Künstlerin Helena Uambembe

Die Ruine, die einmal ein Zuhause war

Ausstellungsansicht von Helena Uambembe "What you see is not what you remember", 2022

Ausstellungsansicht von Helena Uambembe "What you see is not what you remember", 2022

Mit ihrer Kunst bahnt sich Helena Uambembe einen Weg durch die vom Kolonialismus geprägte Geschichte ihrer Familie. Sie stellt die großen Fragen nach Heimat, Vertreibung und Identität - schaut aber auch in eine selbstbestimmte Zukunft

Der Ort nimmt ganz schön viel Raum ein: Einschusslöcher, aufgerissene Decken, überall Spuren der Vergangenheit, Geschichte, die aus jedem Winkel zu kriechen scheint. Das ehemalige Gerichtsgebäude in der Lehrter Straße ist einer der vier Ausstellungsorte der 13. Berlin Biennale. Und er hat es in sich: 1902 als Militäranstalt erbaut, fand hier 1916 der Prozess gegen Karl Liebknecht statt, später diente der Komplex der NSDAP als Wehrmachts-Untersuchungsgefängnis. 1950 zog das Strafvollzugsamt ein, das angrenzende Gebäude war bis Mitte der 1980er-Jahre eine Justizvollzugsanstalt für Frauen, in der Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) untergebracht waren. 

In diesem Anti-White-Cube ist Helena Uambembes Arbeit "How to Make a Mud Cake" (2021) zu sehen: In einem kleinen Raum, vermutlich einst eine Küche, sind mehrere bedruckte Geschirrtücher an bunten Blumenaufhängern befestigt. Sie warnen uns: "May contain traces of whitewash, traces of denial, of guilt, destruction, racism …"

In einer Vase stehen kleine gelbe Blumen - auf die wir später noch zu sprechen kommen. Ein Video ist auf einem an der Wand befestigten Bildschirm zu sehen: Das Setting einer Kochsendung (oder für die Jüngeren: eines Kochtutorials) aufgreifend, steht Uambembe vor einer sonnenbeschienenen Backsteinwand, auf einem Tisch liegen Zutaten und Utensilien bereit.

"Je kreativer du mit deinem Trauma umgehst, desto besser für die Kunst"

"Ich bevorzuge Erde aus Pomfret", sagt die Künstlerin auf dem Bildschirm, "doch die Erde hier in Pretoria enthält auch genug Kolonialismus und Trauma, die ist also perfekt." Gewissenhaft erläutert sie jeden einzelnen Schritt auf dem Weg zum mud cake, zum Matschkuchen, gelegentlich kann es etwas unschön werden, sagt sie, "aber das war der Kolonialismus auch". Und läuft mal etwas nicht nach Plan, ist es auch nicht schlimm: "Je kreativer du mit deinem Trauma umgehst, desto besser für die Kunst."

Die Assoziationen zu Kinderspiel und Kochvideos, die Bestimmtheit ihrer Anleitung, vorgetragen in heiter-konzentrierter Manier, sowie eine große Portion Sarkasmus machen die Arbeit zu einem scharfen Kommentar. Er zielt auf die Nachwirkungen des Kolonialismus und den Umgang damit.

Helena Uambembe wurde 1994 in der südafrikanischen Wüstenstadt Pomfret geboren - immer wieder taucht der Ort in ihrem Werk auf. Er ist zum Motiv geworden, über das sie die Komplexität von Heimat, Vertreibung und Identität im postkolonialen Kontext untersucht. Anhand von Textilien, Druckgrafik, Performance, Fotografie, Installationen und zuletzt auch anhand der Malerei bahnt sich die Künstlerin einen Weg durch die komplexen Verstrickungen von Weltpolitik und Privatem, die sich in ihrer Familiengeschichte widerspiegeln: Ihr Vater floh 1975 aus seinem Heimatland Angola, wo sich nach dem Unabhängigkeitskrieg und dem Entkolonisierungs-Konflikt unmittelbar ein Bürgerkrieg (1975-2002) anschloss.

Geprägt von vielschichtigem Trauma

Angekommen in den Flüchtlingslagern des Nachbarlandes Namibia, wurden die Angolaner gezwungen, eine ebenfalls geflüchtete Frau zu heiraten, um eine Familie zu gründen. Außerdem stellte man sie vor die Wahl, entweder Teil einer Anti-Aufstands-Einheit der südafrikanischen Apartheids-Armee zu werden oder nach Angola, ins Kriegsgebiet, zurückzukehren. Die Männer, die sich "entschieden", Soldat zu werden, wurden als Teil des 1975 gegründeten 32. Bataillons zunächst in Namibia gegen die Unabhängigkeitsbewegung eingesetzt. 

Als das Land 1989/90 die Unabhängigkeit von Südafrika erlangte (bis 1921 stand es unter der Gewalt des deutschen Kolonialreichs), versetzte man das 32. Bataillon nach Angola, um dort gegen die Befreiungsbewegung MPLA zu kämpfen. Die geflüchteten Männer mussten nun also gegen ihre eigenen Landsleute ins Feld ziehen. Angesiedelt wurden sie in der südafrikanischen Wüstenstadt Pomfret. 

Helena Uambembe wurde ein Jahr nach der Auflösung des Bataillons in eine Familie und eine Community geboren, die von diesem vielschichtigen Trauma geprägt ist. Ihr Werk veranschaulicht die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart und richtet dabei den Blick nach vorn: in eine selbstbestimmte Zukunft, in der so etwas wie Heilung möglich sein kann. Aber: Wie kann Zukunft gebaut werden, wenn die Vergangenheit den Boden unterspült? 

Nur die alten weißen Männer reden

Uambembes Strategie ist das Erzählen von Geschichten: "Ich hatte schon immer eine Schwäche fürs Geschichtenerzählen", sagt sie im Video-Gespräch. Derzeit ist sie in Brasilien, um dort ihren Beitrag für die 36. Biennale von São Paulo vorzubereiten. "Ich frage mich immer: Wie könnte ich meinem jüngeren Ich diese Geschichte erzählen?" 

Dem Kind, das den Wirren des ins Familiäre schwappenden Weltgeschehens ausgesetzt ist, steht die erwachsene Künstlerin Uambembe gegenüber. Und diese bahnt sich mit ihren Narrativen einen Weg durch das Dickicht der politischen Zusammenhänge und den daraus resultierenden individuellen sowie kollektiven Verletzungen. Ihre Werke halten Erinnerungen wach, füllen durch Schweigen entstandene Lücken und holen sich Deutungshoheit zurück. "Ich hatte genug davon, dass meine Geschichte von weißen Männern erzählt wurde", sagt Uambembe. 

Während ihrer Recherche zu Pomfret und dem selbst in Südafrika lange unbekannten 32. Bataillon fand sie vor allem Texte weißer Autoren, die das Militär verherrlichten: "Diese Bücher erwähnten nicht, dass die Armee in das Privatleben eingriff und dass dies alle Aspekte des täglichen Lebens betraf", sagt sie. Ihr war klar: Von der öffentlichen Geschichtsschreibung ausgeklammert, würde die Erinnerung der ehemaligen Soldaten und ihrer Familien bald in Vergessenheit geraten und somit ein wichtiger Erzählstrang des sogenannten "Border War" verloren gehen.

Einer Schlage auf den Kopf treten

Gleichzeitig war sie mit dem Schweigen ihrer Community konfrontiert: Das Trauma von Flucht, Zwangsrekrutierung und Krieg liegt tief im Gedächtnis ihrer Elterngeneration vergraben; über diese Dinge zu reden sei, wie einer Schlange auf den Kopf zu treten, sagte man ihr in Pomfret. 

Diesen Auslassungen tritt Uambembe mit ihrer Kunst entgegen: In den Serien "Confidential History(2019) und "Comander Nel’s Archive" (2020) greift sie auf Archivmaterial zurück, das sie während ihrer Recherchen vom ehemaligen General Gert Nel erhielt. Die Künstlerin bearbeitete die Fotografien - übermalte, überschrieb, beklebte, bedruckte sie und extrahierte so die Informationen, die zuvor verdeckt geblieben waren: Die Gewalt der Weißen, die sich hinter der geordneten Militärparade, hinter den zum Salut aufgereihten Männern verbirgt. Der Alltag der Frauen und Kinder, die zurückblieben, während die Männer in einen Krieg ziehen mussten, der nicht ihr eigener war. 

Dabei geht es Uambembe nicht um eine moralische Verteidigung der Männer, die im 32. Bataillon kämpften. Vielmehr hinterfragt sie das einseitige Narrativ, das das Militär würdigt und die vom Krieg Betroffenen zum Schweigen bringt. Die künstlerischen Eingriffe in die Fotografien ermöglichen es Uambembe, sich symbolisch in die Vergangenheit einzufügen. Das Archiv dient hier nicht der Bewahrung einer feststehenden Erinnerung, sondern der aktiven Auseinandersetzung mit dem Ziel der Selbstbestimmung. 

Das Büffel-Bataillon

Geschichte und die Politik, die diese erst produziert, können sich zuweilen wie ein übergroßes Ungeheuer anfühlen, dem man als Individuum machtlos gegenüber steht. Betrachtet man Uambembes Werk, könnte man sagen, dass sie sich entschlossen hat, nicht klein beizugeben, sich nicht einschüchtern zu lassen von der Vergangenheit und ihren bis ins Jetzt reichenden Folgen. 

In Uambembes Praxis drückt sich diese Entschlossenheit durch den wiederholten Einsatz ihres eigenen Körpers aus. In der Foto-Serie "A Luta Continua Até Quando? / Ghost of my parents" (2018/2019) bringt sie ihre Silhouette, ihren Schatten, in einen fiktiven Dialog mit den Männern der angolanischen Revolution. Es ist eine direkte Auseinandersetzung mit diesen fremden politischen Figuren, deren Entscheidungen und Handlungen letztlich ihre eigene Existenz bedingten, wie sie in ihrem Portfolio schreibt. 

Immer wieder tauchen in ihren Arbeiten die Büffelhörner auf, die auf das 32. Bataillon anspielen, das auch "Büffel-Bataillon" genannt wurde. Und auch der mit der Einheit untrennbar verbundene Ort ist ein konstantes Motiv: So verweist beispielsweise die 2023 im Museum für Moderne Kunst Frankfurt präsentierte Arbeit "Blooming in Stasis: 25.8230° S, 23.5312° E" auf das Schicksal der noch immer in Pomfret lebenden Veteranen. 

Hier scheint kein Leben mehr zu sein

Die Installation besteht aus einer ausschnitthaften Nachbildung der Stadt: Ein verfallenes Haus, umgeben von Maschendrahtzaun, verblichene Familienbilder an einer Wand, darunter ein Schriftzug: "Pomfret is home ♡". Ein gelbes Schild grüßt die Besucherinnen und Besucher: "Pomfret bids you Welcome" 

Doch der Ort ist verlassen, hier scheint kein Leben mehr zu sein - bis auf die kleinen gelben Blumen, die überall wachsen. In der Unwirtlichkeit des dargestellten Ortes wirken sie wie eine trotzig-schöne Behauptung, dass diese Ruine einmal ein Zuhause war. Vielleicht stehen sie auch für die Resilienz der Menschen, die heute noch in Pomfret leben, an diesem Ort, an dem sie nach ihrer Flucht angesiedelt wurden und aus dem sie im Jahr 2004 wieder vertrieben werden sollten. Damals beschloss die südafrikanische Regierung, die Stadt abzureißen und die rund 5000 Bewohnerinnen und Bewohner andernorts unterzubringen. 

Als vorgeschobener Grund wurde die Belastung durch Asbest genannt, wahrscheinlicher sind politische Gründe - einige Männer Pomfrets waren als Söldner am Staatsstreich zum Sturz des Präsidenten von Äquatorialguinea beteiligt. Wichtige Infrastruktur wurde geschlossen, darunter die Polizeistation, das Krankenhaus, das Postamt, die Schwimmbäder. Die Wasser- und Stromversorgung wurde abgeschaltet. Doch die Menschen blieben, und noch heute leben ungefähr 1000 Menschen in Pomfret. 

Von der Wohnzimmercouch zum Ars-Viva-Preis

Auch die Installation "What you see is not what you remember" (2022), für die Uambembe den Schweizer Baloise-Kunstpreis erhielt, setzt sich explizit mit ihrer Heimatstadt auseinander. Die Arbeit besteht aus einer Nachbildung des Wohnzimmers ihres Elternhauses sowie aus einem Fernsehzimmer, in dem auf einer Projektion verzerrte Erinnerungsbilder zu sehen sind. Das Werk erinnert an die Bedeutung, die mündliche Überlieferungen und Geschichtenerzählen für Communitys haben, deren Perspektive von der hegemonialen Geschichtsschreibung übergangen wird. 

Helena Uambembes Protagonistinnen und Protagonisten sind die Männer, die für einen fremden Krieg herhalten mussten, die Frauen, deren Körper und Seelen die Spuren von Flucht, Vertreibung und Ungleichheit tragen ("Those That We Left Behind" und "Toil", beide 2021) und die Kinder, deren Aufwachsen von Krieg und Konflikt geprägt ist ("Pim Pum Pam", 2021). 

Die erschütternde Gleichzeitigkeit von Kindheit und Krieg war auch Thema ihrer Installation "Standard Issue (A meditation on things we do not care for)" von 2024, die in der Ausstellung zum Ars-Viva-Preis 2025 in der Kunsthalle Bremen zu sehen war. Das auf den ersten Blick dekorativ anmutende Muster des Vinyl-Bodens entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als Anordnung von Maschinengewehren, Soldaten, Panzern und Munition. Und in den Klang entfernt spielender Kinder mischten sich plötzlich hämmernde Schüsse. Helle Stimmen und Gewehrsalven - die Ungeheuerlichkeit bezieht sich in diesem Werk nicht nur auf die Vergangenheit ihrer eigenen Community, sondern auch auf unsere Gegenwart, auf Gaza, Sudan, Ukraine, Armenien, Jemen …

Sog in den Fiebertraum

Die zweite Station der Ars-Viva-Ausstelllung ist noch bis zum 21. September im Haus der Kunst München zu sehen. Unter dem Titel "Where will we landpräsentieren die drei Preisträgerinnen und Preistäger Helena Uambembe, Wisrah C. V. da R. Celestino und Vincent Scheers zum größten Teil eigens für den Ort konzipierte Arbeiten. 

Uambembe zeigt unter anderem sechs großformatige Leinwände, "halluzinatorische Gemälde", wie sie sie nennt. Die ohne Keilrahmen an der Wand befestigten Werke der Serie "O.o.n.o.o Fever Dreamsentwickeln einen eigenartigen Sog, der uns in eben diesen Fiebertraum zieht. In "the real and the not (das Wirkliche und das Unwirkliche)" (2025) sind drei Frauen zu sehen. Eine von ihnen trägt Büffelhörner, ihr gelbes Kleid hebt sich von der Umgebung ab, die die Personengruppe langsam in einen dunkelgrünen Schleier zu hüllen scheint. Die Blicke der Frauen führen aus dem Bild heraus, gerade auf die Betrachterin zu. Wir sind Teil des Geschehens, aber was ist unsere Rolle? 

"Her and the survivalzeigt eine Personengruppe: eine Frau, ein Kind und wiederum eine Person mit Büffelhörnern. Sie stehen eng beieinander, und doch wirkt die Frau vereinzelt - nur ihr Gesicht ist zu erkennen, während die Mimik der anderen beiden Figuren nicht ausgearbeitet wurde. Ist das Bild eine Hommage an diese Frau, an das Schicksal der Mutter, deren Leben so stark von Konflikten und Fremdbestimmung geprägt ist? 

In einer weiteren Arbeit hat Uambembe eine Archiv-Fotografie mit einer Gruppe sitzender Schwarzer Menschen mehrmals nebeneinander auf die Leinwand gedruckt. Hier und da hat die Künstlerin das Motiv verändert, sodass stellenweise der Eindruck entsteht, als würden einige der Abgebildeten langsam verschwinden. Als gingen sie nach und nach im Nebel der Erinnerung verloren.

Die Nachwirkungen auf das Innere

Im Zentrum ist der nach vorn gebeugte Kopf einer Frau zu sehen - ein Ausschnitt, der sich sonst in keinem der Drucke findet. Man sieht sie nicht sofort, doch hat man sie einmal entdeckt, wird sie zum dominierenden Element der Komposition. Ist sie es, die im Titel zitiert wird? Sind das ihre Worte? "Ich posierte für ein Foto. Ich war in einer Gruppe, sie sagten: Wir werden in Erinnerung bleiben. Wir werden in die Geschichte eingehen, und wir gingen unter." 

Die Gemälde der Serie "O.o.n.o.o Fever Dreams" sind "eine wichtige Entwicklung in meiner Praxis", schreibt die Künstlerin in dem begleitenden Ausstellungstext. Sie schaffen einen dichten atmosphärischen Raum, in dem Uambembe ihre Auseinandersetzung mit Vertreibung und kollektivem Trauma verstärkt auf die psychologische Ebene hebt und den Nachwirkungen auf das Innenleben nachgeht. 

Neben den spannungsreichen Malereien umfasst die Serie auch eine Installation aus kleinen geschnitzten Holzfiguren, angeordnet auf einer großen Decke aus aneinander geknüpften Kupfer-Gaze-Bahnen sowie einen großen weißen Kubus. Innen ist er vollständig mit militärgrünem Polster ausgestattet.

Der Nukleus des künstlerischen Werks

Ein konstantes, knackendes Geräusch ist zu hören, das sich über die eigenen Gedanken legt. Beim Verlassen der Zelle fällt der Blick auf einen Schriftzug an der gegenüberliegenden Wand, der sich direkt an uns richtet: "But are you awake? You are not safe, it’s only a matter of time."

Helena Uambembe untersucht die Nachwirkungen des Kolonialismus und den Umgang damit. Das ist der Nukleus ihrer künstlerischen Praxis. Und wir sind Teil des Geschehens. Unsere Rolle müssen wir kennen.