Black Quantum Futurism in Nürnberg

Ihrer Zeit voraus

Im Kunstverein Nürnberg kann man gerade mit dem US-Künstlerinnen-Duo Black Quantum Futurism auf Zeitreise gehen. Unser Autor hat in die Spiegel des Gestern, Heute und Morgen geblickt

"Who am I, where have I been?" Immer wieder sage ich diese Worte, in einem abgedunkelten Raum sitzend, abwechselnd in drei Spiegel blickend, die Fenster ins Gestern, Heute und Morgen aufstoßen könnten. Eine zehn Minuten vorgehende Uhr liegt vor mir. Ich öffne die Augen, nachdem ich das Zeitreise-Experiment anhand einer Anleitung in meiner Vorstellung durchgespielt habe.

Ich sitze auf einem Ledersofa in einem abgedunkelten Seitenkabinett des Nürnberger Kunstvereins und blicke auf eine Videoprojektion. Wir sehen eine Frau – mal in schummrigen Räumen voller Spiegel, Uhren und Gerümpel; mal im urbanen Raum; mal ruhend und dann wieder in Bewegung – stets suchend, forschend, sich selbst befragend. Aus dem Off sind englischsprachige Anweisungen zu hören, die um Erinnerung, Identität, Selbsterkenntnis und Verortung in der Zeit kreisen.

Ich fühle mich an die Anleitungen für die "Zeitreise-Erfahrungen" erinnert, die in der Ausstellung ausliegen. Das US-amerikanische Künstlerinnen-Duo Black Quantum Futurism, das 2022 auch zur Documenta Fifteen eingeladen war, bespielt den Kunstverein Nürnberg mit Installationen und Performances. Camae Ayewa und Rasheedah Phillips laden die Besucher aber auch ein, mittels angeleiteter Experimente aktiv über Zeitmodelle jenseits von Jetzt-Fixierung, Heile-Welt-Nostalgie und Wachstumsziel-Erfüllungs-Zukunft nachzudenken.

Objekte einer untergegangenen Zivilisation

Eine technische Ruinenlandschaft empfing mich zuvor im schon erwähnten Seitenkabinett. "Hi-Fi-Zauberklang" verspricht der klobige, Holzfurnier-biedere Grundig-Radioempfänger mit Vintage-Anmutung. Vitrinen beherbergen ein AEG-Magnetophon ohne Tonband, längst stehengebliebene Bahnhofs- und Wanduhren sowie etliche, mehr oder minder antik anmutende Tonabspielgeräte. Die Objekte lassen an eine untergegangene Zivilisation denken, deren Designkultur heftig zwischen Funktionalität und Gemütlichkeit zu schwanken schien.

Ich passiere einen mit häuslichen Spiegeln von allerlei Formen und Anmutungen ausstaffierten Raum. Zwei antiquarische Kerzenständer, mehrere Muscheln und eine weiß lackierte Unterwasserpflanze vervollständigen die akustisch von einem sanften, rhythmischen Arrangement untermalte Einrichtung. 

Das nächste Kabinett ist von großen, grünen Topfpflanzen gesäumt. Zwei Sessel laden zum Verweilen ein: Wir sind in einem Lesesaal mit Büchern, die um das wissenschaftliche und philosophische Zeitverständnis kreisen und den theoretisch grundierten Ansatz von Black Quantum Futurism stützen.

Wer bin ich, wo war ich?

Zurück im Atrium des 1930 errichteten, neusachlichen Verwaltungsgebäudes der Bayerischen Milchversorgung, das unter anderem den Kunstverein beherbergt. Am 24. Mai bespielte Camae Ayewa, auch bekannt als Moor Mother, den großen, lichterfüllten Raum zum Festival Musik Installationen Nürnberg. Der Trompeter Aquiles Navarro, der Multi-Instrumentalist Simon Sieger, die Sopransängerin Alya Al-Sultani, die Bassistin Farida Amadou, der Perkussionist Dudù Kouate und der Videokünstler Jon-Carlos Evans vervollständigten ihr Ensemble.

Ich schließe die Augen und versuche, mich in diesen Abend zurückzuversetzen. Auch eine Art Zeitreise. Er beginnt mit einer dezenten, dann allmählich anschwellenden Tonkulisse: Es scheppert, klingelt, gongt in allerlei Tiefen, Tempi und Variationen. Irgendwann hört man eine Off-Stimme, die in einem expressiven, hauchenden, mitunter auch schreienden Duktus Begriffe assoziiert, kombiniert und umtanzt. 

Da bilden sich Zusammenhänge rund um ein Wort, längere Sätze zeichnen sich ab, konkrete Sprachbilder materialisieren sich, um wieder im zunehmend drängenden Rhythmus aufzugehen. "Time comes with the time, time goes with the time." Ich öffne die Augen. Das Café ist verwaist, der Kaffee ist längst kalt, der Laptop fast entladen. "Wer bin ich, wo war ich?"