Paradox Paradise, es ist kaum möglich, sich durch Berlin zu bewegen, ohne an Ihrer Kunst vorbeizukommen. Sie nennen Ihre Bildsprache "Paraglyphs". Wie kamen Sie zu Ihrem Stil?
Ich habe früher so viel Unsinn gemalt, wirklich toy. Mittlerweile übermale ich meine alten Pieces selbst. Irgendwas hat mich daran gelangweilt. Klassisches Graffiti hat eine enorme Energie und eine ausgeprägte visuelle Sprache, aber es folgt auch sehr klaren Logiken, die sich mit der Zeit stabilisieren. Man lernt diese Sprache, entwickelt einen eigenen Stil innerhalb ihrer Regeln und merkt irgendwann, dass man vor allem Varianten produziert, ohne das System selbst noch zu hinterfragen. Klassische Graffiti-Buchstaben brauchen viel Zeit und verlieren oft ihre Schärfe. Also habe ich reduziert: nur Buchstaben ohne gefüllte Farben, keine dekorativen Elemente, gerade Umrisse, vertikal, präzise. Ich wollte wissen, was passiert, wenn man die Sprache nicht weiter ausbaut, sondern radikal reduziert, alles weglässt, was nicht zwingend notwendig ist. Diese Arbeitsweise ist strenger, als sie auf den ersten Blick wirkt, weil sie keine Fehler verzeiht. Wenn eine Linie nicht funktioniert, gibt es nichts, was sie kaschiert.
Sie schreiben Botschaften wie "They distract you from reality", "Spread love not fear", "Mieten runter Wände bunter" oder "Your ignorance is their power". Wie hat sich Ihre performative Praxis entwickelt?
Erreichbarkeit ist eine Illusion. Die meisten Leute akzeptieren einfach, dass sie irgendwo nicht hinkommen. Mich interessiert: Was passiert, wenn man die Grenzen verschiebt? Ich wollte was machen, was vor mir noch niemand gemacht hat. Vor allem sind diese hohen Stellen gut sichtbar und haben eine gute Chance, nicht sofort übermalt zu werden. Berlin, mit seiner Geschichte von Teilung und Wiederaufbau, bietet dafür den perfekten Raum. Aus einer Art Rebellion in den 2010er-Jahren ist in den letzten Jahren mehr Reflexion geworden. Ich habe mich entwickelt vom reinen Adrenalin hin zu etwas viel Ruhigerem. Ich plane jede Aktion wochenlang sehr genau voraus, weil ich es perfekt machen will. Ich frage mich stärker, welche Form an einer bestimmten Stelle funktioniert und wie sich Text, Architektur und Wahrnehmung zueinander verhalten, weil die Wirkung nicht zufällig entsteht, sondern aus einem Zusammenspiel von Proportion, Licht, Lesbarkeit und Platzierung.
Wie fühlen sich diese Aktionen für Sie an?
Es ist ein Zustand höchster Präsenz. Nachts, wenn unten alles leuchtet und oben nur Dunkelheit herrscht, bist du in höchster Konzentration, für dich selber, aber auch für die Filmer, Fotografen, Checker. Du musst auf alle aufpassen und alles exakt planen, damit die Action überhaupt funktioniert und alle Beteiligten safe sind. Es ist nicht nur Nervenkitzel. Es ist Verantwortung: Jedes Detail muss sitzen – Equipment, Planung, Timing. In der Höhe gibt es keinen Raum für Unklarheit, jede Bewegung hat unmittelbare Konsequenzen, und genau dadurch entsteht ein Zustand, der sich eher durch Präzision als durch Aufregung auszeichnet. Man ist gezwungen, vollständig präsent zu sein, weil es keine Möglichkeit gibt, sich mental zurückzuziehen oder Dinge aufzuschieben. Dieser Zustand ist schwer mit alltäglichen Erfahrungen zu vergleichen, hat aber Parallelen zu Momenten intensiver Arbeit, etwa beim Zeichnen oder Schreiben, wenn man vollständig in einer Handlung aufgeht. Der Unterschied liegt darin, dass die Bedingungen hier deutlich unmittelbarer sind und reale Konsequenzen haben können.
Man sagt, Sie seien der Hausmeister von Berlin. Wie viele Schlüssel besitzen Sie? Wie verschaffen Sie sich Zugang?
Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen, wichtig ist aber, nichts kaputt zu machen. Für mich steht weniger der Zugang im Vordergrund als das Verständnis für die Struktur der Architektur. Gebäude sind komplexe Systeme mit eigenen Logiken, und wenn man sich intensiv mit ihnen beschäftigt, lassen sich diese Strukturen lesen. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, ohne dass man zwangsläufig eingreifen oder etwas beschädigen muss. Ich versuche Dinge in ihrer Komplexität zu verstehen. Das kann Tage, Stunden, Monate dauern.
"Respekt vor dem Gebäude ist mir wichtig, es soll sich ergänzen. Graffiti ist immer Vandalismus, man verändert etwas, das einem nicht gehört. Das macht es aus." – Paradox Paradise
Wie wählen Sie Ihre Orte aus und wie betrachten Sie die Stadt?
Ich schaue mir die Architektur sehr genau an, bin viel mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs und informiere mich in Büchern. Jedes Gebäude hat eine andere Wirkung und verändert sich mit dem Licht. Ich suche Stellen, an denen alles zusammenpasst: Sichtbarkeit, Proportion, Harmonie mit der Architektur. Respekt vor dem Gebäude ist mir wichtig, es soll sich ergänzen. Graffiti ist immer Vandalismus, man verändert etwas, das einem nicht gehört. Das macht es aus. Gleichzeitig hebt es einen Missstand auf: dass Menschen sich in ihrer eigenen Stadt nicht ausdrücken können, weil die Häuser Immobiliengesellschaften oder Verwaltungen gehören und man sein eigenes Mietshaus nicht gestalten darf. Man holt sich sozusagen eine eigene Handlungsfähigkeit zurück und schafft im besten Fall etwas für das Kollektiv der Menschen, einen Mehrwert: mehr Schönheit, mehr Fragen, mehr Bewusstsein, mehr Spiritualität und aktive Teilhabe am Leben der Stadt. Dabei spielen auch technische Hilfsmittel eine Rolle. Ich habe zum Beispiel mehrere Maschinen, eine Sonnenstand-App, mit der ich nachvollziehen kann, wie sich Licht im Tagesverlauf über eine Fassade bewegt, und Werkzeuge wie einen Zollstock, um Proportionen zu überprüfen.
Ihre Glyphen verändern die Wahrnehmung ganzer Fassaden. Wie würden Sie die Wirkung Ihrer Kunst auf die Stadt beschreiben?
Meine Arbeiten lenken den Blick nach oben. Plötzlich bemerken Leute Details an Fassaden, die sie sonst ignorieren, Balkone werden zu Bühnen, Stockwerke zu Zeilen. Graue Plattenbauten bekommen Farbe und Bedeutung. Es macht die Architektur zugänglicher, interaktiver. In Berlin, mit all seinen Kontrasten, verstärkt das die Wahrnehmung. Am Ende entsteht eine, finde ich, schönere Stadt für die Menschen, die darin wohnen. Viele schreiben mir, dass sie durch meine Arbeiten Hoffnung schöpfen, dass es sie inspiriert, dass das, was man in der Nacht gemacht hat, am Tag jemandem hilft, die Welt anders zu sehen. Es gibt ihnen Hoffnung und irgendwie auch Mut, dass Handlungsspielräume oft größer sind, als man zunächst denkt. Dass die Welt komplexer ist und mehr Möglichkeiten bereithält, als man zuerst sieht.
Es gibt verschiedene Stadien der Rezeption Ihrer Arbeiten.
Die Wirkung entsteht vor allem durch eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Die Glyphen sind so angelegt, dass sie als Schrift erkennbar sind, sich aber nicht sofort vollständig erschließen. Dadurch entsteht ein Moment der Verzögerung, in dem der Blick länger verweilt als üblich. Dieser Effekt ist nicht neu, sondern findet sich in verschiedenen künstlerischen Traditionen, etwa in der Kalligrafie oder in der konkreten Poesie, wo es ebenfalls darum geht, die Beziehung zwischen Lesen und Sehen zu irritieren. Im Stadtraum hat diese Irritation eine besondere Wirkung, weil sie die gewohnte Wahrnehmung unterbricht. Gebäude, die sonst als Hintergrund fungieren, treten plötzlich stärker hervor, Details werden sichtbar, die vorher übersehen wurden. In diesem Sinne verändert die Arbeit weniger das Objekt selbst als die Art, wie es wahrgenommen wird.
Um Sie kreisen sehr viele Gerüchte, vom einsam lebenden Actionhelden bis zum Alien-Gläubigen. Wie sehen Sie diese Zuschreibungen?
Mythen, das Paranormale und das Verborgene sind ein zentraler Antrieb meiner künstlerischen Arbeit. Während ich meine Buchstaben entwickle, Skizzen ausarbeite und editiere, laufen oft parallel Videos, Podcasts oder Recherchen zu genau diesen Themen. Diese Gedankenwelten fließen direkt in meine Formensprache ein. Mich fasziniert auch der Gedanke an außerirdische Intelligenz. Nicht im naiven Sinne, sondern als Möglichkeit einer höheren Ordnung, die von früheren Hochkulturen vielleicht als Welt der "Götter" interpretiert wurde. Für mich ist es plausibel, dass Wissen verzerrt, zurückgehalten oder bewusst manipuliert wird. Gerade Themen wie Ufos oder nicht-menschliche Intelligenz sind geprägt von Desinformation und widersprüchlichen Narrativen.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Wir können die Zukunft nicht gestalten, wenn wir die Vergangenheit nicht verstehen. Eine echte Entwicklung kann nicht stattfinden, wenn unser Fundament auf Lücken basiert. Mich interessiert besonders die Vorstellung, dass unsere Geschichte weit komplexer ist, als sie uns vermittelt wird: antike Bauwerke, die viel älter sein könnten als offiziell angenommen, mögliche Hochkulturen, deren Spuren verloren gegangen sind oder vielleicht bewusst verdrängt wurden. Ich sehe meine Arbeit nicht als Versuch, Antworten zu geben, sondern eher als Möglichkeit, Wahrnehmung zu verschieben. In diesem Zusammenhang interessieren mich auch Themen, die nicht sofort erklärbar sind, weil sie zeigen, wie begrenzt unsere aktuellen Modelle von Wirklichkeit teilweise sind. Diese Offenheit ist für mich kein Defizit, sondern ein zentraler Bestandteil künstlerischer Praxis.
Wie sähe Ihre ideale Stadt aus?
Weniger Werbung, mehr Bedeutung. Weniger Oberfläche, mehr Substanz. Die Stadt ist voll mit Dingen, die etwas wollen von dir. Ich will Arbeiten machen, die dir etwas geben.