House of Galleries in Frankfurt

Leerstand trifft Leinwand

House of Galleries verwandelt Frankfurts Hochhäuser in temporäre Ausstellungsräume – und erzählt dabei viel über Kunst, Immobilienfantasien und den Zustand des lokalen Markts. Ein Rundgang

Da liegt er also – kurze rote Haare, schlichtes hellgraues T-Shirt, blaue Hose in abstraktem Jack-the-Dripper-Muster – auf einem ornamental über die Leinwand gekippten Holzparkettboden, mit einer Tasse Tee in Griffweite, in ein Worträtsel versunken. Auf dem geradezu kunsthandwerklich sorgsam gemalten Parkett erblicken wir zudem beiläufig verstreut liegende Platten von Bob Dylan, Supertramp und The Velvet Underground & Nico, während der auf einer Vintage-Holzkommode platzierte Plattenspieler sacht schwingende Notenzeichen in den flachen, sonntagsentspannten Bildraum sendet.

Adam Luptons Großformat strahlt eine ausgeruhte coziness aus, die man als gemaltes Expat-Glück eines in Berlin ansässigen nordamerikanischen Malers interpretieren könnte. Luptons Bild würde sich aber auch gut in einer Verkaufsbroschüre für hochwertige Eigentumswohnungen in sanierten Gründerzeitaltbauten machen – womit wir beim Thema wären. Denn wir befinden uns im 44. Obergeschoss des teilweise leerstehenden Trianon-Hochhauses inmitten des Frankfurter Bankenviertels.

Hin und wieder schweift unser Blick von der Kunst ab, ins Freie hinaus: Bläulicher Dunst liegt über der Stadt, hinter dem Häusermeer schimmert hier und da der Main durch, und am Horizont gleiten Jumbojets zur Landebahn hinunter. Hier oben liefern sich Frankfurts Bürohochhäuser einen Höhenwettstreit – mit allerlei Sendemasten und anderen Aufbauten streben sie zum Wolkenkratzerolymp. "Willkommen in Mainhattan!", möchte man ausrufen. Das würde nicht weiter auffallen in einer Stadt, die ihre nie vollständig abgestreifte Provinzialität mit Verweisen auf die irgendwie an Chicago – oder eben New York! – erinnernde Hochhausskyline zu übertünchen versucht. 

Frankfurter Kunstmarkt eben

"Adam Lupton ist neu im Programm", sagt eine Mitarbeiterin der Galerie Judin, uns aus den Skylinetagträumen reißend. Die in Berlin ansässige Galerie wurde nach Frankfurt eingeladen, als Gast an der zweiten Ausgabe von House of Galleries teilzunehmen. Das diesmal über 40 Galerien, vier Tage und drei Hochhausstockwerke umspannende Format möchte explizit nicht als Messe gesehen werden – was in einer Stadt, die seit etlichen Jahren ohne eine ernst zu nehmende Kunstmesse auskommen muss, nicht weiter verwundert.

Genuin frankfurterisch erscheint uns auch der Ansatz, Leerstandsflächen durch öffentlichkeitswirksame Kunstevents interessant machen zu wollen. Ebenso vertraut sind dem Betrachter einige Lokalmatadoren, deren Mittelmaßflachware für den risikoscheuen Sammlerbürger mit dem metropolitan-verwegenen Ausblick kontrastiert – Frankfurter Kunstmarkt eben.

Aber es gibt auch Ausnahmen: Bei Schierke Seinecke etwa korrespondieren Anna Neros notorisch phallische, zwischen Fetisch, Sexspielzeug und Pole-Dance-Stange oszillierenden Objekte – ob als Keramiken oder auf Leinwänden herumspukend – aufs Beste mit dem Ausblick auf die gewaltigen Ausrufezeichen der Frankfurter Finanzpotenz. Da will jemand nichts verhehlen, und diese Offenheit tut gut.

"Hier ist alles neu"

Geradezu ortsspezifisch muten die "XL-Notizen" an, die Xenia Lesniewski in einem der unzähligen, mit schwarzem Teppichboden ausgekleideten Büros drapiert hat: malerisch ins Riesige gezoomte Fragmente einer Zettelsammlung der in Wien und Offenbach lebenden Künstlerin, deren Initialen mit der Größenangabe übereinstimmen. Lesniewski wird von Zeller van Almsick präsentiert, die Wiener wurden vom Frankfurter Galeristen Jean-Claude Maier zu House of Galleries eingeladen.

Tagebuchartige Sentenzen, Slogans und Aphorismen, flüchtige Skizzen, an- und abgerissen und bigger than life, mit überdimensionalen Nadeln an die Wand gepinnt: Lesniewskis Installation erscheint wie gemacht für die aseptische Bürokapsel mit fahlem Deckenlicht. Riesenhafte, geöffnete Briefumschläge, XL-Galeristen-Visitenkarten und eine aufgerissene, zur Vernissagen-Mäßigung mahnende Aspirinpackung vervollständigen den Lässigkeit atmenden Raum: Kippy in smart, wenn man so will.

Da fügt es sich gut, dass eine frühe Arbeit der in Frankfurt geborenen, in Offenbach und Wien ausgebildeten Künstlerin dauerhaft im öffentlich einsehbaren Sockelgeschoss der benachbarten Deutsche Bank-Türme zu sehen ist. "Wien ist anders als Offenbach und Frankfurt", sagt Lesniewski. Frankfurt verbindet sie vor allem mit der Bankenwelt und den Hochhäusern: "Hier ist alles neu." In Wien sei hingegen das Meiste historisch. Da liegt Lesniewski richtig: Ausgeruhte coziness passt nicht recht zum strebsamen Bankfurt. Selbst für ein Galerienevent, das nicht Kunstmesse genannt werden möchte, muss man hier hoch hinaus.