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Exklusive Monopol-Edition von Hannah Sophie Dunkelberg

Die exklusiv für die Edition VFO und Monopol entstandenen "Pasticci"-Editionen von Hannah Sophie Dunkelberg zeigen, wie dekorativ Widerstand sein kann. Grund genug, der Künstlerin in ihrem Atelier in der ehemaligen Sarotti-Schokoladenfabrik in Berlin einen Besuch abzustatten

In Berlin-Tempelhof liegt ein Ort, von dem man meint, dass er immer noch ein bisschen nach Schokolade riecht, auch wenn hier seit Jahren keine mehr hergestellt wurde. Die Teilestraße war früher einmal das Reich von Sarotti: Der Schokoladenhersteller produzierte hier Tag und Nacht, rund 300.000 Tafeln täglich – ein Industriekomplex mit Maschinenrhythmus und Süßwarenpatina. Während der letzten Jahre haben sich in den ehemaligen Produktionshallen Ateliers, Werkstätten und kleine Manufakturen eingerichtet. Auch das Atelier der Künstlerin Hannah Sophie Dunkelberg liegt in einem der oberen Stockwerke, erreichbar mit einem alten Lastenaufzug, der beim Schließen kurz ruckt. "Vorsicht, Lichtschranke", sagt sie, dann geht es aufwärts.

Das Studio der 1987 in Bonn geborenen Künstlerin ist weitläufig, die Decken hoch, der Boden aus rotem Klinker. In der Mitte des Raums steht ein Sofa mit Patchwork-Look, auf dem ein orangefarbenes Holzpferd ruht. An einer Wand lehnt ein großformatiges Polystyrol-Relief in tiefem Blau, es gibt Schränke mit Werkzeug, Schablonen, Lackdosen. Auf einem Stuhl stehen zwei BMW Art Cars in Modellauto-Format; eines davon, das von John Baldessari, ist bereits abgeklebt. Dunkelberg will es umgestalten – inoffiziell. Es ist ihre eigene Reihe imaginierter Art Cars von Künstlerinnen, die nie eingeladen wurden, erzählt sie. Joan Mitchell, Isa Genzken, Helen Frankenthaler. "Ich frage mich manchmal: Wie hätte deren Auto ausgesehen? Und dann male ich es halt."

In einer Ecke steht eine weiße Pferdeskulptur ohne Kopf, auf dem Boden eine florale Geschenkbox. Ein bisschen kitschig sieht sie aus: Der Karton ist über und über mit Blümchen bedruckt, deren Blütenzentrum aus lächelnden Smileys besteht. Dunkelberg hebt den Deckel an, zum Vorschein kommen etliche weitere bedruckte Schachteln – eine Matrjoschka-Geschenkbox. Manche Stücke im Atelier stammen aus früheren Serien, etwa das Pferd auf dem Sofa: Es war Teil der Ausstellung "Müde Pferde", die im Herbst 2022 in Berlin zu sehen war.

Damals versammelte Dunkelberg bemalte Holzpferde, spiegelnde Blumenreliefs und mit psychedelischen Stoffen bezogene Sofas – ein bisschen so, als würden alte Heldenposen müde zusammensacken, weich gebettet zwischen Überdekor und Bedeutungsrauschen. Wer genauer hinsieht, entdeckt auf einem der Stoffteile des Sofas den Satz: "Chi dorme non pecca". Wer schläft, der sündigt nicht. Passend dazu liegt eine dünne Matratze in einer Ecke des Raumes, ein stilles Zeugnis neuer Routinen. "Die liegt hier normalerweise nicht", sagt die Künstlerin. Und erzählt, dass sie vor fünf Monaten Mutter geworden ist. Trotzdem arbeitet sie weiter. Zwischen Hochsitz und Hochglanz.

Glänzend wie Bonbonpapier

Auf einem Tisch, neben zwei durchsichtigen Cowboy-Hüten aus Plastik, liegen flache Reliefs in Gelb, Blau und zartem Rosé. Sie glänzen wie Bonbonpapier. Linien ziehen sich als blumige Schnörkel über die Oberfläche, irgendwo zwischen frühlingshaft floraler, klassischer Motivik und ultrazeitgenössischer Ästhetik. "Pasticci" heißen die Arbeiten – eine Edition, entstanden exklusiv für die Edition VFO, den Zürcher Verein für Originalgraphik, und das Monopol-Magazin. Es sind Drucke im erweiterten Sinne: Filigrane Handzeichnungen werden in einem mehrstufigen Abstraktionsverfahren zu Polystyrol-Reliefs, die dann von Dunkelberg von Hand lackiert werden.

Das industrielle Tiefziehverfahren, das die Künstlerin benutzt, stammt eigentlich aus der Prototypenentwicklung. Sie verwendet es wie eine Art Skizzenmaschine: Die Zeichnung entsteht analog, erst im Skizzenbuch, dann mit Messer und Schablone. Später wird das Material erhitzt, geformt, fixiert. "Polystyrol ist für mich wie ein Anker in die Realität", sagt Dunkelberg. "Malerei dagegen ist oft ganz stark mit Illusion verbunden. Man malt etwas, und es bleibt flach – fast wie ein Bild am Computer. Das bringt einen zwar in eine andere Welt, aber man muss dafür selbst sehr viel Transfer leisten, finde ich." Bei Polystyrol hingegen entstehe eine kleine Brücke: "Es ist haptisch, greifbar, ein Material, das uns überall im Alltag begegnet. Was mich daran fasziniert, ist diese Spannung zwischen Abstraktion und Realität. Das Reale ist das Material – das Abstrakte das Motiv, das ich darauf zeichne. Für mich muss das beides koexistieren, es funktioniert nicht ohne einander."

Sichtbare Spuren gehören für die Künstlerin dazu – Kanten, Ränder, Löcher, ein bisschen Kleber vielleicht. Glatt soll es nicht sein. Nur glänzend. "Man sieht an den Arbeiten ziemlich deutlich, dass der ganze industrielle Prozess mitgedruckt wird", sagt die Künstlerin. "Manche Strukturen entstehen durch Abstandshalter oder Stücke, die ich zum Tiefziehen brauche, zum Beispiel Kantonscheiben vom Discounter. Ich lasse die einfach liegen, weil sie Spuren hinterlassen, die ich spannend finde."

Dekor ist immer verdächtig

"Pasticci" – der Titel der Edition klingt nach italienischem Nachtisch, nach Sahnetupfern und Zuckerüberzug. Tatsächlich aber meint der Begriff einen wilden Mix: aus Stilen, Techniken, Einflüssen. Und das trifft Dunkelbergs Methode ziemlich genau. Ihre Kunst zerschneidet, sammelt, montiert. Sie ist dekorativ und widerständig zugleich. Und manchmal auch biografisch: "Mein Großvater war Rosenzüchter", erzählt sie. Die Adenauer-Rose soll angeblich von ihm stammen. Ob das mit der floralen Obsession zu tun hat? Dunkelberg weiß es nicht genau. Sicher ist aber: Die Motive, die sich durch ihre Arbeit ziehen, sind nie so harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Dekor sei immer verdächtig, hat die Künstlerin selbst einmal behauptet. Also: Ornament als Widerstand, Dekor als Tarnung? "Das Dekorative gibt ja oft vor, einfach nur schön zu sein – aber eigentlich legt es sich wie eine Oberfläche über etwas, das ganz woanders herkommt", erklärt Dunkelberg. "Und genau das interessiert mich. Weil diese Oberfläche eben auch etwas verdecken oder schützen kann. Gerade im Häuslichen, wo alles so gemütlich wirken soll, steckt oft etwas Dunkleres drin – Gewalt, Kontrolle, alte Strukturen." So sei es übrigens auch mit den Pferden: "Die sehen erstmal dekorativ aus, beeindruckend vielleicht. Aber wenn man fragt, woher sie eigentlich kommen, was sie repräsentieren, dann merkt man: Da hängt eine ganz andere Geschichte dran. Darum geht's mir: dass Dinge nie nur schön sind. Und dass man oft erst auf den zweiten Blick erkennt, was da eigentlich dahinterliegt."

Wenn sie das so ausspricht, zwischen Blumen-Ornamentik, glitzernden Oberflächen, Teddys und Cowboy-Hüten, dann scheint auf einmal etwas zu kippen. Der Glanz wird zum Zweifel, die Niedlichkeit fühlt sich auf einmal gar nicht mehr so niedlich an. Auf den zweiten Blick nämlich scheint die Blumen-Smileys auf der Matrjoschka-Geschenkbox gar nicht mehr so unschuldig. Lächeln sie nicht viel eher, als hätten sie etwas zu verbergen? Plötzlich wirkt auch das Pferd auf dem Sofa nicht mehr so, als würde es friedlich schlummern. Und auch die Reliefs sind auf einmal verdächtig, mit ihren Oberflächen, die ein bisschen zu verführerisch schimmern. Wie Bonbonpapier eben. Zugreifen möchte man am Ende natürlich trotzdem.