Hedda Roman in Bielefeld

Ein Vakuum namens Kreativität

Glattpolierte KI-Bilder interessieren Hedda Roman nicht. In Bielefeld zeigt das Künstlerduo jetzt, wie es Unsicherheit, Rauschen und Brüche zu einer eigenen Sprache der Gegenwartskunst macht

Überall tauchen in dieser Ausstellung glitches auf. Diese Störungen entstehen, wenn Realität und Fiktion aufeinandertreffen, wenn menschliche und generative Kreativität kollidieren, wenn Sprache in Bilder kippt und Stoff ins Digitale. Kurz: Wenn Genres und Stile ineinander morphen. Dann knirscht es, Systeme stoßen zusammen, die eigentlich nicht zusammenpassen.

Genau diese Brüche interessieren das Künstlerduo Hedda Roman: Momente, in denen Gewissheiten ins Wanken geraten und neue Möglichkeiten sichtbar werden. Oder, wie es der Kulturwissenschaftler Viktor Fritzenkötter in seinem Buch "Glitch" formuliert: "Ein glitch kann Gewissheiten erschüttern, unmögliche Perspektiven kurzzeitig plausibel werden lassen, Funktionalität hinterfragen, Bedeutung dynamisieren."

Mit "Test Time" zeigt der Kunstverein Bielefeld nun erstmals eine eigens für das Haus entwickelte Werkübersicht von Hedda Roman, kuratiert von Katharina Klang und Victoria Tarak. Das Kunst-Duo arbeitet mit generativer KI und verbindet die Sampling-Techniken des Surrealismus mit denen neuronaler Netzwerke. Sogenannte LLMs, kurz für large language models, verstehen sie nicht als Effekt, sondern als Akteur. Während viele KI nutzen, um bekannte Stile effizienter zu reproduzieren, lassen sie die Systeme träumen, irren, halluzinieren. Auffällig ist, wie konsequent Hedda Roman mit den Erwartungen an KI-Kunst bricht. Statt glatter Oberflächen auf Alu-Dibond gibt es bei ihnen Poröses, Zersetzung und Rauschen.

Die Fronten im KI-Diskurs

Dass der aktuelle Diskurs über KI in der Kunst aufgeheizt ist, ist nichts Neues. Authentizitäts-Verfechter sehen in der Künstlichen Intelligenz eine existenzielle Bedrohung: Für sie ist Kreativität untrennbar mit menschlicher Erfahrung, Emotion und Intentionalität verbunden. KI-Werke gelten ihnen pauschal als slop und brainrot, als seelenlose Rekombinationen und hochentwickelte Plagiate, die echte künstlerische Arbeit entwerten.

Am anderen Ende des Spektrums stehen Technologie-Enthusiasten, die KI als Demokratisierungsmaschine feiern: Nun könne wirklich jeder zum Künstler werden, Barrieren würden fallen, neue Ausdrucksformen entstehen. Dazwischen positionieren sich Copyright-Kämpfer, die auf die rechtlichen Grauzonen der Trainingsdaten hinweisen, und jene, die KI als kreativen Sparringspartner sehen – als Mit-Autor, dessen ästhetische Entscheidungen nicht vollständig kontrollierbar sind und die menschliche Imagination erweitern, nicht ersetzen.

Hinzu kommt die wachsende Kritik am Ressourcenverbrauch: Generative Modelle verschlingen Unmengen an Energie, Wasser und Rechenleistung. Für viele ist das ein ethisches Problem – besonders, wenn die Technik für massenhafte Bildproduktion eingesetzt wird, deren Ergebnisse oft generisch bleiben. Und schließlich gibt es noch die Post-Humanisten, die radikal fragen, warum menschliche Autorschaft überhaupt privilegiert werden sollte. Warum Werke nicht unabhängig von ihrer Herkunft bewerten?

Zwischen Romantik und Techno-Utopie klafft ein Vakuum

Der KI-Diskurs ist auch emotional aufgeladen, nicht zuletzt aufgrund seiner ökonomischen Dimension. Während Tech-Konzerne Milliarden in neue Modelle investieren, fürchten viele Künstlerinnen, Illustratoren und Designerinnen zurecht um ihre Existenz. Zwischen der Romantisierung menschlicher Einzigartigkeit und den techno-utopischen Versprechen grenzenloser Kreativität klafft ein Vakuum – und genau hier setzt "Test Time" an.

Seit 2014 arbeiten Hedda Schattanik und Roman Szczesny gemeinsam an den Schnittstellen von Film, Fotografie, Literatur, generativer Bildproduktion und Installation. In ihren frühen Arbeiten experimentierten sie mit immersiven Installationen, die surreale Animationen, Sound, Text und Objekte zu offenen Bildräumen verbanden. Statt totale Kontrolle zu behaupten, interessieren sie sich für das, was generative Prozesse zwischen Eingabe und Ergebnis offenlegen: jene produktive Verzögerung, in der neuronale Netze Wahrscheinlichkeiten berechnen, sich selbst korrigieren, Optionen durchspielen. Diese Zwischenzeit machen sie visuell erfahrbar. Ihre Motive wirken, als befänden sie sich in einem Schwebezustand zwischen Werden und Verschwinden.

Der Titel "Test Time" verweist auf dieses Nachdenken der Systeme, das ebenso auf das menschliche Bewusstsein bezogen werden kann. Ist das größte generative Modell nicht ohnehin unser Gehirn? Oder ist das nur Wunschdenken angesichts der übermenschlichen Leistungen heutiger KI?

Bei Hedda Roman ist Zeit etwas Gefaltetes

Hedda Roman beschäftigen sich dabei mit den sogenannten Diffusionsprozessen. Solche Modelle zerstören Daten Schritt für Schritt, um sie anschließend wieder neu zusammenzusetzen. Das heißt, sie operieren nicht linear, sondern simultan, in Schichtungen, Sprüngen und Übergängen.

Anschaulich wird das in "Test Time 1", einer Arbeit, die auf Marcel Duchamps berühmten "Akt, eine Treppe herabsteigend" von 1912 verweist – ein frühes Beispiel dafür, wie neue Medien unsere Wahrnehmung verändern. Wie einst die Fotografie unsere Sicht auf Zeit revolutionierte, indem sie diese als (lineare) Abfolge von Bewegung visualisierte, transformiert heute die KI unser Weltbild.

Bei Hedda Roman wird Zeit als etwas Gefaltetes imaginiert: Körper, Hände, Gesichter und Stile überschneiden sich, werden gleichzeitig und mehrfach visualisiert, gestapelt, verzerrt. Zeit ist hier kein Nacheinander, sondern ein Nebeneinander. Diese Struktur wird auch zum Symbol für Realitäten, die sich verschiedentlich formen lassen, ohne je endgültig fixiert zu sein. Auch materiell wird das deutlich: Alle Arbeiten sind faltbar. Sie werden ausschließlich im Atelier produziert und so transportierbar gemacht. Eine Produktionsweise, die zugleich zum ästhetischen und inhaltlichen Prinzip geworden ist.

Was, wenn Kunst nie nur unser individuelles Werk war?

Wer die Ausstellung betritt, bewegt sich nicht mehr durch die historischen Räume des Kunstvereins. Der Adelshof aus dem 16. Jahrhundert, ein Bau der Weserrenaissance, ist mit gebleichtem Stoff ausgekleidet, der der Zeitlichkeit des Gebäudes eine weitere Schicht hinzufügt. Kleidung taucht auch als Material und Motiv auf – nicht als Modefetisch, sondern als Zeit-Artefakt, das Spuren von Körpern, Vergänglichkeit und Veränderungen trägt. Unweigerlich kommt dabei die Frage auf: Halluzinieren, fabulieren, sampeln wir nicht genauso wie diese generativen Modelle? Der Mensch filtert, rekombiniert, überschreibt Erinnerungen doch auch.

So öffnet die Schau einen poetischen Diskurs über Autorschaft und Subjektivität. Wenn Maschinen schöpferisch sind – was macht uns dann einzigartig? Liegt die Menschenwürde nicht in der Fähigkeit, selbstwirksam zu sein, unabhängig zu handeln, niemals nur Mittel zu sein? Doch KI-Systeme strukturieren unsere Wahrnehmungen und Entscheidungen vor und verschieben so die Bedingungen menschlicher Autonomie. In westlichen Kulturen ist Kreativität traditionell eng an die Idee von Einzigartigkeit, Authentizität und künstlerischer Originalität gebunden. Doch wenn LLMs Gedichte schreiben, Bilder malen oder Musik komponieren, erleben wir uns plötzlich als ersetzbar – und damit auch als entwertet.

Hedda Roman begegnet diesen Herausforderungen ohne Kulturpessimismus. Statt menschliche und maschinelle Kreativität gegeneinander auszuspielen, erkundet das Duo ihr Zusammenspiel: Was, wenn Kunst nie nur unser individuelles Werk war? "Test Time" fällt kein eindeutiges Urteil, sondern schafft einen Raum, um darüber nachzudenken – zum Erleben unserer eigenen, menschlichen Testzeit sozusagen. Wer nach einem avancierten, überraschenden und ungewöhnlichen Einsatz von KI in der Kunst sucht, sollte sich diese Ausstellung also unbedingt ansehen.