Insta-Watchlist: Herrlich Dining

Butterberge und Baguettebügel

Die Food-Influencerin Hannah Kleeberg macht das Anrichten von Essen zur Kunstform. Was erzählt ihr spielerischer Umgang mit Tomaten, Brotteig und Butter über einen neuen kulinarischen Hedonismus?

Was wären soziale Medien ohne Food-Pics? Der Moment, kurz vor dem ersten Bissen noch schnell das Handy zu zücken, dürfte vielen vertraut sein, begleitet von einer Spur Scham oder leichter Genervtheit am Tisch. So omnipräsent Essensbilder sind, so ähnlich sehen sie sich meist: frontal oder leicht schräg von oben aufgenommen, ein sorgfältig drapierter Teller, Besteck und Gläser daneben, oder eine Schale in der ausgestreckten Hand – cest ça.

Die kulinarischen Fotos auf Hannah Kleebergs Instagram-Account "herrlich.dining" kommen um einiges aufregender daher. Ihre Arrangements wirken dabei weniger alltagstauglich, dafür verspielt, opulent angerichtet, oft völlig überladen. Sie backt Kleiderbügel aus Baguette, Torten aus Spargel, hängt Karotten über Wäscheständer, fotografiert Orangen im Pool, türmt Creme-Desserts in ungeahnte Höhen und brät Auberginen-Schnitzel mit Gochujang-Mayonnaise.

Schlemmen ist generationsübergreifend beliebt, doch gerade unter jungen, stilbewussten Menschen ist seine Inszenierung besonders angesagt. Schick und teuer essen gehen, gestärkte Tischdecken, Austern auf Eis, Cocktails in schmalstieligen Gläsern – all das ist auch für Gen Z und Millennials zum Statussymbol geworden. Man nennt sich "Foodie", postet "Taste Tests", reist um die halbe Welt für lokale Spezialitäten, schaut Kochshows wie "The Taste" oder kauft das weiße T-Shirt von Jeremy Allen White aus der Kochserie "The Bear" nach. 
 


Kleeberg hat aus diesem spielerischen Zugang zum Essen eine opulente, spaßige Ästhetik und ein Geschäftsmodell gemacht. Es geht sowohl um Rezepte und das Kochen selbst als auch um spielerische Anrichteweisen, Ratschläge zum Gastgeberinsein und Restaurantempfehlungen. Zusammengefasst ist all das unter der Marke "Herrlich", die sie 2022, in der Pandemie und unzufrieden in ihrem Studium, gründete. Ihr 2024 in Berlin-Neukölln eröffnetes (und inzwischen wieder geschlossenes) Restaurant hieß deswegen auch "Herrlich Studio". Sogar die US-Sängerin Dua Lipa war schon mal dort und hat Kartoffelsalat bestellt. Bald bringt Kleeberg die ersten Prints ihrer Fotos heraus, außerdem designt sie Food-Arrangements für Events und Marken: Für Google türmte sie Käse als Kerzenhalter auf, im KaDeWe kochte sie mit Matthias Schweighöfer Pasta. Zudem veranstaltet sie an sonnigen Urlaubsorten "Culinary Art Retreats", wo sie Brioche-Workshops anbietet und Anleitungen zum Formen von Butterskulpturen und anderen ungewöhnlichen Tisch- und Foodstylings gibt.

Die Butter, bitte 

Butter ist ein Symbol für Genuss und Überfluss. Wir alle wissen: Sie macht Gerichte leckerer, aber eben auch viel kalorischer. Bei Herrlich Dining spielt sie eine große Rolle. Kleebergs Butterskulpturen nehmen die Form eines Ostereis an oder erscheinen zu Silvester als Jahreszahl. Diese Butterberge sind dekadent. "Mit Essen spielt man nicht", lernen wir als Kinder, Kleeberg tut es trotzdem. Verstanden werden kann das auch als Kommentar zu Clean-Eating- oder Low-Carb-Trends, die in sozialen Medien häufig mit Disziplin, Verzicht und Schlankheitsidealen verknüpft sind. Komplett ungesund sind Kleebergs Kombinationen aber nicht: Sie verarbeitet viel Gemüse, oft in einer Ästhetik, die an den Einkauf auf dem Wochenmarkt erinnert. Die Butter ist außerdem vegan, der Wein naturbelassen.

 


Ein wesentliches Element jeder Food-Installation ist ihre Vergänglichkeit. Butter schmilzt, wenn sie nicht gekühlt wird, verändert ihre Farbe vom Trendton Buttergelb zu einem dunkleren Ton und läuft aus ihrer Form. Betrachtet man die aufgetürmten Skulpturen, muss man unweigerlich daran denken, dass sie wieder zerfließen werden. Konserviert werden die Werke schließlich in Fotos, die Kleeberg online teilt. Der Instagram-Account wirkt stylisch – aber auf eine spaßige Art. Viele der Bilder führen dazu, dass man länger hinsehen möchte, um zu verstehen, was man eigentlich sieht: Ist das ein Drink mit einer Paprika darin, oder eine Gazpacho in einem Cocktailglas? Ist eine Handtasche vielleicht nicht der sinnvollste, aber doch ein spaßiger Weg, Tomaten zu transportieren? 

Kleeberg stylt Essen wie Mode

In einem Interview mit der Vogue sagte Kleeberg einmal, dass sie sich selbst vor allem als Stylistin betrachtet. Das Essen steht im Vordergrund, doch die Mode ist eine wichtige Mitspielerin. Diese Verbindung mögen auch große Modehäuser. Prada, Hermès oder Comme des Garçons haben in der Vergangenheit mit aufwendig inszenierten Food-Settings gearbeitet, etwa gemeinsam mit der New Yorker Food-Designerin Laila Gohar.
 


Und Essen hat natürlich auch in der Kunstgeschichte eine lange Tradition – von barocken Stillleben bis zu Andy Warhols Suppendosen. Doch nicht nur Lebensmittel selbst, auch das gemeinsame Essen ist ein wiederkehrendes Motiv. Judy Chicagos Installation "The Dinner Party" mit 39 arrangierten Gedecken auf einer Festtafel, jedes für eine bekannte Frau aus Mythologie und Geschichte, ist sicherlich das berühmteste Beispiel. Aber auch das Dinner als soziales Ritual, das für Austausch, Gemeinschaft und Gastfreundschaft steht, hat unter Künstlern einen besonderen Ruf, etwa in Form von Artist Dinners. Auch Kochbücher von Künstlern gab es immer wieder, etwa von Salvador Dalí.
 


Die Einladung zum gemeinsamen Dinner, für die Kleeberg motivieren möchte, bedeutet schließlich mehr als eine gemeinsame Nahrungsaufnahme. Für die Gastgeberin heißt es auch, sich Zeit zu nehmen und sich Gedanken und Mühe für die Gäste zu machen. Auch in den sozialen Medien wird diese kulturelle Praxis wieder besonders hochgehalten, um daran zu erinnern: Nehmt euch Zeit miteinander, macht etwas selbst, das ist viel persönlicher, zugewandter, möglicherweise auch interessanter als ein gemeinsamer Restaurantbesuch. Gastgeberin zu sein kann auch ein Liebesbeweis sein. Ein Pluspunkt ist, dass schön gedeckte Tafeln sich außerdem gut im Social-Media-Feed machen, drumherum eine Freundesgruppe, die zeigen kann, wie stilbewusst sie ist, wie gut ihr Geschmack ist, auf dem Teller und bei der Kleiderwahl. 

Kochbuch mit Tipps zum Hosten

Kürzlich hat Kleeberg ihr erstes Kochbuch veröffentlicht, in dem sie auch Tipps zum "Hosten" gibt. Der Verlag beschreibt das so: "Fun Dining statt Fine Dining – Hannah Kleeberg macht Hosting zum Erlebnis voller Stil, Stimmung und Gefühl." Die Bilder neben den Rezepten sind dabei keineswegs einfach "Anrichte-Inspirationen", sondern etwas zwischen Kunst-, Reise- und Modestrecke. Hannah Kleeberg ist dabei selbst oft zu sehen, als Köchin, Creative Director und Botschafterin ihrer Idee. Drapiert wird das Essen in Autos, auf Luftmatratzen im Pool und in prächtigen Gärten. Scrollt man sich durch ihren Account oder blättert durch das Buch, dann macht das durchaus Lust, auch mal wieder zum Essen einzuladen.