Hanne Darboven in Duisburg

Die Königin der deutschen Konzeptkunst

Im Corona-Stillstand wirkt Hanne Darbovens radikale Kunst, mit der sie die Zeit selbst festzuhalten schien, noch einmal ganz neu. In einer Ausstellung in Duisburg kann man mit der Konzeptkünstlerin die Pause neu entdecken

Wenn Kunst mit der Mathematik spielt, liegen Nüchternheit und Rätsel dicht beieinander. Hanne Darbovens Soloschau "Der Regenmacher" nutzt die Tatsache, dass das Museum Küppersmühle in Duisburg in einem ehemaligen Getreidespeicher mit extrem hohen Wänden untergebracht ist, als Trumpf.  Die Monumentalität der vier gezeigten Werkzyklen – "Ansichten ’85", "Der Regenmacher", "Soll und Haben" und "Welttheater ’79" – sticht sogleich ins Auge, die rund 2000 Blätter türmen sich über mehrere Säle und Seitenkabinette streng symmetrisch verteilt bis zur Decke.

Das Abschreiten dieser Armada aus Schriftzeichen, Zahlenkolonnen, Kalendern, Kassenbüchern und Quersummenberechnungen, aber auch in Reih und Glied sortierten Postkartenansichten von New York, die mit öden Aufnahmen von Häusern aus Hamburg-Harburg konkurrieren, nimmt einige Zeit in Anspruch – und genau darum geht es der an diesen Orten gestrandeten Kaufmannstochter Hanne Darboven.

Sie zwingt uns, nach dem Platz des Menschen in seinem selbst verschuldeten Zeitkontinuum zu fragen. Was sagt seine Manie, Alltag und Arbeit zu organisieren, zu archivieren und mit Nippes vollzustellen, wie Darboven es in ihrem Messie-Atelier tat, über das Vergehen von Sekunden, Minuten und Stunden aus? Nicht, dass man in Zeiten der Corona-Pandemie kein neues Gefühl für die Kapriolen einer vernichteten Zeitroutine gewonnen hätte.

Abgestellt im Warteraum einer ungewissen Zukunft, hat die Zeit eine materielle Gegenwart entwickelt, die auch den Blick auf das scheinbar pedantische Werk der 2009 verstorbenen Königin der deutschen Konzeptkunst verändert hat. Als Darboven Ende der 1960er-Jahre mit dem Zählen begann, war die Welt noch eine stillstehende Landkarte unendlicher Möglichkeiten. Inzwischen rächt sich das strapazierte Ökosystem mit einem Virus, in das man nichts hineinzugeheimnissen braucht. Irgendwann erscheint auch das Wörtchen "Pause" im finalen "Welttheater" zwischen Zahlenzeichnungen und Märchenmotiven, noch stecken wir in Hannes Pausenland fest. Und haben vor allem eines: Zeit.

Walter Smerling gibt einen seltenen Einblick in das Universum der Künstlerin Hanne Darboven. Mit der Kamera begleitet er sie ins Atelier, lässt ihre Mitarbeiter und ihre Mutter zu Wort kommen: