Ho Tzu Nyen in Hamburg

Entdecke den Tiger in dir

Die Installationen des Künstlers Ho Tzu Nyen sind komplex, geschichtsgesättigt und medial raffiniert. In der Hamburger Kunsthalle führt das Motiv des Tigers tief in die koloniale Vergangenheit Südostasiens

Was geschieht, wenn tief im Dschungel Tiger und Mensch aufeinandertreffen? In jenem Moment, in dem die Großkatze springt, der Mensch schreit und die Zeit stillzustehen scheint? Dann verschmelzen beide Spezies: Mensch wird Tiger, Tiger wird Mensch. "Weretigers" nennt man diese mythischen Mischwesen in Malaysia. Und wenn das animierte Tier in Ho Tzu Nyens Zweikanal-Videoinstallation "One or Several Tigers" von 2017 dieses Wort in seinem eigentümlichen Singsang ausruft, könnte es ebenso gut heißen: "We're tigers" - wir sind Tiger.

Wie ein Raubtier im Dickicht lauert diese Installation im Dunkel ganz am Ende, im letzten Raum der großen Ausstellung von Ho Tzu Nyen in der Hamburger Kunsthalle. Man könnte Stunden bei ihr verbringen, so viele mediale Ebenen und Erzählstränge verknüpft sie. 

Ausgangspunkt ist die Kolonialgeschichte Singapurs. Vor dem Eingang zu der Arbeit hängt eine kleine Lithografie des deutschen Illustrators Heinrich Leutemann aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie zeigt den Iren George Drumgoole Coleman, der im Auftrag der britischen Kolonialmacht das moderne Singapur plante, wie er bei Vermessungsarbeiten im Dschungel mit einer Gruppe von Gefangenen von einem Tiger angegriffen wird – beschädigt wird allein sein Messinstrument.

Älteste und jüngste mediale Erzählformen greifen hier ineinander

Auf den beiden Leinwänden der Installation stehen sich Tiger und Mensch als animierte Wesen gegenüber. Sie erzählen von der Geschichte der Briten in Singapur, von der Ausbeutung indischer Gefangener im Arbeitsdienst, von der Situation chinesischer Arbeiter, die mitunter Opfer von Raubkatzenangriffen wurden, und schließlich von der systematischen Ausrottung der Tiere. Dann ändert sich die Beleuchtung: Hinter einer der Leinwände erscheint die Szene der Tigerattacke erneut, nun als Schattenspiel nach malaysischer Tradition. Älteste und jüngste mediale Erzählformen greifen hier ineinander.

Auch die übrigen Werke von Ho Tzu Nyen in der Hamburger Kunsthalle sind komplex, geschichtsgesättigt und medial raffiniert. "Hotel Aporia" von 2019 erstreckt sich über mehrere Räume mit teils transparenten Leinwänden. Auf Tatami-Matten sitzend – wie in einem klassischen japanischen Teeraum – wird man mithilfe von found footage und Anime-Sequenzen ins Japan des Zweiten Weltkriegs versetzt und verfolgt die Verstrickungen verschiedener Filmemacher und Philosophen in nationalistische Ideologien und den militärischen Kampf.

Wie ein Glossar zum Gesamtwerk funktioniert das "Critical Dictionary of Southeast Asia": eine thematische Sammlung aus selbst produzierten oder gefundenen Filmschnipseln und essayistischen Kommentaren. Begriffe von A wie Anarchismus über I wie Identität und J wie Jellyfish bis zu Z wie Zoomorphismus werden von einem Algorithmus in stets wechselnder Reihenfolge abgespielt.

Mythos trifft auf Futurismus

Die jüngste Installation widmet sich dem Thema, das für Ho Tzu Nyen allem zugrunde liegt: der Zeit. Zahlreiche kurze Anime-Videos verhandeln ihr Vergehen in unterschiedlichen Metaphern – das Altern eines Menschen, eine tickende Bombe, Planeten, Uhren, fließendes Wasser. Hinzu kommen Erzählungen über die Geschichte der Zeitmessung, die dahinterliegenden geopolitischen Machtverschiebungen sowie physikalische Konzepte wie die Entropie und ihre Entwicklung.

Ho Tzu Nyen, 1974 in Singapur geboren, zeigt in dieser Ausstellung eindrucksvoll, wie vielschichtig und innovativ er mit Installation und Video arbeitet. Früh hat er auch theatrale Elemente in seine Kunst integriert, was sich nicht zuletzt in der ausgefeilten szenischen Dramaturgie der Schau zeigt. 2014 war er DAAD-Stipendiat in Berlin. Seine Arbeiten waren in großen europäischen Museen wie dem Luma in Arles zu sehen, seine Filme liefen in Cannes und auf anderen Festivals. Aktuell ist in Berlin eine zweite deutsche Einzelschau bei der Galerie Neugerriemschneider zu entdecken.

Dennoch ist sein Name einem breiteren Publikum bislang wenig bekannt – zu Unrecht. Denn es lohnt sich, in seine filmischen Essays einzutauchen. Bei Ho Tzu Nyen verschmilzt die populäre Ästhetik des asiatischen Animes mit Geschichte und Philosophie. Mythos trifft auf Futurismus, die Perspektiven verzweigen sich zu parallelen Welten. Um all das zu erleben, braucht es nur eines: Zeit.