Heimat hochwertiger Plastik: Biel, pardon, Bienne

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Die Kleinstadt liegt so sehr im Röstigraben der deutsch-französischen Animosität, dass ihr Name in beiden Sprachen angegeben werden muss. Biel/Bienne. Auch ansonsten hat sie ein Identitätsproblem: Die Uhrenindustrie lief schon mal besser, und das architektonische Kuddelmuddel aus beaux-arts, Bauhaus und Nachkriegsnüchternheit zieht nicht viele Touristen an.


Kunst ist oft das beste Mittel zur Imagepflege. Umso erfreulicher, dass „Utopics“, die diesjährige (insgesamt elfte) Auflage der alle fünf Jahre stattfindenden „Schweizerischen Plastikausstellung“, den spektakulären Rezepten aus Münster und Kassel trotzdem widersteht. Simon Lamunière, der auch die Basler „Art Unlimited“ kuratiert, entwarf für die zweimonatige Schau einen feinen, durchdachten Parcours, der geschmeidig das Unscheinbare und Randständige pflegt, der Kunst in Alltag auflöst und den Alltag in Kunst.


Bei einem Optiker kann man sich Carsten Höllers „Upside-down Goggles“ ausleihen – einen Sehapparat, durch den die Welt auf den Kopf gestellt erscheint. Tatjana Trouvé versteckt bronzene Schuhe auf einem Kanalrohr. In einem Hotelzimmer zeigt Andrea Zittel eine Dokumentation über ihre Wohneinheiten in der kalifornischen Wüste. Sabina Lang und Daniel Baumann haben an der Außenmauer des einzigen Hochhauses im Ort eine Treppe installiert, die ins Nirgendwo führt. Im Hafen weht eine Runde mit Flaggen absurder Mikronationen wie Lennons und Onos „Nutopia“.


Clemens von Wedemeyer projiziert ein Video über eine utopische Gemeinschaft im Jura an die Wand der Seilbahn, die in ebendieses Gebirge führt. Dazwischen demonstrieren Separatisten gegen die Germanisierung der Eidgenossenschaft oder sammeln Unterschriften für ein Referendum gegen alle Schweizer Referenden. Kunst findet überall statt: auf ausgetauschten Gullydeckeln, in mit DVD-Playern versehenen Bienenstöcken oder auf Bauplakaten, die chinesische Comicarchitektur verkaufen sollen.


Theoretisch wird das Ganze von der Frage zusammengehalten, wie es in der durchkartografierten und -kapitalisierten Welt von heute möglich sei, einen Platz für sich und seine Vorstellungen zu finden. Vielleicht braucht es ja eine gewisse Portion kultureller Zerrissenheit, um dafür einen passenden Rahmen zu bieten.

 

 

Biel, verschiedene Orte, bis 25. Oktober
 

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