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Sachsen

Wie Kunsthochschulen unter Zielvorgaben ächzen

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​Die Leipziger Kunsthochschule setzt beim Rundgang ein Zeichen gegen das enge Korsett der mit dem Land Sachsen geschlossenen Zielvereinbarungen und fragt: Wie viel ist künstlerische Ausbildung wert? 

Gibt es in der Kunst keine Fehler? Was ist ein gutes Studium? Und: Wie kann man glücklich sein? Es sind drei Fragen aus dem Evaluationskatalog der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Fragen, die stellvertretend dafür stehen, dass sich ein Studium der Kunst nur schwer quantitativ messen lässt. Von der Qualität der Lehre können sich Studierende, Lehrende, Mitarbeiter und  Besucher jedes Jahr im Februar zum Rundgang überzeugen. Zum Semesterende verwandelt sich das Hochschulgebäude für vier Tage in ein Ausstellungshaus. Studienanfänger wie Meisterschüler aus den Studiengängen Medienkunst, Malerei/Grafik, Buchkunst/Grafikdesign, Fotografie sowie dem berufsbegleitenden Programm Kulturen des Kuratorischen zeigen ihre Arbeiten. Ein fester Termin, nicht nur für die Kunstszene. 

Wer am Vortag des Rundgangs durchs Gebäude wandelt, der wird sie schon vermissen, die Bilder und Installationen, die hier normalerweise in von Tischen und Kaffeemaschinen befreiten Klassenräumen aufgebaut werden. In diesem Jahr verzichten die 601 Studierenden zugunsten eines zentralen Themas auf die Präsentation ihrer Werke: die Auswirkungen der sächsischen Hochschulpolitik auf die Hochschullandschaft im Freistaat im Allgemeinen und auf die HGB im Besonderen. Unter dem Titel "Jetzt" wollen sie Raum schaffen: Raum für eine kollektive Aktion zur Forderung besserer finanzieller und struktureller Rahmenbedingungen für die HGB. 

Unmittelbarer Grund dafür sind die Langzeitfolgen der sogenannten Zielvereinbarungen. Vereinbarungen, die für den Zeitraum 2014 bis 2016 mit dem Freistaat Sachsen getroffen wurden. Die Ziele betreffen die Qualitätssicherung, Studienerfolge, Studierendenzahlen, Internationalisierung, Kooperationen und Gleichstellung. Dass eine vom Staat finanzierte Hochschule - 7,4 Millionen Euro Budget gibt es vom Freistaat pro Jahr - erklären muss, was mit dem Geld passiert, ist selbstverständlich. Im Falle der sächsischen Kunsthochschulen gleichen die Zielvereinbarungen jedoch einem Korsett, in das sich weder künstlerische Lehre noch Kunststudierende passgenau schnüren lassen. Wird ein gesetztes Ziel verfehlt, gibt es Punktabzug. Und der macht sich direkt im Haushalt bemerkbar. Die Kritik daran ist nicht neu, wurde insbesondere von den Kunsthochschulen von Beginn an geäußert. 

Verfehlte Ziele führen zu Kürzungen

Nun, da die erste Phase abgeschlossen und die finanziellen Folgen direkt spürbar sind, kommt die Kritik wieder hoch. Bei der Abrechnung der Zielvereinbarungen aus dem Zeitraum 2014 bis 2016 hat die Leipziger Hochschule zwei Ziele nicht erreicht. Zum einen haben zu wenige Studenten ihr Studium in der Regelstudienzeit von zehn Semestern abgeschlossen. Aus Sicht eines Kunststudenten naheliegend: Ehe ich mich dem rauen Wind des freien Künstlerdaseins aussetze und sehen muss, wie ich mit Nebenjobs meine Krankenkassenbeiträge bezahlen kann, bleibe ich so lange wie möglich immatrikuliert und kann neben den administrativen und finanziellen Vorteilen weiterhin die Infrastruktur der Hochschule nutzen. 

Auch das Ziel, "die Zahl der Meisterschüler im Durchschnitt 2010 bis 2012 zu halten", hat die HGB verfehlt. Im Zeitraum von 2014 bis 2016 erfüllte sie es nur in einem Jahr, in den anderen beiden lag sie im Schnitt zwei Köpfe unter der geforderten Anzahl von 26 Meisterschülern. Zielerreichung: 0 Prozent. Auch diese Zielstellung geht an der Realität vorbei: Ein Meisterschüler-Studium nimmt auf, wer ein besonders gutes Diplom macht und seine Zukunft in der künstlerischen Lehre sieht. Da gibt es einem Jahrgang mal mehr und mal weniger. Wer in dieser Zeit eine große Einzelausstellung vorbereitet oder mit einem Stipendium für einige Monate nach New York geht, für den hat der Abschluss des Meisterschüler-Studiums im vorgesehenen Zeitraum von zwei Jahren verständlicherweise keine Priorität. Solche Erfolgsfaktoren spielen jedoch für die Zielvereinbarungen keine Rolle. 

Das bekommt die Hochschule finanziell direkt zu spüren: 90 Prozent ihres Haushalts fließen in Personalmittel. Die verbleibenden zehn Prozent halten den Betrieb am Laufen, finanzieren die Werkstätten, das Kernstück der Hochschule, die hauseigene Galerie, die Bibliothek, Computer, Papier, Post, Flyer, Honorare für Vorträge und Klassenprojekte. Sechs dieser zehn Prozent des Geldes speisen sich aus dem Zielvereinbarungsbudget. Im Falle der nicht erfüllten Meisterschülerquote und der nur zu 33 Prozent erreichten Anzahl von Studienabschlüssen in Regelstudienzeit heißt das für die Leipziger Hochschule: Verteilt auf die Jahre 2018, 2019 und 2020 wird das Zielvereinbarungsbudget um insgesamt 173.165,30 Euro gekürzt. Geld, das die Hochschule sich zurückholen kann. Jedoch nur, um auf dem Gebiet des nicht erreichten Ziels besser zu werden. "Zweckgebunde Sonderzuweisung" nennt sich das Konstrukt. Eine nette Idee aus dem Projektmanagement, die in den meisten Fällen ins Leere läuft. Die Bestechung der potenziellen Diplomanden und Meisterschüler, doch bitte in Regelstudienzeit fertig zu werden, damit das Ziel erfüllt ist, könnte man kreativ daraus finanzieren. Das zweckgebundene Geld fehlt im Haushalt der Hochschule spürbar: "Die Zweckbindung verursacht eine immense Mehrarbeit und erschwert die Planung des Mitteleinsatzes ungemein" erklärt Thomas Locher, Rektor der HGB. "Uns fehlen diese Gelder für das Tagesgeschäft und im laufenden Betrieb."

"Kunsthochschule nicht mit großer Uni gleichsetzen"

Bei der Hochschule für bildende Künste in Dresden fällt die Nichterreichung von einzelnen Zielen noch deutlicher ins Gewicht: 261.191,35 Euro weniger hat sie zur Verfügung. Auch hier ergeben sich zum Teil absurde Zahlenspielereien: Im Sinne der Gleichstellung sollten etwa 60 Prozent der neu zu besetzenden Stellen mit Frauen besetzt werden. Die Hochschule erreichte 59 Prozent bei der Neubesetzung von Professuren und 52 Prozent beim restlichen Personal. Dennoch gab es keine Punkte. Zu gering war außerdem die Zahl der Studierenden, die im ersten Hochschulsemester eingeschrieben waren. "Viele beginnen ein Kunststudium, nachdem sie schon etwas anderes studiert haben", erläutert der Kanzler der Dresdner Kunsthochschule Jochen Beißert das Problem. Wie in Leipzig haben in Dresden zudem zu wenig Studierende in Regelstudienzeit abgeschlossen: "Wobei wir die geforderte Quote nur geringfügig verfehlt haben und die Dresdner Hochschule im sachsenweiten Vergleich eines der besten Resultate erzielt hat."

Für die seit 2017 laufende zweite Runde der Zielvereinbarungen wurde nachjustiert: Die Vorgabe der Regelstudienzeit von Seiten des Ministeriums um zwei Semester Karenzzeit verlängert, zudem zählt nun das erste Fachsemester und nicht mehr das erste Hochschulsemester. Auch der Wunsch des Ministeriums, die Anzahl der Meisterschüler in Dresden um 20 Prozent zu erhöhen, konnte nach Gesprächen abgewendet werden. Trotz dieses Entgegenkommens beklagt Kanzler Beißert, dass die detaillierten Zielvereinbarungen dem Charakter einer Kunsthochschule nicht gerecht würden: "Eine Kunsthochschule ist nicht mit einer großen Universität gleichzusetzen, weder von der Größe und der Anzahl der Studierenden her, noch von den inhaltlichen Zielen." Er wünscht sich eine Sonderzielvereinbarung für Kunsthochschulen, die weniger quantitative Ziele umfasst und vielmehr auf die strukturelle und fachliche Entwicklung der Hochschule setzt. 

Die Folgen des jetzigen Modells bekommen insbesondere die aktuell Studierenden zu spüren: Denn trotz vorsichthalber gebildeter Rücklagen gibt es in Dresden nun Einschnitte in der Lehre, weniger Geld für Verbrauchsmaterial, Geräte und Exkursionen. Personal abzubauen, das ist weder für Leipzig noch Dresden eine Option und auch vom Land nicht vorgesehen.

Kunsthochschulen brauchen Freiraum

Nun ist es nicht so, dass das Ministerium sich darüber freuen würde, den Hochschulen Geld wegzunehmen. Zielvereinbarungen sind sogar die Folge von mehr Autonomie: Seit dem 2008 verabschiedeten Hochschulgesetz müssen etwa Berufungsverfahren nicht mehr über das Ministerium gehen, die Selbststeuerung der Hochschule wurde erhöht, begleitet von einer verlässlichen Finanzierungsgrundlage und eben den Zielvereinbarungen. Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst in Sachsen, formuliert: "Wir müssen uns fragen, ob es für die Kunsthochschulen in Sachsen ein anderes System als diese Art von Zielvereinbarungen braucht." Bisher sind die insgesamt fünf künstlerischen Hochschulen (neben denen für bildende Künste und zwei Musikhochschulen in Leipzig und Dresden zählt dazu auch die Palucca-Hochschule) genauso behandelt worden wie alle anderen Hochschulen im Freistaat. 

"Es geht nicht darum, das System grundsätzlich zu ändern, aber auf die bestehenden Probleme zu reagieren", so Ministerin Stange. Ziel müsse nun sein, in gemeinsamen Gesprächen herauszufinden, wo genau diese Probleme liegen, um für die nächste Runde 2021 darauf reagieren zu können. Ein von Seiten der Kunsthochschulen formulierter Qualitätskatalog sei durchaus denkbar. Jedoch: Die Ziele müssen messbar sein und dem Landtag gegenüber, der für die Mittelverteilung zuständig ist, transparent abgerechnet werden können

Dass Kunsthochschulen einen besonderen Freiraum in der Lehre brauchen, stehe außer Frage: "Sie sind Experimentalraum für freie künstlerische Entfaltung. Dafür braucht es eine entsprechende bauliche, infrastrukturelle und personelle Ausrichtung, die das möglich macht." Stange vermutet, dass vor allem die anwachsenden Verwaltungsaufgaben das Personal an den Kunsthochschulen überfordert. Dafür müsse man Lösungen finden. Tatsächlich haben so manche Mitarbeiter an der Leipziger Hochschule zwei verschiedene Visitenkarten, die die gewachsenen Aufgabenbereiche spiegeln. Gleichstellung und Inklusion sind wichtige Themen, die mit gleichbleibender Personalstruktur gestemmt werden müssen. 

Vertrauen statt Kontrolle

Rektor Thomas Locher wünscht sich für das Verhältnis zum Ministerium mehr Vertrauen statt Kontrolle. Ein Bonus- statt eines Bestrafungssystems. Und keine zweckgebundenen Sonderzuweisungen mehr. "Es ist die Idee der Evaluierung, die letztlich nichts anderes ist, als eine Kontrolle. Und das finden Künstler nie gut." Abgesehen von einer Anpassung des Konstrukts Zielvereinbarungen wünscht er sich ein besseres Grundbudget, mit dem man autonomer haushalten kann. Ohne Zettelwirtschaft. "Wir brauchen wirklich nur ein bisschen mehr, damit wir uns das nicht immer am letzten Zipfel absparen müssen." 

Sein Ziel ist die Qualität in der Lehre zu halten: Die Hochschule zeichnet sich durch ein intensives Betreuungsverhältnis aus. Neben einem hohen Anteil an Theorie stehen die Werkstatt für Plastisches Gestalten, ein Audiovisuelles Labor, die Fotolabore, die Werkstätten für Holzschnitt, Künstlerischen Offsetdruck, Lithografie, Radierung und Siebdruck sowie die Werkstätten für Buchdruck, Bucheinband und Handsatz. Diese Werkstattkultur will man angesichts der Digitalisierung keinesfalls aufgeben, wenn, dann entsprechend erweitern. Auch die Frage nach ausreichend Atelierplätzen stellt sich umso dringlicher, je mehr die Mietpreise in Leipzig steigen. "Wir wollen jetzt ein Zeichen setzen und nicht erst, wenn die Hochschule gezwungen ist, an ihren Kern zu gehen", so Locher. "Zur Tradition der hohen künstlerischen Ausbildung gehören auch Autonomie und Freiheit."

Beim bevorstehenden Rundgang geht es Studierenden und Lehrende der HGB nicht darum, das Ministerium an den Pranger zu stellen. Vielmehr lautet die grundsätzliche Frage an das Ministerium, den Landtag und somit letztlich an den Steuerzahler: Was ist euch eine qualitativ hochwertige künstlerische Lehre in Sachsen wert? Diese Frage und die sich daran anschließenden Komplexitäten der sächsischen Hochschulpolitik in ein temporäres Ausstellungszenario zu transferieren, ist eine Herausforderung. 

Ein Infoblatt mit Fakten und Forderungen wird an die Besucher verteilt werden. Einzelne Klassen haben Statements vorbereitet, die platziert am Eingang der leergeräumten Ateliers und Klassenräumen zur Diskussion mit Lehrenden und Studierenden laden. Luisa Hohlfeld, Vorsitzende des HGB-Studierendenrats: "Der Verzicht auf die Klassenpräsentationen als Zeichen der Solidarisierung ist für uns, insbesondere für die Diplomand*innen, die zum Ende des Wintersemesters üblicherweise ihre Abschlussarbeiten in der Hochschulgalerie ausstellen, ein Opfer und auch visuell ein sehr starkes Bild."

Rundgang als Dialog

Dass der Rundgang zum Dialog genutzt wird, statt Kunst zu präsentieren, finden an der HGB nicht alle gut. Insbesondere die Studierenden aus dem Fachbereich der Malerei und Grafik bedauern, auf die für sie so wichtige Plattform verzichten zu müssen und bezweifeln, dass die Aktion die Komplexität der Zielvereinbarungs-Problematik lösen wird. Die Studierenden aus der Klasse für Malerei und Grafik von Annette Schröter werden mit eigenen 2,5 Tage-Ausstellung reagieren – in der 750 Meter von der Hochschule entfernten privaten Galerie Irrgang

Am Samstag reisen Studierendenratsvertreter der Kunst- und Musikakademien Hamburg, Düsseldorf, Halle, Dresden, Nürnberg, München sowie der Folkwang Universität der Künste Essen und der Universität der Künste Berlin nach Leipzig, um sich über die aktuelle hochschulpolitische Situation auszutauschen. Am Sonntag werden Lehrende und Studierende der HGB mit Vertretern der Leipziger Kultureinrichtungen über die aktuellen Bedingungen kultureller Produktion in Leipzig und Sachsen diskutieren. Parallel können auf der Website der Hochschule während des Rundgangs Fragen, Statements und Kommentare gepostet werden, die von Mitgliedern der HGB beantwortet werden. "Stell dir vor, es ist Rundgang und keiner stellt aus" – unter diesem Motto protestierten schon 2017 Studierende an der Kunsthochschule in Braunschweig gegen Missstände am eigenen Haus. Für Leipzig gilt nun: "Stell dir vor, es ist Rundgang und alle diskutieren."

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