Kochkolumne von Mohamed Amjahid

Einem Kuchen zum Opfer gefallen

Die Autorin Alice Hasters hat unserem Kolumnisten das geheime Rezept für den Haselnusskuchen ihrer Oma verraten. Beim Backen sprachen sie über ihr neues Buch und die Frage, was es bedeutet, als "Opfer" zu gelten

Meine gute Freundin Alice Hasters hat ein Buch über Antiviktimisierung geschrieben. Der Titel lautet: "Anti-Opfer: Warum wir Verletzlichkeit verachten". Und so haben wir in den vergangenen Monaten immer wieder bei langen Spaziergängen, aber auch beim Kekse- und Kuchenbacken über die Obsession großer Teile dieser Gesellschaft gesprochen, Opfer von sexualisierter oder rassistischer Gewalt zu diskreditieren oder sich selbst als Opfer darzustellen, als wäre dieser Status eine Art Payback-Programm. Einige denken nämlich, dass sie die gesammelten Punkte in Prämien wie Sendezeit im Fernsehen oder Gutscheine für staatliche Förderungen eintauschen können. 

Allein schon das Wort Opfer ist so vieldeutig. Es bezeichnet Menschen, die von struktureller Diskriminierung, Gewalt oder allgemein von Ungerechtigkeit betroffen sind. Im urbanen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff aber auch Menschen, die klein, nervig, ein bisschen bemitleidenswert daherkommen. Jene, die die ganze Zeit rumheulen, obwohl es ihnen okay oder sogar sehr gut geht. Opfer von sich selbst halt.

Gleichzeitig will niemand wirklich ein Opfer sein. Denn Heldengeschichten erzählen sich besser, und wer will sich nicht heroisch in den Geschichtsbüchern verewigen? In meinem eigenen Buch "Der weiße Fleck" schreibe ich sogar, dass ich selbst kein Opfer sein möchte. Lieber selbstermächtigt für mich reden möchte, anstatt nur immer anderen zuhören zu müssen, wie sie über mich urteilen. Es gibt ganze Zeitschriften oder Medienverlage, die machen nichts anderes, als verletzbaren Minderheiten und Gruppen vorzuwerfen, dass sie über die eigene Diskriminierung reden und aufklären wollen. Frauen sollten demnach sexualisierte Gewalt einfach über sich ergehen lassen. Flüchtende sich über gar nichts beschweren. Queere Menschen? Am besten unsichtbar hinter hohen Mauern. Weite Teile dieser Gesellschaft sind längst Opfer der Antiviktimisierung geworden, da hat Alice recht. 

Ausbeutung und Abschottung

Mit ihr habe ich unglaublich deepe Gespräche, sie sind für mich unheimlich wichtig. Denn ohne die Reflexion im Gespräch könnte ich wiederum meine Arbeit nicht machen, ich würde nicht auf neue Rechercheprojekte kommen, gar die monatelangen Durststrecken aushalten, gegen den Widerstand von Ministerien und Verwaltungen Missstände aufzudecken. Ich habe in meinem Arbeitsalltag viel mit Opfern zu tun: von Polizeigewalt oder durch die unmenschliche EU-Abschottungspolitik. Mir schreiben Arbeiter*innen, die von großen Unternehmen ausgebeutet werden oder ohne Papiere auf den Feldern Europas schuften müssen. Unsichtbar, weit entfernt von fairer Bezahlung, Arbeitsschutzmaßnahmen oder der Wahrung grundlegender Menschenrechte. Seit einigen Monaten denke ich über den Begriff Opfer immer wieder nach und darüber, was dieser mit uns und der Art, über "die Anderen" zu sprechen, macht. Was so ein einzelnes Wort doch alles transportieren kann. 

Multitasken können wir aber auch. Mit Alice habe ich während einer unserer privaten Podiumsdiskussionen diesen glutenfreien, unglaublich leckeren, saftigen Haselnusskuchen gebacken. Das Rezept ist von ihrer Oma. Eigentlich ist es geheim. Aber ich habe die Erlaubnis bekommen, das Geheimnis hier und heute zu lüften. Danke, Alice, und danke, Oma Hasters, für diese Leckerei. 
 

Saftig und süß: der Haselnusskuchen nach dem Rezept von Alice Hasters’ Oma
Foto: Mohamed Amjahid

Saftig und süß: der Haselnusskuchen nach dem Rezept von Alice Hasters’ Oma

Das Rezept

Man bereite drei saubere Schüsseln vor. In der ersten und zweiten Schüssel trennt man sechs Eiweiß vom Eigelb. Dann schlägt man das Eiweiß steif. Zum Eigelb kommen 90 Gramm Zucker, alles wird cremig geschlagen, bis die Farbe heller wird. In der dritten Schüssel liegen schon 300 Gramm gemahlene Haselnüsse, 200 Gramm gehackte Zartbitterschokolade, ein Teelöffel Backpulver, eine Prise Salz und eine Prise Zimt. Die Eigelbmasse in die Haselnuss-Schüssel geben und vermengen. Zum Schluss das Eiweiß vorsichtig unterheben, bis ein fluffiger Teig entsteht. In eine runde Springform oder in eine Kastenform geben, bei 180 °C circa 50 Minuten bei Ober- und Unterhitze im Ofen backen. Den Kuchen abkühlen lassen und mit einer Vollmilchschokoladenglasur überziehen. Ja, diesem Kuchen bin ich wirklich zum Opfer gefallen.