Rundgang durchs Humboldt Forum

Status: Es ist kompliziert

Um keinen deutschen Kulturort wird so leidenschaftlich gestritten wie um das Berliner Humboldt Forum. Wegen der Pandemie eröffnet das auferstandene Stadtschloss vorerst nur digital. Monopol durfte trotzdem zum Rundgang vorbeikommen

Durch den Bauzaun, an den Bauarbeitern vorbei, irgendwo lärmt schweres Gerät: Der erste Besuch im Humboldt Forum beginnt denkbar profan. Was hat es nicht für Diskussionen gegeben um diesen Neubau in Berlins Mitte. Zu welcher Vergangenheit geht man zurück, wenn man dort die barocke Fassade des Preußenschlosses nachempfindet, im Zweiten Weltkrieg zur Ruine gebombt, danach von der DDR-Regierung gesprengt? Was für eine Geschichtsbild baut sich die wiedervereinigte Bundesrepublik mit diesem Entwurf des italienischen Architekten Franco Stella, der glatte modernistische Fassaden und einen modernen Betonbau mit den vorgehängten barocken Fassaden zusammen denken will?

Jetzt ist der Bau nach den üblichen, keinesfalls exzessiv ausgefallenen Verzögerungen endlich bereit. Zwar sind längst nicht alle Teile des 40.000 Quadratmeter umfassenden Gebäudes komplett bezugsfertig – der Einzug der verschiedenen Sammlungen und die Eröffnung der geplanten Ausstellungen wird sich bis in den kommenden Herbst ziehen. Doch die ersten Bereiche hätte die Öffentlichkeit vom 16. Dezember an feierlich in Besitz nehmen sollen. Was, aus den bekannten Gründen, nur digital stattfinden wird.

Wir aber sind heute ganz real zugelassen, ein kleiner Trupp von Journalistinnen und Journalisten, die im Gefolge von Generalintendant Hartmut Dorgerloh durch das Gebäude tapern dürfen. Man versammelt sich im 30 Meter hohen Foyer, wo ein reich verziertes barockes Innenportal sich in einer Mischung zwischen friedlicher Koexistenz und Armdrücken mit einer glatten Stella-Fassade gegenübersteht – der lauteste Mitspieler ist allerdings eine riesige Stele mit Led-Screens, über die Bilder der Brüder Humboldt flimmern.

Wer die Humboldts waren und was sie wollten, soll in einer Ausstellung gleich im Gang des Erdgeschosses gezeigt werden, und die dazu gehörige Fenstergestaltung, die vom Hof aus ins Auge springt, gibt auch gleich den kritischen Ansatz vor, der das gesamte Forum durchziehen soll. Dort sind transparente Vergrößerungen von historischen Stichen zu sehen, kombiniert mit Stichworten, die die Reflexion anregen sollen: "Rebellion, Kolonialwaren, négritude, Unfreiheit" steht da beispielsweise über einem Bild, das den Sklavenaufstand in Haiti zeigt, der aufbrandete, während Alexander von Humboldt auf der Nachbarinsel Kuba weilte – es war die einzige Revolte Versklavter, die wirklich zu einem politischen Umbruch führte, erklärt der Kurator der Ausstellung David Blankenstein.

Kolonialzeit ist Thema mit Sprengkraft

Oben im Treppenhaus führt eine zeitgenössische Skulptur das Thema auf andere Weise weiter: Eine schwarze Bronze-Flagge auf Halbmast des Berliner Künstlers Kang Sunkoo soll an die Verbrechen des Kolonialismus erinnern. Ein Pendant dazu – die oberen Teile von Mast und Flagge – soll im kommenden Jahr auf dem Nachtigalplatz im sogenannten Afrikanischen Viertel im Wedding aufgestellt werden.

Die Kolonialgeschichte soll eines der Kernthemen des Humboldt Forums werden, und sie ist es auch, die zurzeit die meiste Sprengkraft in die Debatte bringt. In dem Bereich des Hauses, der zukünftig die ethnologischen Sammlungen aufnehmen wird, steht Lars Christian Koch, Leiter der Ethologischen Museums sowie des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen, und freut sich über die hochklassigen Vitrinen, die er demnächst mit Exponaten füllen darf. Ungefähr gleichzeitig feilt allerdings Nigerias Botschafter in Deutschland, Yusuf Tuggar, anderswo an einer Twitter-Nachricht, die Koch als Aufforderung verstehen könnte, manche Objekte gleich in den Kisten zu lassen, da sie bald nach Afrika reisen. Denn Tuggar teilt mit, dass seine Regierung offiziell die Restitution der Benin-Bronzen aus der Berliner Sammlung fordert – hochkarätige Kunstwerke, die in Kolonialzeiten unbestreitbar als Raubkunst und Hehlerware nach Deutschland gekommen waren.

Man kann sich allerdings kaum vorstellen, dass Koch die mögliche Restitution von Objekten nicht in seine Konzeption mit eingepreist hat, schließlich zielt sie in allen Bereichen auf eine Kooperation mit den Herkunftsgesellschaften der Exponate. Bei der Einrichtung der Präsentation arbeitet sein Haus eng mit Institutionen und Experten aus den jeweiligen Ländern zusammen und übergibt den Kollegen und Kolleginnen dort sogar teilweise komplett die Präsentation und Einrichtung der Ausstellungsräume. Zu erfahren ist das jetzt schon in einem beeindruckenden Raum, der von dem chinesischen Architekten Wang Shu gestaltet wurde: Mit einer komplexen Holzkonstruktion unter der Decke und warmen Farben an den Wänden hat der Pritzker-Preisträger das passende Umfeld für die Sammlung chinesischer Hofkunst geschaffen, die hier präsentiert werden soll.

Erinnerungen an "Erichs Lampenladen"

Zur digitalen Eröffnung wird sich das Humboldt Forum die kritisch postkoloniale Perspektive auch gleich ins Haus holen: Gezeigt wird unter anderem ein Kurzfilm der Schriftstellerin und Aktivistin Priya Basil, die erst kürzlich die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat und bei ihrer Begehung des Hauses über die Eingeschlossenen und die Ausgeschlossenen nachdenkt.

Das Stichwort der Eingeschlossenen und der Ausgeschlossenen passt auch zu dem dritten Thema, dem sich das Haus neben Kolonialgeschichte und Humboldt verschrieben hat, der Geschichte des Hauses selbst. Schließlich stand an der prominenten Stelle nicht nur das Hohenzollernschloss, sondern auch der Palast der Republik, Renomméebau der DDR. Von den so genannten "Spuren", historische Exponate, die sich über das Haus verteilen, beziehen sich nicht wenige auf das Gebäude, das bekanntermaßen in Anspielung auf Honecker "Erichs Lampenladen" genannt wurde. Die entsprechenden Lampen beleuchten einen Durchgang, an anderer Stelle ist auch ein weniger sympathischer Einrichtungsgegenstand dokumentiert, nämlich ein Überwachungsbildschirm der Stasi, die den Palast der Republik feinmaschig beobachtete.

Wo geht's denn jetzt raus?

Wer noch früher in die Geschichte eintauchen will, kann dies im Keller des Hauses tun, wo Fundamente aus allen historischen Bebauungen des Ortes freigelegt wurden, vom um 1300 errichteten Dominikanerkloster über das Renaissanceschloss der Hohenzollern und den Barockbau bis zu Einbauten aus dem Wilhelminischen Zeitalter. Im Bild kann man diese Geschichte noch mal in einem kühl in Sichtbeton gehaltenen Extraraum auf einem monumentalen Videoscreen sehen, mit wenig Text für ein internationales Publikum aufgearbeitet.

Wo geht's denn jetzt raus? Trotz aller Symmetrie – das Humboldt Forum ist so groß, dass man schon mal die Orientierung verlieren kann. Wenn wirklich alle eingezogen sind, von der "Berlin Global"-Ausstellung über das Humboldt-Labor mit seinen naturwissenschaftlichen Präsentationen, bis zu den Kinderausstellungen und den außereuropäischen Sammlungen, wird man hier Tage verbringen können. Und in seinem Kern, das erweist sich schon bei diesem erstem Rundgang, ist das Humboldt Forum vor allem eins: ein Kompromiss, der auf eine komplexe Geschichte und viele verschiedene Anliegen und Anforderungen reagiert.

Man mag die Geste einer kulissenhaften Rekonstruktion des preußischen Schlosses unsinnig finden – sie war Ergebnis eines demokratischen Entschlusses. Und umgesetzt wurde sie mitsamt all den Fragezeichen, die dahinter stecken, mit viel Didaktik und Selbstreflexion. Status: Es ist kompliziert – und man darf das sehen. Was kein schlechter Anfang ist.