Künstlerkollektiv WochenKlausur

"Wir gestalten lieber das Zusammenleben"

WochenKlausur aus Wien entwirft keine Kunstwerke, sondern konkrete Lösungen – von medizinischer Hilfe bis zu Arbeitsmodellen für Geflüchtete. Für das Künstlerkollektiv ist die Gesellschaft selbst das Material

WochenKlausur, Sie realisieren als Kollektiv künstlerische Projekte, die primär einen sozialen, politischen oder auch ökologischen Nutzen verfolgen. Ihre Arbeit spielt sich weder in der Kunstwelt ab, noch ist sie an ein Kunstpublikum gerichtet. Im Vordergrund steht die Verbesserung für eine bestimmte Menschengruppe oder die Gesellschaft insgesamt. Ihre erste Aktion, 1993 in Wien, ist eines meiner Lieblingsprojekte: Sie haben den Bus Louise ins Leben gerufen, in dem Obdachlose gratis medizinische Behandlungen erhalten. Warum machen Sie keine Kunst im herkömmlichen, kapitalistischen Sinne?

Im Laufe seiner Geschichte hat sich der Kunstbegriff immer wieder gewandelt. Die Liste, was einmal als Kunst gepriesen, später belächelt, verachtet oder sogar zerstört wurde, ist lang. Mit dem mittelhochdeutschen Terminus "Gotic" (Verwirrung) etwa wurde die Kunst dieser Epoche von der nachfolgenden Generation verspottet. Umgekehrt fanden Werke, die wir heute scheinbar selbstverständlich idealisieren, zur Zeit ihrer Entstehung kaum Beachtung. Das betrifft nicht nur unverstandene Avantgarden. Kunst ist nicht a priori vorhanden, nicht gottgegeben. Sie ist ein Prädikat, das von Menschen vergeben wird und angesichts der Fülle formaler Kunst schien uns die Gestaltung des Zusammenlebens dringlicher zu sein. Also haben wir mit dem ersten Projekt die medizinische Versorgung für Wohnungslose in Wien sichergestellt. Seither werden in einer mobilen Praxis rund 700 Behandlungen pro Monat durchgeführt.

Wie sind Sie bei der Realisierung vorgegangen?

Zunächst mussten 70.000 Euro für den Ankauf eines Busses sowie zahlreiche Materialspenden aufgebracht werden. Anschließend wurde der Bus von uns zur mobilen Praxis umgebaut. Parallel dazu galt es, den langfristigen Betrieb und vor allem die Finanzierung des medizinischen Personals sicherzustellen. Für den Betrieb konnte die Hilfsorganisation Caritas gewonnen werden. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach Geldgebern für die Gehälter. Das gelang schließlich mit einer medialen Strategie. Auf unser Ersuchen sprach ein Korrespondent des "Spiegel" mit der zuständigen Stadträtin und gab vor, über das Projekt berichten zu wollen. Weil die nun aber nicht riskieren wollte, in einer deutschen Wochenzeitung für das Scheitern eines engagierten Kunstprojekts verantwortlich gemacht zu werden, sagte sie die Finanzierung für ein Jahr zu. Der angekündigte Artikel erschien nie. Aber seit 1993 fährt die mobile Praxis täglich die Treffpunkte der Wohnungslosen an. Dreimal wurde das Fahrzeug mittlerweile erneuert.

Wie gehen Sie bei Ihren künstlerischen Projekten vor?

Der Name WochenKlausur steht für den konzentrierten Einsatz der Gruppe in einem begrenzten Zeitraum von mehreren Wochen. Der knappe Rahmen bündelt die Energien von vier, fünf Mitgliedern und ermöglicht eine zügige Umsetzung der geplanten Intervention. Voraussetzung ist die Einladung einer Kunstinstitution, die den Aufenthalt der Gruppe finanziert und Räume zur Verfügung stellt, von denen aus das Projekt realisiert werden kann. Es ist Aufgabe der Gruppe, sich über die lokalpolitischen Gegebenheiten zu informieren, das Konzept für einen passenden Eingriff vorzuschlagen und vor Ort umzusetzen. Manchmal sind durchdachte Strategien oder unkonventionelle Herangehensweisen dafür erforderlich. 1997 etwa entwickelten wir in einer Gemeinde in Oberösterreich ein Modell zur Bürgerbeteiligung. Bestandteil des Projektes war die Errichtung einer Skaterbahn für Jugendliche, wogegen sich zwar kein Widerstand erhob, für die von der Politik aber seltsamerweise kein geeigneter Standort gefunden werden konnte. Also platzierten wir die Holzrampen kurzerhand im historischen Ortskern und nur drei Tage danach verkündete der Bürgermeister den Standort der Skaterbahn am Donaugelände.

Künstlerinnen und Künstler genießen oft eine andere, vielleicht sogar privilegiertere Wahrnehmung als Sozialarbeiterinnen oder Pflegekräfte – leider. Wie nutzen Sie diesen Status für die gute Sache?

Wir nutzen die Strahlkraft der Kunst, ihr soziales Kapital und ihre verfassungsrechtlich garantierte Freiheit nicht im Dienst von Markt und Moden. Uns ist die Entwicklung eines Jahresprogramms für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, wie wir es 2003 in Graz realisieren konnten, wichtiger als ein Kalender mit Kunstmessen und Ausstellungen.

Welche Projekte, die eigentlich Sozialarbeit und soziale Hilfe sind, mussten aus strategischen Gründen als Kunst getarnt werden?

In Graz konzentrierten wir uns 1995 auf die Erschließung legaler Arbeitsmöglichkeiten für Asylsuchende. Da sie in Österreich keinen gesetzlich gedeckten Aufenthaltsstatus hatten, durften sie auch nicht erwerbsmäßig arbeiten. Um ihnen trotzdem einen Verdienst zu ermöglichen, bediente sich die Gruppe daher einer Sonderregelung für ausländische Kunstschaffende, die auch ohne Beschäftigungsbewilligung in Österreich bleiben durften, sofern sie nachweislich und ausschließlich von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben konnten. Also erklärte die WochenKlausur sieben Geflüchtete ohne Beschäftigungsbewilligung zu Künstlerinnen und Künstlern und beauftragten sie mit der Erarbeitung von Sozialen Plastiken. Dafür mussten Patronanzen gefunden werden, die entsprechende Aufträge erteilen und Honorare zahlen, mit denen der Nachweis einer gesicherten Existenz und der Anspruch auf eine Ausnahmeregelung erbracht werden konnte. Ein Asylwerber erhielt beispielsweise von einer Werbeagentur den Auftrag zur Erstellung einer Plastik und sammelte Babynahrung für die kurdischen Städte Dohuk, Erbil und Sulemanija - je mehr, desto besser. Andere kümmerten sich um Schulmaterial für Bosnien oder reparierten alte Fahrräder für die Hochschülerschaft in Graz. Ein Jahr später eröffnete die Präsentation aller Ergebnisse beim Festival Steirischer Herbst die Frage, was Kunst eigentlich ist – und was wir wollen, dass sie sein soll.

Sind Sie die Erfüllung von Beuys Idee der Sozialen Plastik? Sein Konzept war ja auch ein gutes Instrument für Ihr Projekt "Arbeit ohne Beschäftigungsbewilligung".

Joseph Beuys hatte viele unterschiedliche Ansätze. Mit den esoterisch angehauchten nach Rudolf Steiner können wir wenig anfangen. Aber seine Überlegung, dass jede Form der Gestaltung – auch die politisch – Kunst sein kann, haben wir aufgegriffen und weiterentwickelt.

Was sind die Schwächen der Kunst?

Ihre Wirkungsgrenzen sind der Kunst nicht immanent – sie werden von Menschen gesetzt. Gegenwärtig wird Kunst gerne als Experimentierfeld jenseits der Realität verstanden, als Spielwiese, die Politik und Wirtschaft auch deshalb entgegenkommt, weil sie keine ernsthaften Probleme schafft und der Politik nicht vorhalten will: Was ihr nicht gemacht habt, machen wir. Außerdem lässt sich mit konkreten, realpolitischen Eingriffen in der Kunst kein Geld verdienen. Dennoch übernimmt der kommerzielle Kunstbetrieb gerne Begriffe wie "urbane Intervention" oder "Aktivismus", weil er sich zunehmend von Gestaltungstechnologien, Smartphone-Apps und Künstlicher Intelligenz bedrängt fühlt. Er sucht nach Nischen, die mit vergleichsweise geringem Aufwand Aufmerksamkeit erzeugen. Die reale, konkrete Veränderung hingegen erfordert unspektakuläre, beharrliche Arbeit – und die passt nicht recht zum Bild des genialischen Kunstschaffens.

Städte entwickeln sich durch die Gentrifizierung und die Inflation zu immer exklusiveren Club-Systemen. Wären Sie Bürgermeister, Architektin, Bevollmächtigte, Hauptinvestorin – wie sähe Ihre Stadt aus?

Da fällt uns vieles ein – und manches wäre, mit den entsprechenden Befugnissen ausgestattet, gar nicht einmal schwer umzusetzen. Was jedoch oft unterschätzt wird: Ein Bürgermeister muss gewählt werden und braucht Kompromisse, um sein Amt für möglichst viele zufriedenstellend auszuüben. Verglichen damit ist die Umsetzung einzelner Projekte eine leichtere Übung.

Sie sind wahre Hidden Masters – Sie realisieren Projekte, die das Leben von Menschen tatsächlich beeinflussen und verändern. Doch bisher finden Sie damit keinen Zugang zum kommerziellen Kunstmarkt: weder zur fotogenen, egozentrischen Instagram-Kunstwelt noch zur intellektuellen, Readymade-liebenden Institutionsszene. Wo ist Ihr Platz? Von wo aus können Sie am besten arbeiten?

Solange es Institutionen gibt, die unsere Arbeit schätzen und uns einladen, Ideen umzusetzen, gibt es genug zu tun. Sollte das eines Tages nicht mehr der Fall sein, hätten wir immerhin gezeigt, dass es möglich ist, mit den Mitteln der Kunst konkret einzugreifen.