Schon lange bevor die Manifesta 16 im Ruhrgebiet begann, hat Havin Al-Sindy ein großes Projekt an verschiedenen Schulen der Region gestartet: mit 200 Jugendlichen und Kindern zwischen zehn bis 16 Jahren, über 18 Nationalitäten sind dabei. Seit über acht Monaten arbeitet die aus Kurdistan stammende Künstlerin mit ihnen, vier Performerinnen und Performer unterstützen sie dabei, auch eine Soziologin und Übersetzerinnen und Übersetzer. "Wir müssen erst mal besprechen, was künstlerische Praxis bedeutet", erzählt Al-Sindy, die als Professorin für Kunst und Ökologie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig lehrt. Sie findet großartig, wie konzentriert die Teilnehmenden sind. Auch nach der Manifesta 16 soll die Zusammenarbeit mit den Kindern und Jugendlichen weitergehen.
Al-Sindy hat ein Thema mitgebracht: die Plage in der Mythologie. Der Ursprung liegt in der Bewegung der Kurden, erzählt sie, die im kurdischen Autonomiegebiet im Irak aufgewachsen ist. "Es gibt verschiedene Mythen; wenn die Plage der Kurden kommt, dann wird die Welt untergehen, heißt es darin."
10.000 Heuschrecken aus Papier
Was macht es mit Menschen, wenn sie als Plage bezeichnet werden? Davon handelt eine Ebene des Projekts. "Wir erarbeiten mit den Jugendlichen eine Performance zum Verkörpern dieses Schmerzes. Denn mittlerweile nutzt ja auch die AfD dieses Narrativ." Aus Skizzen der Kinder ist eine Heuschrecke als Acht-Meter-Skulptur entstanden. Außerdem bauten sie 10.000 Heuschrecken aus Papier, auf denen zum Teil eigene Geschichten geschrieben wurden, aber auch Geschichten aus Gesprächen mit den Eltern. Selbst eine Schule im syrischen Rojava beteiligt sich mit Heuschrecken an der Installation, zu der auch eine selbst hergestellte KI gehört, denn "auch eine Plage wird kontrolliert, und zwar von einer Technologie, die wir nicht in der Hand haben", so Al-Sindy.
Vor ihrem Wechsel zur Kunst hat Al-Sindy Biologie und Chemie studiert, was oft in ihre Arbeit einfließt. Bei diesem Projekt entstehen Zeichnungen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Krieg Pflanzen genetisch verändert. Das Unternehmen Bayer habe versucht, in Kurdistan genetisch verändertes Getreide zu pflanzen, um die heimischen Pflanzen zu verdrängen.
"Doch die Plage entsteht nur, wenn der Mensch versagt hat", sagt Al-Sindy. "Heuschrecken kommen nicht einfach so in Massen, sondern wenn man ihnen Ort und Nahrung wegnimmt. Und wenn die Bedingungen sich etwa wegen des Klimawandels ändern, dann verändern sich auch die Körper." Unter Krieg leide auch die Natur; nicht nur die Menschen, sondern alle Lebewesen, sagt sie.