Beherzt greift das Jesuskind nach Marias Brust. Diese Szene gehört zum Inventar europäischer Kunstgeschichte. An einem Vormittag in Berlin wiederholt sich die Szene wenige Meter vor einem dieser Bilder. Eine Besucherin stillt ihr Baby in der Gemäldegalerie. Sie ist Teil der Still-Demo #ichstillwoichwill, mit der Frauen auf die Diskriminierung Stillender im öffentlichen Raum aufmerksam machen wollen.
Erst kürzlich wurde einer Mutter in einem Einkaufszentrum in Saarbrücken das Stillen untersagt. Über 100 Frauen hat Katharina Kokott, Gründerin des Mama Netzwerk Berlin, seitdem über Instagram für ihre Aktion gewinnen können. Neben dem Berliner Bode-Museum und der Gemäldegalerie stillten die Teilnehmerinnen auch in der U-Bahn, am Alexanderplatz, im Supermarkt, im Hörsaal und in der Kirche – und ließen sich dabei von unterschiedlichen Fotografinnen ablichten.
Besonders die im Museum entstandenen Bilder zeigen einen bemerkenswerten Widerspruch: Die Stillende gehört selbstverständlich zur europäischen Bildgeschichte. Im Alltag dagegen sorgt sie noch immer für Irritation. Warum ist das so?
Erschöpfung und Aufopferung
Erst im vergangenen Jahr kaufte das Bode-Museum die spätgotische Reliquienbüste "Maria lactans", also eine stillende Maria, aus dem 16. Jahrhundert an. In der Gemäldegalerie ist die Stillende auch in allegorischer Form zu sehen, etwa als "Carità" (1570) von Luca Cambiaso. Das Gemälde zeigt eine erschöpfte Frau, die drei Kinder um sich schart. Eins von ihnen trinkt an ihrer Brust. Dieses Ideal mütterlicher Aufopferung repräsentiert auch die "Pazzi Madonna" (um 1420), vor der einige Teilnehmerinnen von #ichstillwoichwill im Bode-Museum posieren. Das Haus blickte bereits mit seiner Ausstellungsreihe "Der zweite Blick" kritisch auf Mutterschaft und ihre oft sehr einseitige Darstellung in der Kunstgeschichte.
Gleichzeitig sind im Museum auch viele Brüste zu sehen, die keine Kinder stillen. Sie begegnen den Besucherinnen und Besuchern als erotisches Motiv, etwa in mythologischen Szenen wie Correggios "Leda mit dem Schwan" (1532–1533) oder Botticellis "Venus" (um 1490). Die Ausstellungshäuser deklarieren diese Darstellungen zu Recht als Teil unseres kulturellen Erbes.
Von der Angeschauten zur Aktivistin
Die stillende Besucherin verändert etwas. Sie verwandelt das Motiv, das vornehmlich durch den männlichen Blick geprägt ist, in eine Handlung. Die Betrachtete wird zur Aktivistin. Sie macht sichtbar, dass Körper Bedürfnisse haben und dass Fürsorge Arbeit ist. Vielleicht liegt darin ein Teil der Irritation, die das öffentliche Stillen bis heute auslösen kann. Sichtbar wird dabei nicht nur eine Brust, sondern eine gesellschaftliche Realität, die gerne ins Private ausgelagert wird.
Selbstbestimmt geht die öffentlich Stillende ihren eigenen Bedürfnissen nach, während sie die ihres Kindes stillt. Fürsorge gilt als unverzichtbar, solange sie den öffentlichen Ablauf nicht stört. Kinder sind willkommen, sollen aber möglichst geräuschlos existieren. Mutterschaft wird anerkannt, allerdings vor allem in ihrer idealisierten Form. Ihre körperliche Realität wird weitgehend ausgeblendet. Laut einer bundesweiten Befragung lehnt jede sechste Person öffentliches Stillen ab. Viele Befragte knüpfen ihre Zustimmung an Bedingungen: Das Stillen sollte möglichst diskret und nur an bestimmten Orten erfolgen. Aber nicht nur offene Kritik hält jede zweite Mutter vom öffentlichen Stillen ab: Einige Teilnehmerinnen von #ichstillwoichwill berichten von unangenehm lüsternen Blicken und von Männern, die versuchen, Fotos von ihnen zu machen.
Das liegt auch an der Sexualisierung der weiblichen Brust. Nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Werbung, der Popkultur, im Film und der milliardenschweren Pornoindustrie ist sie allgegenwärtig. Die entblößte Brust polarisiert. Geht es den Kritikern also wirklich um den Akt des Stillens? Eine Mitwirkende der Aktion argumentiert: "Das Problem sind nicht stillende Frauen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die weibliche Körper akzeptiert, solange sie dekorativ sind – aber irritiert reagiert, sobald sie ihre eigentliche biologische Funktion erfüllen."
Care-Arbeit sichtbar machen
Während sich Einrichtungen oft auf ihr Hausrecht berufen, um ein Stillverbot durchzusetzen, ist das Stillen in den Staatlichen Museen ausdrücklich erlaubt. Essen und Trinken sind in den Ausstellungsräumen untersagt. Die Versorgung von Babys ist davon ausgenommen. Den Aktionistinnen geht es allerdings weder um Regelbruch noch um die Suche nach einem geschützten Raum. Mit #ichstillwoichwill wollen sie öffentliches Stillen als selbstverständlichen Teil des Alltags sichtbar machen.
Im Museum erhält die Aktion eine zusätzliche Ebene. Zwischen Madonnenbildnissen und Aktgemälden treffen idealisierte Darstellungen von Mutterschaft auf Frauen, die Fürsorge nicht darstellen, sondern leisten. Sie stillen nicht für den Blick von außen, sondern weil ihr Kind Hunger hat. Sie nehmen sich den Raum dafür, unabhängig davon, ob der Anblick als angemessen oder ästhetisch empfunden wird. Vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Irritation entsteht dort, wo aus dem Motiv eine selbstbestimmt handelnde Person wird, die weder kommentiert noch sexualisiert werden möchte und selbst entscheidet, wann, wo und wie lange sie stillt.
Disclaimer: Die Autorin dieses Artikels hat sich ebenfalls für die Aktion fotografieren lassen – allerdings nicht im Museum, sondern im Hörsaal der Evangelischen Hochschule Berlin.