jockel" Waitz 1989 durch Ankauf der von der Stadt zum Abbruch verdammten Kontorhäuser rettete und schließlich in reguläre Rechtsverhältnisse überführen konnte. Heute macht selbst "Hamburgtourist" damit Reklame, und tatsächlich ist die Fleetinsel – die keine richtige Insel ist, aber von Kanälen umgeben, die hier "Fleete" heißen – so etwas wie der Nukleus des Hamburger Galeriewesens.
Dort hat die Produzentengalerie Hamburg ihren Sitz; Partnerin Luise Nagel ist Mitinitiatorin der Art Week. Sie erzählt, dass sie oft Menschen getroffen habe, "auch in Hamburg, die nicht wussten, dass es in der Stadt hochkarätige Galerien, Kunst-Räume und nicht zuletzt Sammlungen gibt".
Insofern geht es bei der Art Week darum, sie alle miteinander bekannt zu machen und dieses Wissen nach außen zu tragen. Im Landesverband der Hamburger Galerien habe es seit langem den Wunsch nach einer Art Week gegeben, "aber wir wollten auch die Off-Szene und die Institutionen einbeziehen". Die ehrenamtliche Arbeit der Initiatoren fand materielle Unterstützung insbesondere von der Zeit Stiftung Bucerius, der Michael Otto Stiftung und der Warburg Bank, aber auch vom "Promotion Pool" Hamburger Hotels, der es ermöglichte, zahlreiche Gäste von auswärts einzuladen. "Wir haben in Hamburg viele Initiativen", erläutert Luise Nagel, "die gern die Stadt unterstützen, aber in einer sehr diskreten Weise."
Warum noch eine Art Week?
Passend zum Kunst-Wochenende eröffnet die Kunsthalle ihre neue Ausstellung. Unter dem Titel "This is the Modern World" hat sie ihren reichen Bestand an Kunst des 20. Jahrhunderts durchforstet und zeigt jetzt die Vielfalt, oft auch Gegensätzlichkeit gleichzeitiger Positionen aus der Zeit von 1900 bis 1960. Die beiden Hausheiligen Max Beckmann und die tragisch am NS-Regime zugrunde gegangene, bereits 1933 verstorbene Anita Rée tauchen mit Werken in verschiedenen Kapiteln des Rundgangs auf, der vor allem eines belegt: dass es unmöglich ist, die Kunst des 20. Jahrhunderts säuberlich in getrennte Schubladen zu sortieren. Aber das ist etwas, das die Kunst des 21. Jahrhunderts, wie sie die Hamburger Galerien offerieren, erst recht kennzeichnet.
Neben all den Ausstellungen gibt es Vorträge, Performances, Konzerte, Lesungen und Diskussionsrunden. Da darf das Thema "Why Another Art Week?" nicht fehlen. Ja, warum eigentlich noch eine Art Week? Luise Nagel formuliert es so, als Antwort auf die Frage, was sie sich von der Art Week Hamburg erhofft: "Wenn wir es schaffen zu vermitteln, dass das kein kleiner Lokal-Kiez ist, sondern auf ganz hohem Niveau spielt, dann bin ich froh." Das zu überprüfen, ist bis einschließlich Sonntag ausgiebig Gelegenheit. Für die Bahnfahrt sollten Auswärtige genug Zeit einplanen.