Medizinhistorisches Museum Berlin

Wie das Krankenbett die Welt aus den Fugen hebt

Die Welt im Liegen: Eine Sonderschau im Berliner Medizinhistorischen Museum versammelt historische Objekte, Archivmaterialien und künstlerische Arbeiten zum Krankenbett – und zeigt, dass die Horizontale weit weniger passiv ist, als man denkt

Wer hat eigentlich entschieden, dass Bilder im Stehen angeschaut werden? Genauso wie Videoarbeiten lassen sie sich doch auch ganz gut im Liegen betrachten. Letztes Jahr schob der Künstler Paul Waak die Besuchenden seiner Ausstellung "Counterclockwise" im Berliner Aktionshaus zugedeckt auf einem Krankenhausbett an seinen Bildern entlang.

Liegen ist eine Haltung, die weniger mit aktiver Wahrnehmung, Urteilskraft und Produktivität als mit Passivität und Erholung, Krankheit und Erleiden verbunden ist. Oft auch mit Dauer, vielleicht mit Langeweile. Eine Sonderausstellung mit dem Titel "Horizontal – Das Krankenbett und die Welt im Liegen" im Berliner Medizinhistorischen Museum beschäftigt sich mit der Geschichte des Krankenbetts – und zeigt, welche Formen von Aktivität mit der liegenden Haltung einhergehen können. Denn, wie der Philosoph Georges Canguilhem schrieb, ist Krankheit "nicht nur der Verlust einer physiologischen Ordnung, sondern ebenso sehr die Entstehung einer neuen Lebensordnung".

Dass Kunstwerke der beim Thema Bett üblichen Verdächtigen – etwa Tracey Emin oder Yoko Ono – fehlen, erklärt Nora Heidorn, die die Schau zusammen mit Direktorin Monika Ankele kuratiert hat, damit, dass der Fokus auf dem Krankenbett liegt. Stattdessen versammelt die textlastige Ausstellung zahlreiche historische Objekte und Archivmaterialien – von denen aber viele selbst Kunstcharakter besitzen.

Fieber und Brechdurchfall aus dem Lehrbuch 

Da sind zum Beispiel die handkolorierten Lithografien, die auf aquarellierten Bleistiftzeichnungen von Carl Sandhaas basieren. Die Porträts hängen in zwei Reihen eng übereinander. Sie zeigen Kranke mit geröteten Köpfen, gebettet auf dicken Kissen, die Decke meist bis unters Kinn gezogen. Sandhaas zeichnete direkt am Bett. Veröffentlicht wurden die Darstellungen 1839 in einem medizinischen Lehrbuch zur Krankenphysiognomik. Sie sollten Studierenden helfen, Krankheiten anhand von Mimik, Hautfarbe, Haltung und Blick zu erkennen.

Eine der Zeichnungen zeigt den Kopf eines Kleinkinds auf einem vor weißem Grund schwebenden Kissen. Die Pupillen sind unnatürlich nach oben gerollt, auf dem Kopf trägt es eine gerüschte Kappe. Darunter steht in zierlicher Schreibschrift feinsäuberlich: "Brechdurchfall".
 

Illustration: eingewickelter Säugling mit Haube auf großem Kissen; rot-weißes Tuch, Beschriftung
Foto: Nora Heidorn

Carl Sandhaas "Brechdurchfall", 1839


Das wirkt ungewollt komisch, obwohl die Bilder ja eigentlich Krankheiten typologisieren sollten. So erscheinen die Bettlägrigen hier nicht nur als medizinische Fälle, sondern als Menschen mit einer individuellen Erfahrung von Krankheit. Später wurde Sandhaas selbst wegen einer psychischen Erkrankung zum Patienten.

Direkt daneben liegt Poppy Nashs Textilarbeit "The Art of Dying" auf einem Podest: blau-gold-silberne Bettwäsche, von Hand mit Motiven mittelalterlicher Holzschnitte bedruckt und im Patchworkstil zusammengenäht. Die britische Künstlerin lebt mit einer chronischen Erkrankung und muss oft selbst lange Zeit liegen. Die Vorlagen stammen aus Schriften zur "Ars moriendi", der Kunst des Sterbens. Diese Texte aus dem 15. und 16. Jahrhundert sollten auf einen "guten Tod" vorbereiten und entstanden in einer Zeit, in der das Sterben durch Epidemien wie die Pest allgegenwärtig war. Heute führt eine Diagnose meist direkt zu Fragen nach Behandlungsmöglichkeiten. Im Mittelalter war Krankheit dagegen viel unmittelbarer mit der Vorbereitung auf den Tod verbunden.

Auf den Holzschnitten liegt jeweils eine Person im Bett. Um sie herum erscheinen Angehörige, Dämonen und betende Engel. Die kostbar wirkenden Farben Gold, Blau und Silber verleihen den Darstellungen etwas Feierliches. Zugleich rückt Nash die Zuwendung zu den Kranken ins Bild und gibt dem Sterben eine Sichtbarkeit, die ihm heute oft fehlt.
 

Holzschnittdrucke mit religiösen Szenen; zentral großer blauer Druck, weitere drumherum.
Foto: Alicja Schindler

"Poppy Nash" The Art of Dying, Detail, 2019


Während sich Behandlungsmöglichkeiten seit dem Mittelalter weiterentwickelt haben, ist die räumliche Konstellation – Bett, Nachttisch, Stuhl – ebenso gleich geblieben wie das hierarchische Verhältnis zwischen der kranken Person in der Horizontalen und dem gesunden, sorgenden Menschen in der Vertikalen. Wer krank im Bett liegt, wird von oben angeschaut.

Eine Radierung von Daniel Chodowiecki aus dem Jahr 1783, die allerdings nicht im Original zu sehen ist, zeigt einen Krankenhaussaal: Links und rechts stehen die Betten dicht an dicht. Dazwischen hat sich eine Gruppe von Männern mit Zopfperücken und bürgerlicher Kleidung versammelt – ein Arzt und wohlhabende Besucher. Im 18. Jahrhundert trugen Ärzte bei Visiten noch keine weißen Kittel. Als Berufszeichen setzte sich der weiße Kittel erst im späten 19. Jahrhundert durch. Der Mann in der Mitte präsentiert den Raum und die Patienten in einer ausladenden Geste. Der Krankenhaussaal ist seine Bühne. Die Kranken sind den Blicken ausgeliefert.
 

Daniel Chodowiecki, Krankensaal von St. Hiob, Radierung: Bettenreihen, Männergruppe bei Kranken
Foto: Rijksmuseum

Daniel Chodowiecki "Krankensaal von St. Hiob", 1783


Dass Liegen auch Spaß machen kann, suggerieren zahlreiche Archivfotos aus der Zeit um 1900, als Ärzte mit Vorliebe Liegekuren verordneten. Die Schnappschüsse und Werbefotos aus Spitälern und Heilanstalten erinnern zuweilen an kichernde Jugendliche auf Klassenfahrt. Das stundenlange kollektive Liegen scheint zusammenzuschweißen. Eine während eines solchen Aufenthalts anonym verfasste, kaum leserliche Notiz bringt die Komik der verordneten Untätigkeit auf den Punkt: "Bitte die schlechte Schrift zu entschuldigen und den durchgeweichten Bogen ist auf der Chaise Longue und im Nebel nicht anders möglich!!"

Wie aufwendig diese Liegekuren organisiert waren, zeigt ein Davoser Liegestuhl aus den 1930er-Jahren. Ausgestattet mit Matratze, Fellsack, Wolldecke und Bettflasche sollte man sich darauf bis zehn Stunden täglich der frischen Bergluft aussetzen – auch im Winter.

Zwischen Gewalt und Heilung

Wie dieser Zwang zum heilungsversprechenden Liegen den Alltag strukturiert, beschreibt Thomas Mann bekanntlich im "Zauberberg", der neben anderen literarischen Quellen in der Ausstellung auftaucht. In einem Zitat aus Virginia Woolfs "Über das Kranksein" (1926) wird deutlich, wie ihr die Zeit im Bett eine neue Perspektive auf das Außen eröffnet: "Nun, da man darniederliegt und geradewegs hinaufstarrt, zeigt sich der Himmel so gänzlich anders, dass es geradezu ein wenig schockiert. Das also ging die ganze Zeit vor sich, ohne dass wir es wussten!"

Die Ausstellung zeigt Liege und Bett als ambivalente Orte, an denen sich Sorgen, Schmerzen, Ängste und Erinnerungen sammeln. Archivfotografien aus der Heilanstalt Weinsberg um 1900 verweisen zugleich auf die gewaltvolle Seite des Betts. In Psychiatrien wurden Menschen fixiert oder in speziellen Betten am Aufstehen gehindert. Ein Foto zeigt eine solche Montage aus Kunsthaar und Tüchern zu Demonstrationszwecken. Die im Bett liegende Installation sieht aus wie eine Arbeit von Meret Oppenheim.

Gleichzeitig wird das Bett auch als Ort der Heilung sichtbar. Ein Gipsabguss eines Weihreliefs aus dem 4. Jahrhundert vor Christus erinnert daran, dass Kranke im antiken Griechenland in Schlafräumen, sogenannten Abata, auf Liegen ruhten, damit ihnen der Gott Asklepios im Traum Wege zur Heilung aufzeigen konnte. 

Der Künstler Benoît Pièron verbrachte schon als Kind viel Zeit im Krankenhaus. Immer wieder war das Bett eines anderen kranken Kindes neben ihm plötzlich leer, ohne dass er wusste, ob das Kind untersucht, entlassen oder gestorben war. Seine Installation "Le Lit" ist ein Gegenentwurf zu dieser Erfahrung. Pièrons Version eines Betts sieht aus wie eine bunte Fun-Station: mit seidenem Baldachin, farbiger Lichterkette, Regenrinne und einem Tischchen für Snacks. Durch die Rinne können Körperflüssigkeiten und Albträume abfließen.
 

Benoît Piéron, Le Lit, 2011: rotes Bett mit textiler A‑Zeltstruktur und Wimpeln, Galerieansicht.
Foto: Marc Domage

Benoît Piéron "Le Lit", 2011


Der Philosoph Roland Barthes beschreibt das Bett als Körperprothese, als "Organ des ruhenden Körpers". Pièron macht sichtbar, dass Handlungen im Liegen nicht mehr allein vom Körper ausgehen, sondern im Zusammenspiel mit seiner Umgebung entstehen. Sein Bett ist voller Anbauten und Erweiterungen. Klassische Krankenhausbetten sehen bekanntlich anders aus – sie sind normiert.

Wie sehr zeigen Werbeplakate aus dem frühen 20. Jahrhundert: glatte, desinfizierbare Oberflächen, Eisen- und Stahlkonstruktionen, standardisierte Formen. "Querfederung ist besser als Längsfederung! Beweis in photographischen Abbildungen", steht über einer Illustration. Auf der Konstruktion liegt ein Mensch. Seit jeher bestimmt eben dieser Körper die Maße des Betts.

Anbauten und Erweiterungen

Wie das normierte Bett und der darin liegende Körper im Laufe der Zeit erweitert wurden, zeigen weitere unterhaltsame Werbeprospekte und Archivaufnahmen. Apparaturen, mit denen Kranke sich selbst aufrichten konnten, Bett-Tabletts mit Leseklappe oder Nachttische in unterschiedlichsten Ausführungen erzählen davon, wie sich das Leben in und ans Bett holen ließ.

Auch Frida Kahlo, die nach einem Busunfall monatelang im Bett lag, ließ sich von ihrer Mutter eine Staffelei bauen, mit der sie im Liegen malen konnte. Über ihrem Himmelbett hing ein Spiegel, der ihr Selbstporträts aus der Horizontalen ermöglichte. In "El sueño (La cama)" von 1940 liegt sie selbst im Bett, über ihr auf dem Baldachin ein Skelett mit Sprengstoff. Leider ist keines ihrer Gemälde in der Ausstellung zu sehen.

Live und in Farbe sind dafür drei Arbeiten der 1990 in Freiburg geborenen Künstlerin Gritli Faulhaber aus ihrer Serie "Militant Joy" zu sehen, an der sie seit 2019 arbeitet. Die kleinformatigen Gemälde zeigen bunte Punkte in Blau, Violett, Gelb, Rosa, Beige, Grün und Rot. Nicht deckend aufgetragenes Weiß verbindet und trennt sie zugleich. Die Arbeiten leuchten. Die runden Formen verteilen sich in einem intuitiven Rhythmus über die Bildfläche, als würde jemand mit einem Messer unterschiedliche Töne an einem Glas anschlagen: ping, ping, ping.
 

Gritli Faulhaber, Militant Joy (47), 2025, Öl auf Leinwand; bunte Kreise und Flecken auf Weiß.

Gritli Faulhaber "Militant Joy" (47), 2025


Die Malereien dieser Serie entstehen im Bett. Faulhaber lebt mit ME/CFS, einer chronischen neuroimmunologischen Erkrankung. In schweren Krankheitsphasen kann sie nur eingeschränkt arbeiten. In Phasen, in denen es ihr besser geht, malt sie komplexe figurative Kompositionen voller kunsthistorischer Bezüge. Die Punktbilder dagegen sind aufs Wesentliche konzentriert: klein, querformatig, oft entstehen sie an einem einzigen Tag. "Um nicht in der Bettritze zu verschwinden", sagt Faulhaber. Die serielle Wiederholung erzählt vom Chronischen der Krankheit und von einer Zeit, die langsamer vergeht. Die Bilder sind eine Form der Selbst- und Weltvergewisserung. Ich bin noch da, die Farbe ist noch da, die Leinwand ist noch da. Das Bett wird zur Verbindung zwischen Innen und Außen.
 

Schwarzweiße Tuschezeichnung: Schlafzimmer, Bett, riesige Uhr mit Totenschädel-Zifferblatt, Figur.
Foto: Medizinhistorisches Museum

Rosy Lilienfeld "Ans Bett gefesselt", 1928


Eine Entdeckung der Ausstellung sind die – als Faksimile gezeigten – Tuschen der Künstlerin Rosy Lilienfeld, die in Frankfurt lebte und 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Eine davon zeigt ein Bett in einem scheinbar schwankenden Zimmer. Über der Szene hängt eine überdimensionale Uhr, deren Zifferblatt an einen grimmigen Totenkopf erinnert. Eine Katze krallt sich am Laken fest. Die Kranke kniet am Bettrand, die Hände mit einer Kette gefesselt. In das dunkle Zimmer scheint eine riesige Sonne und bringt jede zeitliche Orientierung durcheinander.

Wegen psychischer Krisen war Lilienfeld seit 1920 immer wieder in psychiatrischer Behandlung. Viele ihrer Arbeiten kreisen um Alpträume und Halluzinationen. Die in der Ausstellung gezeigten Tuschen entstanden als Illustrationen zu ihrer eigenen Novelle "Das Reich ohne Tag", die nicht überliefert ist. In Lilienfelds Arbeiten ist das Bett Dreh- und Angelpunkt. Der Raum organisiert sich um es herum. Alles gerät in Bewegung. Das Krankenbett wird zur Schaltstelle, zum Motor, der seine Umgebung aus den Fugen hebt.