Animationfilm "Memory Hotel" im Kino

Im Puppenhaus

Nach 25 Jahren Produktionszeit ist Heinrich Sabls Animationsfilm "Memory Hotel" endlich fertig – oder doch nicht? Das düster-poetische Werk erzählt von Krieg, Begehren und dem Unvermögen, die Vergangenheit abzuschließen

Wenn Filme Jahrzehnte lang in Produktion sind, werden sie meist von Legenden begleitet. Werden sie tatsächlich einmal fertig, misst man sie ungerechterweise zuerst an den Legenden, die ihnen inzwischen vorausgeeilt sind. Dabei weiß jeder, der sich ein wenig mit Legenden auskennt, dass kein Sterblicher gegen sie jemals gewinnen wird. Nicht einmal gegen die eigenen.

Viele Filmfans waren enttäuscht, als sie 2018, 48 Jahre nach Produktionsbeginn, Orson Welles Hollywood-Epos "The Other Side of the Wind" zu sehen bekamen. Andere, die über die Jahre einzelne Fragmente sehen konnten, waren angenehm überrascht. Sie hatten weder erwartet, dass der Film jemals fertig werden würde, noch dass daraus einmal ein sinnhaftes Ganzes erwachsen würde.

Die 25 Jahre, die Heinrich Sabl an "Memory Hotel" gearbeitet hat, haben ihr eigenes Erinnerungshotel hervorgebracht: Ankündigungen von Premieren, verbunden mit allen berechtigten Erwartungen an den ersten Langfilm eines auf Kurzfilmfestivals weltweit gefeierten Nachwuchs-Meisters in der Stop-Motion-Filmform. Immer wieder wurden sie abgesagt.

Vieles an dem Film verrät die 1990er-Jahre

Jetzt ist Sabl, der bei Drehbeginn 35 Jahre alt war, 60. Und wahrscheinlich glaubt er selbst nicht, dass sein Animationsfilm, auch wenn er im November 2024 beim Leipziger Festival im Wettbewerb lief, wirklich fertig ist. Denn auch das gibt es in der Filmgeschichte: Filme, die niemals fertig werden, solange ihre Schöpfer leben. Besonders im Animationsfilm. Juri Norstein, der wohl bedeutendste russische Animationsfilmer und seine Frau Frantscheska Jarbussowa arbeiten seit 1981 an ihrer Verfilmung von Gogols "Der Mantel".

Wenn ein Film wie "Memory Hotel" nach circa 6500 Arbeitstagen in einer dunklen Studio-Blackbox endlich das Tageslicht sieht, ist er zugleich ein Baby und ein erwachsener Mensch. Vieles an ihm verrät die 1990er-Jahre, als es noch Punk gab, aber zugleich auch MTV in seiner Glanzzeit: In vielen Musikvideos wurden seinerzeit nicht nur vernachlässigte Kulturtechniken wie die Stop-Motion-Animation wiederbelebt, man musste auch ständig damit rechnen, deutschem Expressionismus, russischer Filmavantgarde oder einem Schnipsel von Leni Riefenstahl zu begegnen – vielleicht sogar alles auf einmal. In einem Fluss des Gefälligen fand auch das Verstörende seinen Platz.

Aus dieser sinnstiftenden Unbefangenheit gegenüber dem Bilderbe der Vergangenheit speist sich "Memory Hotel", inspiriert von persönlichen Erinnerungen an die dauerhafte, zur scheinbaren Selbstverständlichkeit geronnene sowjetische Militärpräsenz in der DDR. Er erzählt von einem am Ende des Zweiten Weltkriegs von Russen besetzten Hotel, in dem ein verwaistes jüdisches Mädchen auf der Flucht nach Amerika Zuflucht gefunden hat, als Köchin ausgenutzt wird und dabei einen desertierten Wehrmachtssoldaten durchfüttert, der sich im Speiseaufzug versteckt hat.

Jedes Bild sucht den Bruch mit dem nächsten

Jahrzehnte vergehen, die sich in klaustrophobischen Innenaufnahmen allein über das Altern der Puppengesichter oder ein paar Hinweise auf den Kalten Krieg im Weltraum vermitteln. Technisch ist alles im Wandel: Die Stop-Motion-Animation verrät eine Qualität, die nur wenige große Studios mit immensem Personalaufwand und Videokontrolle so fließend hinbekommen wie Sabl mit einer Handvoll Getreuen: Er animierte freihändig und ohne Sicherheitsnetz mit einer antiken 35mm-Filmkamera. Seine unsichtbaren Hände verschmelzen mit diesen Figuren, das alleine ist atemberaubend. Niemand in der vordigitalen Zeit, nicht einmal Pioniere wie Starevich, die Brüder Diehl oder die Tschechen Jiří Trnka oder Jan Švankmajer haben das so hinbekommen. Dazu ein Figuren- und Set-Design, das aussieht, als habe sich George Grosz dem Puppenfilm verschrieben.

Doch alle Geschmeidigkeit widersetzt sich der Gefälligkeit, der sie so oft in diesem Medium zuarbeitet, jedes Bild sucht den Bruch mit dem nächsten, die vielen Nah- und Detailaufnahmen gönnen dem Betrachtenden nur selten einmal einen Augenblick der Übersicht und Ruhe. Das ist in hundert Filmminuten etwas anderes als bei drei Minuten MTV. Künstlerische Animationsfilme besitzen oft eine besondere Dichte, schließlich ist jedes Bild in ihnen Handarbeit und keines Zufall. Aber dieser Reichtum fordert, man muss ihn erst einmal verarbeiten.

Die Essenz von 25 Jahren Kunstarbeit fliegt uns um die Augen und ergänzt sich mit einem beklemmenden Szenario zu einem absichtsvoll verstörenden Ganzen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Zitate einer inzwischen weithin tabuisierten Ikonografie: Die Nebenfigur eines mechanischen Spielzeugaffen, die rassistische Stereotype der Kolonialzeit evoziert, oder die sexualisierte, missbräuchliche Sicht der älteren Männer auf die junge Frau. Es ist nichts Illegitimes an diesen distanzierten, stets gebrochenen Visionen, im Gegenteil: Dies ist ein Film über den Ballast überkommener Zeiten – und gerade im Enttabuisieren der Bilder schöpft er sein subversives Potenzial und legt das Menschliche frei.

Wann ist eine Puppe Mensch, wann ist sie Puppe? 

Wie im Brecht-Theater verschwindet das Medium nicht hinter der Illusion, die es erschafft. Wie kaum sonst im Stop-Motion-Film schwingt stets die Frage mit: Wann ist eine Puppe Mensch, wann ist sie Puppe? Und wann ist die Puppe ein Mensch, der, puppengleich wie ein Objekt missbraucht wird?

Es ist leider so, dass die Zeiten in den letzten 25 Jahren nicht toleranter geworden sind gegenüber subversiver Kunst – selbst im Vergleich zur expressionistischen Epoche, vor der sich Sabls Stil verbeugt. Es scheint naiv, mit Alexej von Jawlensky zu sagen: "Ein großes Kunstwerk ist immer ein Schock". Ein sich ständig neu definierendes Regelwerk des Akzeptablen verhindert ihn auf allen Ebenen bei einem Publikum, das aus oft berechtigten moralischen Gründen zur Vorsicht erzogen worden ist. Dies ist ein atemberaubender Film – aber durchaus im wörtlichen, vielleicht schmerzhaften Sinne.

Zum Ende schlägt Sabl den Bogen zu einem ganz im Gegenteil heute enttabuisierten Relikt aus der finstersten Geschichte: Dem Comeback von Krieg und Militarismus. Dann weigert sich einer seiner russischen Puppensoldaten dem Aufruf, abermals zu den Waffen gerufen zu werden, gemeint ist offensichtlich der Angriffskrieg gegen die Ukraine. Und so entlässt uns dieser 25-jährige, erwachsen auf die Welt gekommene Film mit einer erschreckend aktuellen Vorstellung: Da verstecken sich Russen, eine deutsche Jüdin und ein Wehrmachtssoldat vor der Unmenschlichkeit des Krieges in ihrem Memory Hotel. Und dann wagen sie sich nach Jahrzehnten heraus, haben den Frieden verpasst, und es ist schon wieder Krieg in Europa.