Hans Ticha in Rostock

Leere Parolen

Er war einer der großen Buchillustratoren der DDR – und zugleich ihr verborgenster Maler: Hans Ticha schuf Bilder von beißender Schärfe. Eine Retrospektive in der Kunsthalle Rostock holt diesen Einzelgänger nun ins Rampenlicht

Wer einigermaßen in der Kunst der DDR bewandert war, kannte Hans Ticha. Denn als Buchillustrator war er über 25 Jahre hinweg einer der Großen. Von ihm illustrierte Bücher errangen reihenweise die Auszeichnung als "Schönstes Buch der DDR". Davon konnte Ticha, geboren 1940 im Sudetenland und nach der Vertreibung der Familie in Sachsen aufgewachsen, als freischaffender Künstler leben, im Ost-Berliner Bohème-Bezirk Prenzlauer Berg. Doch er war kein Teil der dortigen Szene. Kaum die engsten Freunde wussten von seiner Arbeit als Maler, jedenfalls von der, die er sorgfältig verbarg und verbergen musste. 

Schon mit den Gemälden, die er als Mitglied des Verbands Bildender Künstler zu großen Ausstellungen wie der alle vier Jahre stattfindenden Leistungsschau der DDR-Kunst in Dresden einsandte, erregte er Anstoß, etwa mit der "Mannschaft", die zwei Reihen gesichtsloser, durch übergroße Zahlen gekennzeichneter Figuren darstellte. Doch was er ansonsten malte, gesichtslose Vopos, schreiende Agitatoren, abgehackte Parolen – all das hätte ihn nicht nur in Schwierigkeiten, sondern geradewegs in eine Stasi-Haftanstalt gebracht, wäre es jemals publik geworden.

Hans Ticha bewahrte seine Bilder mit der Vorderseite zur Wand auf, dazwischen Papierstreifen geklemmt, die, wären sie heruntergefallen, den ungebetenen Besuch der Stasi verraten hätten. Die Papiere blieben oben, die Stasi kam nie. Den "VEB Horch und Guck", wie die Stasi im Volksmund genannt wurde, überlistet zu haben, ist ein Triumph, dessen sich Ticha dennoch nie rühmte; allzu sehr war er nur an seiner Kunst interessiert und nicht an öffentlichem Skandal.

Ein Maler für Insider

Er errang nie dieselbe Bekanntheit wie die halb staatsfrommen, halb aufbegehrenden Kollegen wie Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig. Ticha blieb ein Maler für Insider. Jetzt aber, im Alter von 85 Jahren und nach wie vor malend – wenn auch seit vielen Jahren, der Liebe wegen, im Westen nahe Mainz –, ist es an der Zeit, von Tichas Malerei als einer der wichtigsten Leistungen der Kunst in und aus der DDR Kenntnis zu nehmen. Die Kunsthalle Rostock – übrigens der einzige Neubau für Gegenwartskunst in der DDR – zeigt eine Retrospektive seines Werks, die es in sich hat. Sie ist fulminant, sie ist aufwühlend, sie ist glanzvoll – und vor allem wünschte man, etwas Ähnliches schon vor 35 Jahren gesehen zu haben.

Damals, 1990 und gerade noch vor der Wiedervereinigung, stellte Ticha in der Galerie M aus, der – bald darauf geschlossenen – kommunalen Galerie des Neubaubezirks Berlin-Marzahn. Die öffentliche Reaktion blieb überschaubar. Die Sprengkraft der Gemälde blieb hinter ihrer bisweilen lauten, allzu gut zum Konsum-Westen passenden Farbigkeit unerkannt. Das ist jetzt anders. Der überaus rege Besuch in der etwas ungünstig gelegenen Rostocker Kunsthalle zeigt, dass Ticha einen Nerv trifft, nicht nur bei ehemaligen DDR-Bürgern, sondern ebenso bei den Zeitgenossen von heute.

Pop-Art mit regimekritischem Inhalt

Nach anfänglichen Anleihen etwa bei Fernand Léger oder dem frühsowjetischen Konstruktivismus fand Ticha seine eigene Formensprache. Kugelige Köpfe ohne Gesichtszüge, übergroße Extremitäten, gänzlich verschobene Proportionen, und das alles in einer plakativen, kaum tiefenräumlichen Bildsprache, sind das eine.

Das andere aber sind die Motive: lautstark Parolen brüllende Agitatoren, im Stechschritt marschierende Soldaten, möglichst mit dem "klingenden Spiel", das die Wachregimenter der NVA so gerne vorführten, oder über die Bildfläche verteilte Sprachfetzen, bei denen man sich etwa aus "Zialis" den zur Worthülse verkommenen "Sozialismus" zusammenreimen muss. Dazu Sportler, die aus wenig mehr bestehen als aus ihrer jeweiligen Performance, etwa als Eisläufer, gedrillt, um die zu gelben Scheiben geronnenen Medaillen zu erringen, mit denen sich Staat und Partei fortwährend schmückten.

Wäre derlei publik geworden, hätte es Ticha unweigerlich eine Anklage wegen "staatsfeindlicher Hetze" eingetragen. Beklemmend die beiden gesichtslosen Grenzsoldaten zwischen Mauer und Stacheldraht, dem einen das Gewehrrohr aus dem Kopf wachsend, der andere mit Trommel, dazu ein zähnefletschender Wachhund – Ticha wusste die Realität des "antifaschistischen Schutzwalls" sehr präzise darzustellen. All das aber in einer Bildsprache, die von US-amerikanischer und mehr noch westdeutscher Pop-Art beeinflusst war, und deren Fröhlichkeit in scharfem Kontrast steht zum regimekritischen Inhalt. Richard Lindner oder Konrad Klapheck lassen grüßen.

Kein Protestler um des Protestes willen

Nach der Wiedervereinigung fiel Ticha mitnichten, wie so viele Kollegen, in ein Loch. Nun nahm er eben den westlichen Konsum in gleich bleibender Bildsprache aufs Korn. Da schimmert manchmal Roy Lichtenstein durch, und in einer seiner gleichfalls entstandenen Collage-Skulpturen taucht die Warholsche Suppendose auf.

Doch Ticha ist kein Protestler um des Protestes willen. Unter anderen politischen Bedingungen wäre aus ihm ein großer Wandbild-Maler geworden, mit seinen Szenen unbeschwerter Freizeit beispielsweise. Erst 2024 hat er ein Hauptwerk geschaffen, den "Großen Strand", in dem er noch einmal von Picasso bis Pop alle seine Anregungen versammelt und dabei eine Komposition schafft, die allein schon im Format nicht zufällig an Max Beckmanns zur Nazizeit verloren gegangenes, großes Strandbild von 1927 erinnert.

Der "Große Strand" hängt als Blickfang am Eingang des Rundgangs der Kunsthalle, die von Format und Anspruch her ebenbürtige "Mannschaft" mittendrin, wie auch der "Eislauf" von 1980, der eine Paradesportart der DDR aufspießt. Die meisten Formate sind etwas kleiner, zumal die allerbösesten mit den Partei-Propagandisten und ihren inhaltsleer gewordenen Parolen. Da ging dann selbst Ticha buchstäblich die Farbe aus, die er doch sonst wie kein zweiter im Mauerstaat handhabte. Ein frühes Bild von 1968, noch vom Realismus älteren Datums geprägt, zeigt eine Ost-Berliner Straße im Schnee.

Doch diese Tristesse nach Art eines Harald Metzkes mochte sich Ticha nicht auf Dauer zu eigen machen. Schon im Jahr darauf hatte er mit dem "Steherrennen" und bald darauf mit den "Derbysiegern" seine eigene Sprache gefunden, die er fortan nur mehr ausformulieren musste. Die frühen Sportbilder mochten bei der Zensur gerade noch durchgehen, so etwas wie der "Staatsbesuch" von 1979 oder der "Große Trommler" von 1981 war nur noch im Geheimen möglich.

Begleitet wird die Ausstellung in Rostock, die noch ins Neue Museum Nürnberg weiterwandern wird, von einem ganz ausgezeichneten Katalog, der alle, wirklich alle Werke in Farbe abbildet. So soll es sein! Mit diesem Buch wird Hans Ticha endgültig in den Rang versetzt, der ihm gebührt, als einem der großen Einzelgänger der DDR-Kunst – und weit über sie hinaus.