Ilona Demchenko, die Ausstellung "Looking into the Gaps" ist insofern bemerkenswert, als sie eine sehr große Bandbreite an Perspektiven versammelt. Etwa die verfremdeten Markenlogos von Vova Vorotniov, der inzwischen in Berlin lebt, neben Arbeiten von Künstlern, die derzeit in der Armee dienen. Sie zeigt die Vielfalt der Erfahrungen ukrainischer Künstlerinnern und Künstler in der Gegenwart.
Genau das ist eine dieser Lücken, die der Ausstellungstitel andeutet – die Lücke zwischen verschiedenen Menschen dieser Generation, unterschiedlichen Entscheidungen und der Frage, wie sie zusammenkommen.
Oder eben auch nicht.
Ich stimme zu, es gibt viele widersprüchliche Standpunkte. Aber ich denke, das ist die Stärke dieser Ausstellung – weil sie Raum bietet, diese Positionen zu präsentieren, ohne sofort eine Lösung anzubieten.
Es handelt sich ja um den vierten Teil einer ganzen Ausstellungsserie namens "Looking into the Gaps", kuratiert vom ukrainischen Künstler Nikita Kadan. Die vorherigen Ausgaben waren in Kyjiw, Dnipro und Tokio sehen. Waren Sie bei den anderen Schauen?
Die in Kyjiw und Dnipro habe ich gesehen. Die Serie begann als eine Möglichkeit für Nikita, darüber zu sprechen, was er in der Geschichte der zeitgenössischen Kunst in der Ukraine wichtig findet. Ich halte die Ausstellungen für eine der besten Reflexionen darüber, was mit uns geschieht. Denn jeder spricht über Krieg, aber selten wird das so klar und eindringlich dargestellt, wie hier. Als wir mit Nikita das Gespräch über die Schau bei uns begannen, sagte er, dass das Thema, das er diskutieren möchte, das Thema "Wir" sei: was dieses "Wir" bedeutet. Und dann, ich glaube etwa einen Monat vor der Eröffnung, kam er und sagte uns: Nein, es wird um Einsamkeit gehen, das "Wir" steht nicht mehr im Mittelpunkt. Er hatte das Gefühl, dass Einsamkeit ein dringenderes Thema ist, und in dieser Ausstellung geht es sehr stark darum, wie wir allein mit dem umgehen, was wir durchmachen.
Das erste, was man sieht, wenn man den Ausstellungsraum betritt, ist eine große Ölmalerei aus dem Jahr 1992 – also kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion. Im Hintergrund eine bläuliche Gebirgskette, im Vordergrund ein hölzernes Schiff, von dem aus man in die melancholisch wirkende, idyllische Landschaft blickt. Die Zukunft scheint offen, und man ist gespannt darauf, was einen erwartet. Doch der Künstler Oleh Holosii, der das Gemälde schuf, kam nur ein Jahr später bei einem Unfall ums Leben.
Es gibt auch zwei weitere kleinere Gemälde von Holosii in der Ausstellung. Eins davon ist ein Porträt seines Bruders, der nun Soldat ist. Daneben hängen zwei Zeichnungen von Margarita Polovinko, die Künstlerin und Soldatin war. Sie wurde vor einem Jahr von den Russen an der Front getötet – im Alter von 31 Jahren.
Polovinko arbeitete nach Beginn der Großinvasion mit ihrem eigenen Blut, und brachte so ihren Schmerz zu Papier. Sie sagte, sie schreie mit ihren Blutzeichnungen nicht um Hilfe. Das sei einfach dasjenige Material, das zum Thema und den Gefühlen passe, die der Krieg in ihr auslöse.
Margarita war ein großer Fan von Olehs Werk. Er war es, der sie dazu inspirierte, weiterzuzeichnen, und sie wollte deshalb unbedingt seinen Bruder kennenlernen. Als der zweite Teil der Ausstellungsserie in Dnipro eröffnet wurde, lud Nikita Olehs Bruder und Margarita ein. Doch Margarita starb kurz davor, die beiden haben sich nie persönlich getroffen. In dieser Schau in der Jam Factory hat Nikita also das Treffen geschaffen, das im wirklichen Leben leider nie stattgefunden hat.
Welche Künstler waren bei der Eröffnung im März anwesend?
Von den Armeeangehörigen Attila Hazhlinsky und Bohdan Sokur. Vladyslav Plisetskiy besuchte uns dann später. Dana Kavelina und Andriy Boyarov waren bei der Eröffnung, ebenso wie Zoriana Kozak, Dana Kosmina, Mykhaylo Palinchak, Marta Syrko. Und der Kurator Nikita Kadan natürlich. Er hat eine sehr inspirierende Führung durch die Ausstellung gegeben, die etwa dreieinhalb Stunden dauerte. Es waren so viele Leute da wie bei einem Rockkonzert.
"Es waren so viele Leute da wie bei einem Rockkonzert."
Ausstellungseröffnung, "Looking Into the Gaps IV", Jam Factory, Lwiw, 2026
Die Schau wirkt sehr ehrlich, nicht übermäßig patriotisch, sondern eben auf die individuelle Erfahrung fokussiert. Soldaten und Veteranen sind auch unter den Besuchern. Wie reagieren sie?
Nun, das ist keine leicht zu beantwortende Frage – man weiß nicht immer, wie Menschen den Krieg erleben. Manchmal, wenn ein Veteran in Zivilkleidung da ist oder jemand aus dessen Familie, erkennt man nicht, welchen Hintergrund diese Person hat. Aber mein Partner beispielsweise dient beim Militär und hat sich kaputtgelacht, als er Zhanna Kadyrovas Arbeit sah.
"Resources" heißt die große Installation auf dem Boden des unteren Ausstellungsraums, in dem Arbeiten von Kadyrova zu sehen sind – derjenigen Künstlerin also, die dieses Jahr den ukrainischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig bespielt. Die Installation besteht aus verschieden großen abgesägten Stücken von Baumstämmen, die auf dem Boden verteilt sind. Doch sie haben keine Rinde, sondern sind stattdessen mit Camouflage-Stoff umwickelt – im für die ukrainische Armee typischen Pixelmuster.
Mein Partner fand Zhannas Arbeit urkomisch und sehr treffend. Und seine Freunde vom Militär fanden sie ebenfalls sehr witzig. Ich hingegen finde sie überhaupt nicht witzig. Tatsächlich war das das einzige Werk, bei dem ich Nikita gesagt habe, dass wir es vielleicht nicht in die Ausstellung aufnehmen sollten – da ich fürchtete, es könnte zu direkt sein und als beleidigend aufgefasst werden.
Interessant, man hätte ja eher mit der gegenteiligen Reaktion seitens der Militärangehörigen gerechnet.
Soldaten finden wirklich einen guten Zugang zu diesem Werk – auf eine Weise, die wir nicht erwartet haben. Ich glaube, dass einige der Militärangehörigen, die uns besuchen, sich auch sehr darüber freuen, dass ihre Kollegen unter den Künstlern sind. Sie können sich mit diesen Arbeiten identifizieren. Dana Kavelinas Videoarbeit "Such a Landscape", in der es um die Zwangsmobilisierung geht, ist für manche schwer zu verdauen – unabhängig davon, ob sie beim Militär sind oder nicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich sagen würde, dass das Militär als Gruppe auf eine bestimmte Art und Weise reagiert. Das sind sehr unterschiedliche Menschen, genau wie jede andere Gruppe in der Ukraine derzeit.
Die Ausstellung zeigt das sehr deutlich.
Der Militärdienst und generell die Erfahrung des Krieges – ich denke, das sind äußerst extreme Bedingungen, die uns mehr über uns selbst verraten, als wir vorher wussten. Für Künstler gilt das ganz sicher. Ich höre oft von Leuten, besonders wenn sie aus dem Ausland in die Ukraine kommen, dass es jetzt so viele neue wunderbare Kunstwerke gebe, dass unter ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern eine solche Renaissance stattfinde. Ja – aber das hat keinen guten Grund. Kunst ist wie ein therapeutisches Ventil, das die Menschen nutzen, um das, was ihnen widerfährt, auszudrücken oder zu verarbeiten. In diesem Sinne ist die Ausstellung eine Möglichkeit, Künstlern zu helfen, darüber zu sprechen, was ihnen widerfährt. Für sie ist es wichtig, ihre Werke nicht nur zu schaffen, sondern auch zu zeigen.
Worin bestehen denn weitere Brüche oder Lücken – bezogen auf den Titel –, in die man in der Ausstellung blickt?
Was Nikita oft sagt, ist, dass wir von den Farben und der Lebendigkeit Marija Prymatschenkos zu denen Davyd Chychkans übergegangen sind, der ein äußerst versierter Künstler war. Er hatte Zeit, sein Handwerk zu üben – nicht nur Talent, sondern ebenso Zeit, sich zu entwickeln.
Auch er fiel vergangenen Sommer an der Front. Chychkan ist für seine plakatartigen Aquarelle bekannt. Als Linker agitierte er für Selbstbestimmung und auch für den bewaffneten Kampf gegen die russische Invasion.
Und nun steuern wir auf eine Situation zu, in der diejenigen, die die nächste Generation hätten sein können, kämpfen müssen – was bedeutet, dass ihnen diese Zeit genommen wird. Zeit für ihre Entwicklung als Künstler. Zeit, die sie nutzen könnten, um ihr Handwerk zu üben, Neues zu lernen und neue Gedanken zu entwickeln. Und das ist die Lücke, die Nikita immer erwähnt: die Leere, die auch dann noch da sein wird, sollte der Krieg morgen enden. Wir haben bereits so viele Menschen verloren. Selbst für diejenigen, die noch hier sein werden, ist es eine große Frage, was sie schaffen werden, wie viel Zeit sie dafür brauchen werden, was es sein wird und was es hätte sein können, wenn sie diese Art von Leere in ihrem Leben nicht erlebt hätten.