Der deutsche Pavillon der Kunstbiennale in Venedig ist eröffnet, die Resonanz darauf bislang ausgesprochen positiv. Die Beiträge von Henrike Naumann und Sung Tieu werden als vielschichtige Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegs- und vor allem Nachwendegeschichte beschrieben. Naumann hatte ihren Installation "The Home Front" vor ihrem Tod Mitte Februar konzipiert. Parallel zur laufenden Ausstellung kündigten das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und die Zeit Stiftung Bucerius nun auch eine weitere Würdigung der mit nur 41 Jahren verstorbenen Künstlerin an: Erstmals wird der Henrike-Naumann-Preis für Bildende Kunst ausgelobt. Der mit 15.000 Euro dotierte Preis, ergänzt um 5.000 Euro Produktionsmittel, soll im Rahmen der diesjährigen Biennale und künftig regelmäßig vergeben werden.
Ausgezeichnet werden sollen vor allem Künstlerinnen und Künstler in der frühen bis mittleren Karrierephase, deren Arbeiten sich mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen, politischen Bruchlinien oder transnationalen Kontexten auseinandersetzen. Der Preis versteht sich ausdrücklich auch als Förderung interdisziplinärer Praktiken – ein Ansatz, der Naumanns eigene Arbeitsweise spiegelt.
Die Initiatoren betonen den Versuch, ihr künstlerisches Erbe nicht nur zu würdigen, sondern produktiv weiterzuführen. "Der Henrike-Naumann-Preis würdigt und fördert künstlerische Positionen, die sich kritisch mit Gegenwartsfragen auseinandersetzen", heißt es vom ifa. Die Zeit Stiftung Bucerius verweist auf Naumanns geplante Professur in Hamburg, die sie ab Oktober hätte antreten sollen, und spricht von einem Werk, das "in die Zukunft getragen" werden solle.
MMK Frankfurt übernimmt Nachlass
Auch institutionell wird dieses Erbe bereits gesichert: Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (MMK) hat den Nachlass der Künstlerin übernommen. Das Archiv soll erschlossen, katalogisiert und öffentlich zugänglich gemacht werden, mit dem erklärten Ziel, Naumanns Werk langfristig wissenschaftlich und kuratorisch zu verankern.
So entsteht wenige Monate nach ihrem Tod ein doppelter Fokus auf ihr Schaffen: in Venedig als aktuelle, viel diskutierte Präsentation und parallel als Andenken, das bereits neue Formen der Rezeption und Förderung nach sich zieht.
Darüber hinaus wächst das Online-Kondolenzbuch auf ihrer Website zu einem vielstimmigen Archiv aus Bildern, Erinnerungen und Geschichten von Freunden, Kolleginnen und Kuratorinnen an – und macht sichtbar, welchen Einfluss Henrike Naumann auf die Gegenwartskunst hatte und wie groß der Verlust empfunden wird.