Fotograf Harry Gruyaert in Eschborn

Ein absoluter Augenmensch

Der Belgier Harry Gruyaert ist ein Pionier der europäischen Farbfotografie und fängt Momente zwischen Verführung und Absurdität ein. Nun sind Werke des Magnum-Mitglieds in der Deutschen Börse bei Frankfurt zu sehen

Eigentlich ist es schnell erklärt. "In Belgien erscheint alles grau", sagt Harry Gruyaert. Deswegen habe er zunächst ausschließlich schwarz-weiß fotografiert. Sein Land, so der 1941 in Antwerpen geborene Magnum-Fotograf, sei in den Siebzigern und Achtzigern ein surrealer Ort gewesen. Er habe viel Zeit im Kino verbracht – auch, nachdem er nach Paris gezogen war. Irgendwann sei er zur Farbfotografie umgeschwenkt, weil sie "eine gewisse Schönheit und Vulgarität der Dinge" zum Vorschein bringe. 

Welch opulentes fotografisches Werk Harry Gruyaert aus diesen Prägungen und Einflüssen entwickelte, lässt sich jetzt in Eschborn besichtigen. Die Stadt vor den Toren Frankfurt am Mains beherbergt die Deutsche Börse. In deren Unternehmenszentrale werden regelmäßig Ausstellungen gezeigt, die aus der 1999 angelegten hauseigenen Fotografie-Sammlung bestückt sind. Auch wenn Bilder von Gruyaert zum Bestand zählen, hat die Deutsche Börse Photography Foundation seine Retrospektive aus Magnum-Leihgaben zusammengestellt.

Im großen Atrium des "The Cube" genannten Gebäudes geht es visuell turbulent zu: Auf einem überdimensionalen Screen laufen parallel die aktuellen Börsenkurse sowie drei TV-Nachrichtensender. Der Besucher erfährt die Uhrzeit in New York, São Paulo, London, Frankfurt am Main, Mumbai, Shanghai, Tokio und Sydney. Ebenso ist dem Bildschirm zu entnehmen, dass der Börsenhandel zu dieser Uhrzeit nur in London, Frankfurt und Mumbai läuft.

"Ich bin kein Porträtfotograf"

Wie international Harry Gruyaerts Oeuvre ist, lässt sich in Eschborn auf zwei Etagen besichtigen. So fällt etwa eine 1989 im südindischen Thiruvananthapuram während eines kommunistischen Parteitags entstandene Aufnahme ins Auge: Tosender Straßenverkehr, eingerahmt von unzähligen Filmplakaten auf einer Hauswand – und einem gemalten Parteibanner, das einen entschlossen dreinblickenden Lenin, hinter der roten Fahne marschierende Massen und aus einem Rohr emporschießende weiße Tauben zeigt.

Indien sei ein "sehr komplexer Ort", sagt Gruyaert. Wirklich wichtig sei dort die Menschenmenge. Es gehe ihm aber auch um die Umgebung und den Hintergrund: "Ich bin kein Porträtfotograf." Ebenfalls 1989 reiste Harry Gruyaert in die sowjetische Hauptstadt, wo er "Offenheit" gespürt habe, und "Hoffnung, dass die Dinge besser werden", aber auch "eine ganz andere Mentalität". Seine Moskau-Farbbilder aus der späten Perestrojka-Zeit wirken eigenartig fahl und deuten bereits die politischen und wirtschaftlichen Härten der kommenden Jahre an.

Umso extremer ist der Kontrast zu Motiven aus Los Angeles und Las Vegas der frühen Achtziger. Dort strahlt und blinkt alles warm und bonbonfarben um die Wette. Grelles Licht und harte Schatten: Harry Gruyaert zeigt die USA in Reinform, wo das Leben wie eine Mischung aus Filmset und Edward-Hopper-Gemälde anmutet. Die Bilder sind Boten eines Zeitalters, das so great gewesen sein muss, dass ein Präsident und seine Wähler ihm auch vier Jahrzehnte später um jeden Preis nacheifern wollen.

Das Lauern auf den perfekten Augenblick

Geradezu verzweifelt muten hingegen die schreiend-schrillen Farben in Gruyaerts Belgien-Bildern an. Ebenso wie seine früheren Schwarz-Weiß-Fotos zeigen viele dieser in den Achtziger-Jahren geschossenen Aufnahmen Groteskes, Absurdes und Fratzenhaftes. Harry Gruyaert porträtiert ein Land, in dem fast jede Straßenszene an den karnevalesken Maler James Ensor erinnert und die Betrachter eines Magritte-Gemäldes einem ebensolchen entsprungen zu sein scheinen. Trotz unzähliger Reisen und vieler Jahre in Frankreich steht Gruyaert zu seiner Herkunft: "Ich mag es, Belgier zu sein."

Seine Werke transportieren stets viel Zeitkolorit. Sie künden vom menschlichen Streben nach Glück – aber auch von Wehmut und Vergeblichkeit. Harry Gruyaert ist ein absoluter Augenmensch: Es geht ihm um Farbe, Licht und Komposition. "Ich bin überhaupt kein Konzeptualist. Mir geht es um Anziehung und darum, Orte zu mögen", sagt er. Also lauert er auf den perfekt komponierten Augenblick, für den manche Maler und Filmemacher Monate und Jahre akribischer Arbeit benötigen.