Generationen-Drama "In die Sonne schauen"

Keine Engel, aber viele Gespenster

Dieser Film ist ein Novum fürs deutsche Kino: Mascha Schilinkis Drama "In die Sonne schauen" über vier Generationen von Frauen widersteht allen Klischees des Historienfilms und leuchtet in eindrucksvollen Bildern

Wie viele Geister passen auf einen Bauernhof in der Altmark? Und wann wird es unbequem für die Lebenden? "In die Sonne schauen" ist der schmerzhaft klingende Titel von Mascha Schilinskis vielgefeiertem neuem Drama, das nun in die Kinos kommt. Ein Film, der schwierige Fragen stellt und zugleich in eindrücklichen Bildern leuchtet. Für die gegenwärtige deutsche Filmkultur ist das ein Novum: ein Historienstoff ohne biedere TV-Optik und falsche Sentimentalitäten, dafür mit Anleihen aus dem Horror- und Experimental-Genre.

In assoziativer Manier folgt das ungewöhnliche Werk vier Frauen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten des 20. und 21. Jahrhunderts einen Hof im nördlichen Sachsen-Anhalt bewohnen: Alma (Hanna Heckt), Erika (Lea Drinda), Angelika (Lena Urzendowsky) und Nelly (Zoë Baier). 

Die fünfte Akteurin ist die Kamera. Unablässig schweift sie zwischen den Figuren und Zeitebenen umher. So erfahren wir von der geisterhaften Präsenz der verstorbenen Schwester Almas, nach der sie benannt wurde, von Erikas Fetisch-haftem Verlangen nach einem kriegsversehrten Familienmitglied und von Angelikas zudringlichem Onkel. Nur die in unserer Gegenwart lebende Nelly scheint geborgen zu sein. Aber auch sie ahnt, dass auf diesem von zwei Weltkriegen und der DDR gezeichneten Gelände etwas Verstörendes verschüttet liegt.

Mit der toten Schwester auf dem Sofa

Müsste man sich für ein Bild entscheiden, das Mascha Schilinskis Film am ehesten repräsentiert, müsste man auf ein Foto zurückgreifen. Auf diesem sehen wir Almas gleichnamige verstorbene Schwester. Zusammengesunken sitzt sie auf dem Sofa, eine unkenntliche Person hält ihren Kopf. Tatsächlich ist die ältere Alma hier schon nicht mehr am Leben, ihr Körper wurde für die Leichenfotografie so hergerichtet, als schliefe sie nur. Die andere Alma ist von diesem Bild so fasziniert, dass sie die Pose ihrer Schwester nachahmt und der Welt der Toten auf unheimliche Weise nahekommt.

Ein Modus, der für "In die Sonne schauen" bezeichnend ist. Keine der Protagonistinnen bleibt von den Geistern der Vergangenheit verschont. Statt billigem Grusel setzt Schilinski zusammen mit ihrem Kameramann Fabian Gamper aber auf Mittel des Experimentalfilms. Plötzlich ist die Linse der Kamera verwischt, Wände, Stoffe verschleiern, blockieren die Sicht. Dann steht das Bild Kopf. Auch wechselt der Filter der Kamera: Das herbe Flachland der Altmark und die bedrängenden Innenräume des Hofs erscheinen mal in entsättigt kühlen Farben, mal in sinnlichen Brauntönen, fast im Sepia alter Fotografien. Die Unsicherheit der Wahrnehmung, das Schwanken zwischen Traum, Trauma, Gegenwart und Vergangenheit ist filmische Realität.

Noch dazu sind die vier Frauenschicksale nahtlos ineinander und chronologisch durcheinander montiert. Eine schematische Trennung der Geschichten fällt schwer. Nur der teils arg theatralisch tönende, omnipräsente Voiceover fängt die einzelnen Gefühlswelten der Figuren wieder ein - und macht ihre bisweilen merkwürdigen Handlungen verständlich.

Wie ein Blick in die Sonne

Nicht nur formal und narrativ hebt sich "In die Sonne schauen" von früheren, konventionelleren deutschen Oscar-Kandidaten wie "Werk ohne Autor" (2019), "Im Westen nichts Neues" (2023) oder "Das Lehrerzimmer" (2024) ab. Auch thematisch bewegt sich der zweite Film der Regisseurin und Drehbuchautorin Schilinski jenseits aller Komfortzonen. 

Ihre Protagonistinnen agieren in einem Umfeld, in dem Zwangssterilisation, sexueller Missbrauch und brutale Amputationen still geduldet sind – schlicht, damit der altmärkische Hofbetrieb auf seine Weise fortbestehen kann. Und auch die jungen Frauen sind keineswegs die Engel im Haus, sondern setzen ihre unstillbare Neugierde und ihr aufkeimendes sexuelles Verlangen gegen andere und sich selbst rücksichtslos ein. 

Läutet dieser ungeschönte Blick in die Sonne eine neue Art des deutschen Films ein? Ästhetisch wagemutiger, moralisch durchtriebener, weiblicher? Vielleicht. Die vergessenen Traumata der deutschen Geschichte haben eine solche Auseinandersetzung in jedem Fall verdient.