Künstler Nathan Coley

"Ich will die Worte ins Rutschen bringen"

Während der Bau des Berliner Exilmuseums stockt, setzt Künstler Nathan Coley ein Zeichen: "I Don’t Have Another Land" leuchtet am Anhalter Bahnhof. Ein Gespräch über Europa, Identität und Zitate ohne Absender

Eigentlich sollte in diesem Jahr der Neubau des Berliner Exilmuseums eröffnet werden, entworfen von der dänischen Architektin Dorte Mandrup. Doch es hapert mit der Finanzierung, kein Spatenstich in Sicht, die Lücke zwischen Fußballplatz und dem kriegsversehrten Portal am Anhalter Bahnhof klafft weiter. 

Immerhin hat die britische Kunsthistorikerin Ruth Ur, die seit Juni die Stiftung Exilmuseum Berlin leitet, nun die Ausstellungsreihe "An der Ruine" aus der Taufe gehoben. Den Anfang macht der aus Glasgow stammende Nathan Coley. Der Künstler war 2007 für den Turner-Preis nominiert und ist für seine Werke im öffentlichen Raum bekannt. Seine Spezialität sind Leuchtschriften, die ihre schillernde Bedeutung durch den Ort ihrer Präsentation bekommen. Über den Satz "I Don't Have Another Land" an den Überbleibseln eines geschichtsträchtigen, aber längst verschwundenen Bahnhofs haben wir mit Nathan Coley gesprochen.


Nathan Coley, seit Kurzem steht in Leuchtschrift "I Don't Have Another Land" auf der Portalruine des historischen Anhalter Bahnhofs. Den Satz verwenden Sie nicht das erste Mal, richtig?

Genau, erstmals wurde das Werk im südenglischen Charleston präsentiert, am früheren Atelier und Wohnhaus des Künstlerpaars Vanessa Bell und Duncan Grant. 2023 tauchte der Satz an der Fassade der Eastbourne City Library auf, zum Ärmelkanal hin ausgerichtet, und 2025 war das Werk in Prizren im Kosovo zu sehen. Für mich ist es wichtig, den Satz schon dreimal präsentiert und damit getestet zu haben. Er ist in drei verschiedenen Kontexten erprobt.

Welchen Rahmen gibt die Berliner Portalruine nun vor? Was interessiert Sie hier vor allem?

Mich interessiert, dass das Objekt von der Vergangenheit handelt. Ein kleiner Teil des Bahnhofs wurde erhalten und restauriert – als Denkmal des Verlusts. Das ist in Berlin natürlich nichts Besonderes, denn auf Schritt und Tritt begegnen mir hier Objekte, die an die jüngere Geschichte erinnern. Außerdem arbeite ich hier mit der Stiftung Exilmuseum zusammen. In diesem Kontext klingt der Satz wieder anders. Und Flucht und Vertreibung sind wahrlich keine deutschen Themen.

Der Anhalter Bahnhof ist ein zentraler Ort der NS-Verbrechen in Berlin. Zwischen 1942 und 1945 wurden mindestens 9000 Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt deportiert. Vor Beginn der systematischen Deportationen fuhren von hier aus Palästina-Sonderzüge ab, jüdische Kinder wurden in den Jahren 1938 und 1939 mit sogenannten Kindertransporten nach Großbritannien gebracht. Vor dem Hintergrund der Schoa schwingt in dem Satz "Ich habe kein anderes Land" der Verlust von Heimat, Existenz, von Leib und Leben mit.

Und so kann das Werk natürlich gelesen werden. Zumal Antisemitismus ein leider brandaktuelles Thema ist. Der Satz kann aber auch als eine Art Selbstporträt aufgefasst werden: "Ich kann nicht jemand anders sein als ich selbst". Wir wissen ja nicht, wer "Ich" ist. "Ich" ist definitiv nicht ich, Nathan Coley. Denn ich arbeite grundsätzlich mit gefundenen Worten. Jemand verkündet etwas, von dem wir unsicher sind, was es für uns bedeutet. Wenn klar ist, von welcher Person ein bestimmtes Zitat stammt, hilft uns das dabei, die Worte zu verstehen. Ich will sie aber ins Rutschen bringen. Daher verweigere ich die Interpretationshilfe.

Woher stammt der Satz "I Don't Have Another Land"?

Ich habe ihn vor ungefähr 16 oder 18 Jahren in der Altstadt von Jerusalem gefunden. Es war ein Graffito. Ich sage Ihnen nicht, wo genau ich den Satz gesehen habe und in welcher Sprache er geschrieben war. Das ist wichtig für die Skulptur. Je weniger Sie von der Herkunft des Satzes wissen, desto besser.

Damit es meine Worte werden?

Ja, darum geht es. Neulich hat mich jemand gefragt, warum ich nicht der Autor der Sätze bin. Meine Antwort: "Es sollen Ihre Worte werden – wie könnten sie das, wenn der Text mit mir identifiziert würde?" Also leihe ich mir die Sätze aus der Literatur oder aus der Popmusik aus, stoße auf Graffiti wie dieses aus Jerusalem oder schnappe etwas auf, was ein Taxifahrer in Istanbul sagt. Und hoffentlich werden die Sätze mehrdeutig, fangen an zu schillern.

Wir haben es aktuell aber mit einem Satz zu tun, der aus Jerusalem stammt und nun in Berlin an einem Ort auftaucht, der mit dem Holocaust zusammenhängt. Man denkt ziemlich automatisch an Israel und auch an den Nahostkonflikt, überlegt vielleicht: Hat den Satz jemand aus den Palästinensergebieten geschrieben, eine Person, die sich um ihre Heimat sorgt? Allerdings ist "I Don't Have Another Land" vor dem aktuellen Gazakrieg entstanden. Aber nach dem Hamas-Terrorangriff und der militärischen Reaktion Israels kriegt der Satz eine besondere Schärfe.

Das kann sein. Ich hoffe, dass meine Arbeit eine Diskussion über Souveränität, Exil und Vorstellungen von Heimat anregt. Woher komme ich, und wer bin ich? Wenn du ein türkischer Junge der zweiten Generation bist, 16 Jahre alt und in Kreuzberg zu Hause: Ist Berlin deine Heimat? Was ist deine Nationalität? Bist du ein Exilant, ein Berliner Türke oder ein Deutscher? Solche Fragen über Identität anzustoßen, ist Aufgabe der Kultur, denke ich.

In der alltäglichen Kommunikation ist auch Vorsicht geboten. Die Frage "Woher kommst du?" kann rassistisch aufgefasst werden ...

Ich reise viel in der Welt herum und werde wegen meines schottischen Akzents immer wieder gefragt, wo ich herkomme. Sicher nicht aus London – das hören die Leute. Sie fragen mich: Bist du Ire, Australier, Schotte? Manchmal ist das lustig, manchmal nervt es auch.

Als schottischer Künstler ...

... ich würde mich nie selbst als schottischen Künstler vorstellen. "Künstler aus Glasgow" ist okay, zum Beispiel in Pressemitteilungen von Museen. Ich weiß übrigens gar nicht, was schottische Kunst ist. Und ich glaube auch nicht, dass meine Herkunft mein Werk verstehen hilft.

Gut. Aber kann es einem Künstler gelingen, ganz von seiner Person und Herkunft zu abstrahieren? Sie sind doch derjenige, der den Satz gelesen hat, ihn aufgeschrieben und vielleicht ins Englische übersetzt hat.

Ha! Das werde ich Ihnen nicht sagen, ob ich den Satz übersetzt habe.

Das war jetzt kein Trick, die Sprache des Originals herauszufinden ...

Ich bin immer argwöhnisch bei solchen Fragen.

Darum ging es mir nicht. Meine Frage zielte auf den Brexit und die Tatsache ab, dass die Mehrheit der schottischen Bevölkerung den Austritt aus der EU ablehnt. Da Nathan Coley in Glasgow geboren ist, könnte man auch ihm den Satz in den Mund legen, mit der Bedeutung: "Ich weiß nicht, was aus meinem Land geworden ist". Hat Sie die Absetzbewegung Englands von Europa nicht verunsichert?

Meine Position ist kompliziert. Ich habe gegen den Brexit gestimmt, weil ich mich als Europäer sehe und weil der EU-Austritt eine verrückte Idee war. Beim Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich habe ich mit Nein gestimmt. Ich war für die Union. Was würde eine Republik Schottland auch bedeuten? Schottland würde sich nicht nur von England abspalten, sondern auch von Irland, Nordirland und Wales trennen. Ich lebe doch schon in einem kalten, dunklen Randgebiet von Europa – und will mich nicht noch weiter vom Rest der Welt entfernen. Und überhaupt bin ich gegen jeden Nationalismus, speziell gegen den rechtsgerichteten schottischen Nationalismus.

Ihr Problem ist: Sie haben kein anderes Land.

Das stimmt. Meine Haltung wird dadurch verkompliziert, dass ich gegen die Monarchie bin. Ich bin Sozialist, jedoch macht mein Sozialismus nicht an der Grenze zwischen Schottland und England Halt. Meine Identität bezieht sich auch nicht auf eine Nation oder Region, sondern eine Stadt: Glasgow. Ich bin Glasgower durch und durch, vor allem wegen meines trockenen Humors. Ich identifiziere mich mit meinem Geburtsort und giere zugleich danach, die ganze Welt zu bereisen. Das ist typisch für Menschen aus Glasgow, einer Industriestadt, die sich mit der Welt verbunden fühlt und regen Handel treibt. Das hat mich geprägt.

Springen wir mal ein, zwei Generationen zurück. "Ich habe kein anderes Land" könnte auch einer meiner Großväter sagen, erbost darüber, dass die britische Armee an den Bombardierungen deutscher Städte beteiligt war. Die Arbeit an der Portalruine lässt mich auch an jene schiefe Wahrnehmung denken. Noch bis in die Elterngeneration hinein klagte man über das selbst erfahrene Leid – und verdrängte die Naziverbrechen. Wie haben Ihre Eltern und Großeltern die Deutschen gesehen?

Mein Großvater hat im Krieg gegen die Deutschen gekämpft. Ich glaube, er hat sich als Brite durch und durch gesehen. Das war seine Identität. Diese Zeiten sind vorbei, für mich ganz sicher. Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich wie Zuhause. In Frankreich geht es mir ebenso. Ich bin eben Europäer. Wenn ich nächste Woche nach Korea reise, wird es mir anders gehen, dort fühle ich mich als Besucher.

"I Don't Have Another Land" wurde zuerst in Sussex präsentiert. Wie wurde der Satz dort gelesen?

Das Künstlerpaar Duncan Grant und Vanessa Bell verließ in den 1920ern London und hat sich einen Landsitz namens Charleston geschaffen, der zum Treffpunkt der Bloomsbury Group wurde. Die Eheleute waren bisexuell, in London wären sie für ihren Lebensstil eingesperrt worden. Als ich vom Charleston Trust eingeladen wurde, dachte ich an das Graffito in Jerusalem und fand es interessant, den Satz von einem Ort eines religiösen Konflikts in eine ländliche Region zu tragen.

Der Satz konnte dort als Ausdruck von body politics gelesen werden?

Absolut. Charleston gilt als eine Wiege der Gender Studies. Hier wurde früh über Fluidität, Identität, transitioning nachgedacht. Meine Vorstellung war, dass Duncan Grant den Satz "I don't have another land" gesagt haben könnte. Oder dass ich die Worte in seinem Tagebuch oder in einem Brief von ihm gefunden hätte.

In Berlin wird der Satz nun anders gelesen werden.

Gestern kam eine ältere Dame zu mir und sagte, sie finde die Skulptur zu schön. Die Glühbirnen, aus denen sich die Schrift zusammensetzt, würden sie so verführerisch anblinzeln. Im Verhältnis zum schmerzhaften Thema sei die Form der Arbeit zu schön. Das entspricht nicht meinen Zielen, insofern macht mich so ein Kommentar ein wenig nervös. Aber wenn ich sie calvinistisch auffasse – dass man dem Prunk nicht trauen kann – finde ich die Kritik wieder gut. Misstrauen kann produktiv sein.

Ihre Schriften setzen sich immer aus leuchtenden Punkten zusammen. Warum Glühlampen?

Ich vermeide Neonschrift, weil sie stark mit Pop Art assoziiert wird. Und natürlich mit Werbung. Aber ich versuche nicht, missionarisch zu sein oder etwas zu verkaufen. Deshalb verwende ich die Lampen, die mit Theater, Zirkus und Jahrmärkten in Verbindung gebracht werden können. Es wirkt auch ein wenig rau und schmuddelig, oder? Das fahrende Volk kommt auf den Dorfplatz, bleibt zwei Wochen lang da und verschwindet wieder. So ist es ja auch mit der Skulptur, die nach drei Monaten wieder abgebaut wird. Die Schrift ist auch nicht direkt am Portal angebracht, sondern an ein Gerüst geschraubt.

Mir ist aufgefallen, dass sich die Schrift nicht der Symmetrie der drei Portalöffnungen anpasst. Die Zeile ist nach rechts versetzt.

Das ist wichtig, ja. Portal und Skulptur sollen nicht verbunden sein, es soll eine Reibung entstehen.

Was interessiert Sie an Architektur?

Die Frage, was durch Architektur ausgedrückt wird und wie das geschieht. Wie spiegeln Bauwerke die Gemeinschaft wider? Das Erste, was Gutenberg im 15. Jahrhundert mit der Druckerpresse vervielfältigte, war die Bibel. Es gibt die These, dass die massenhafte Verbreitung der Gutenberg-Bibel die Bedeutung der Kirche und auch der Kirchenarchitektur massiv geschwächt hat. Plötzlich konnte eine Idee an vielen Orten gleichzeitig existieren, was den Wert der Kirche in der Mitte der Gemeinschaft untergrub. Ein interessanter Gedanke.

Ich weiß nicht genau, ob er von Marshall McLuhan stammt. Auf jeden Fall hat McLuhan das "Ende der Architektur" postuliert, womit er nicht die Aufhebung, sondern die Transformation des Gebauten meinte; dass Medien – vor allem die elektronischen – eine nicht mehr physisch zu begreifende Form von Raum und Umwelt schaffen. Dabei kannte McLuhan das Internet und die sozialen Medien noch nicht. Unsere Wahrnehmung von Körper und Orten verändert sich immer mehr. Mir ist aber jetzt aufgefallen, dass ich die Ruine am Anhalter Bahnhof neu betrachte – gerade wegen der Leuchtschrift. Intervenieren Sie gegen die allgemeine Wahrnehmungsschwäche?

Da ist etwas dran. Während bestimmte Ideen heute überall sind – verstreuter und verbreiteter noch als damals die Gutenberg-Bibel –, existiert meine Idee, mein "Bild", nur hier am Anhalter Bahnhof und nirgendwo anders. Weil es hier gelesen werden muss. An einen anderen Ort getragen, würde die Idee sich verändern. Was würde passieren, wenn ich den Satz in die Ukraine brächte?

Ich schätze, das würde die Arbeit simplifizieren. Weil es ja offensichtlich ist, was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Wäre es denn eine gute Idee, den Satz an die Klagemauer in Jerusalem zurückzubringen?

Ich habe ja nicht behauptet, das Graffito an der Klagemauer gefunden zu haben. Sie wollen mich wieder austricksen!

Nein, wirklich nicht. Tut mir leid. Das war ein Bild in meinem Kopf.

Das finde ich wieder gut – weil es um die Bilder in den Köpfen ja geht. Wenn das Werk in ein paar Monaten von der Berliner Ruine entfernt wird, dürften einige Leute erst bemerken, dass es überhaupt da war. Es ist nach einiger Zeit der Präsentation unsichtbar geworden. Nun werden sie sagen: "Wo ist dieser Satz geblieben?"

So ging es mir mit den sieben großen Leuchtbuchstaben, die auf dem Dach des Palastes der Republik das Wort "Zweifel" bildeten. Als die Installation von Lars Ramberg abgebaut war, fehlte etwas. Wie später nach dem Abriss des Palastes ja auch ein architektonisches Nachbild blieb. Ist das Ihr Ideal: die unsichtbare Skulptur?

Zumindest bin ich weniger an Form und Material der klassischen Bildhauerei interessiert. Ich nutze Form und Material als Mechanismus, um Ideen zu generieren. Vor allem Ideen bringen Gespräche in Gang. Und wenn ich einen Weg fände, einen Diskurs anzustoßen, ohne Material zu verwenden, würde ich das tun. Aber bisher geht das nicht. Also muss ein Gerüst aufgestellt werden, mit einem Text darauf, der beleuchtet werden muss. Daraus kann ein Dialog entstehen.

Wie politisch kann Kunst sein?

Der Minimalismus war wohl der Endpunkt rein formaler Abstraktion. Danach kann man eigentlich nur das Gegenteil tun. Und ich denke, wir sollten alle politisch sein, nicht nur Künstler. Lehrer sollten politisch sein, und der Besitzer des Restaurants, in dem wir sitzen. Es ist unser aller Aufgabe, politisch zu sein.

Wann haben Sie gespürt, dass eine Künstlerin oder ein Künstler Macht hat?

Ich fand den Moment stark, als Christo versuchte, die Genehmigung für die Verhüllung des Reichstags zu bekommen. Dass er es geschafft hat, zwei Debattenstunden im Bundestag zu kriegen. Das war ein mächtiger Moment: als gewählte Abgeordnete sich die Zeit nahmen, über eine so abstrakte Idee zu diskutieren. Da war Christo wirklich politisch. Solche Momente begeistern mich. Und ich finde es auch selbst aufregender, in der Welt unterwegs zu sein als mich im Bannkreis meines Ateliers zu bewegen. Es ist großartig, mit anderen Menschen über Kunst zu sprechen oder die Erlaubnis von Verantwortlichen einzuholen, eine Idee realisieren zu dürfen. Sie sozusagen unter Strom zu setzen. Denn um Energie geht es auch bei diesem Satz am Anhalter Bahnhof: den Strom anschalten, den Worten Kraft verleihen.