Berlin ehrt Sex-Predigerin Helga Goetze

Orgasmus gegen Ordnungsmacht

Mit "Ficken ist Frieden"-Schildern provozierte Helga Goetze die BRD. Eine Ausstellung in der Berliner Villa Oppenheim zeigt die radikale, widersprüchliche Visionärin zwischen Stickkunst und Sexrevolte

Helga Goetzes "Mahnwachen" in den 1980ern vor der Berliner Gedächtniskirche oder der TU zu erleben, hatte etwas von einem Stresstest. Wenn sie in ihrem Bhagwan-Look, ihren tollen, outsiderisch bestickten Westen mit "Ficken ist Frieden"-Pappschildern den Orgasmus predigte, war das härter und peinlicher, als den Eltern beim Sex zuzuhören. 

Goetze, die ständig Anzeigen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bekam, bespuckt und beschimpft wurde, schrie den Typen mit einer süßlich-schrillen Mutti-Stimme hinterher: "Wichs dir einen, du Spastiker!" Oder: "Je blöder das Volk, umso geiler der Staat!" Ihr erster Gedichtband von 1973 hieß "Hausfrau der Nation oder Deutschlands Supersau?"

Jetzt zeigt eine liebevoll kuratierte Ausstellung in der Villa Oppenheim die visionäre Künstlerin, Dichterin, Performerin Helga Goetze (1922–2006), die Ende der 1960er ein sexuelles Erweckungserlebnis hatte, ihren Deutsche-Bank-Gatten und die Familie verließ, um sich von der Kleinfamilie und der repressiven Nachkriegsgesellschaft zu befreien. Im Regionalmuseum sind thematische Stationen in der Dauerausstellung installiert. Und so kann man hier, zwischen Gründerzeitmöbeln, Goetzes mythisch-politische Stickkunstwerke, ihre Pamphlete, Briefwechsel, Akten, Gedichte, TV-Auftritte und Dokumentationen sehen.

Eine fantastische Künstlerin gerade wegen der Widersprüche

Sichtbar wird dabei nicht nur, wie ernsthaft sexuelle Befreiung und gesellschaftlicher Fortschritt einst in der BRD diskutiert wurden, sondern auch, wie tief das Nazi-Kalter-Krieg-Trauma saß. Goetzes Auftritte sind damals wie Exorzismen – für die Zuschauer und sie selbst.

Goetze, die mit Otto Muehls Kommune verbandelt war, ist keine Lichtgestalt. Die Sexrevolte, die sie predigt, hat 68er-Flair, aber den altbackenen Geschmack von Gesundheitslatsche, Wandervogel, ewig herrlichem Schwanz und verführerischer Möse. Doch gerade wegen dieser Widersprüche ist Goetze eine fantastische Künstlerin. Dass heutige Künstlerinnen und Künstler sie in Videobeiträgen in der Schau als queer-feministische Aktivistin gesundbeten wollen, ist der einzige Schwachpunkt dieser wichtigen Ausstellung.