Wenn man auf dem Gelände von Inhotim aus dem Bus steigt, muss man erstmal ein großes Blatt zur Seite biegen. Hier in den brasilianischen Dschungel, an die Grenze von atlantischem Regenwald und Feuchtsavanne, hat der Privatsammler Bernardo Paz seinen gigantischen Kunstpark bauen lassen, eine Museumslandschaft aus Pavillons und Installationen unter freiem Himmel.
Werke von brasilianischen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern wie Adriana Varejão, Cildo Meireles und Matthew Barney wachsen in der überschwänglichen Natur mit Palmen, Bromelien und Orchideen zu einem eigenen Kunstwerk zusammen. Ein Pfad führt zu einem Ziegelbau, der der schweizerisch-brasilianischen Fotografin und Aktivistin Claudia Andujar gewidmet ist.
Der Bergbau-Unternehmer Paz wurde im Jahr 2020 vom Vorwurf der Geldwäsche freigesprochen. Der Fall hatte für einige Aufmerksamkeit in der Kunstwelt gesorgt. Doch auch wenn die Vorwürfe nun juristisch widerlegt sind, hat sich der Mäzen inzwischen - zumindest offiziell - aus Inhotim zurückgezogen. Das Gelände mit einer Ausstellungsfläche von 140 Hektar, 60 Kilometer von Belo Horizonte entfernt, und einen großen Teil der Sammlung von über 1300 Kunstwerken hat er gespendet.
"Die große Chance, etwas anders zu machen"
Das Instituto Inhotim ist nun eine gemeinnützige Organisation, der Vorstand überwiegend mit Frauen besetzt. Die künstlerische Direktorin Júlia Rebouças sagte gegenüber Monopol: "Dieser Moment ist eine große Chance, etwas anders zu machen als bisher." Damit meint sie sowohl die Arbeit der Institution als auch das Verhältnis zur lokalen Bevölkerung.
Eine Auswirkung des Wandels in Inhotim ist bereits zu sehen: So wurde etwa der Pavillon mit Claudia Andujars international bekannten Werken von den Yanomami neu gestaltet, durch den Kuratorin Beatriz Lemos führt. Kürzlich wurde er um Arbeiten von 22 indigenen Künstlerinnen und Künstlern erweitert. Er wird jetzt "Galeria Claudia Andujar - Maxita Yano" genannt. Letzteres bedeutet "Haus der Erde" in der Sprache eines der größten indigenen Völker Brasiliens. Schätzungsweise gehören rund 35.000 Menschen zu den Yanomami. Im "Haus der Erde" sind nun unter anderem Werke von Denilson Baniwa präsentiert, der den brasilianischen Pavillon bei der Biennale von Venedig mitkuratierte. Und auch ein anderes Großereignis steht 2025 ganz in der Nähe bevor, bei dem es um dringliche indigene Belange geht: die UN-Klimakonferenz in Belém im Herzen des Amazonasgebiets.
Die Fotografien Paulo Desanas aus São Gabriel da Cachoeira gehören zu den beeindruckendsten in der neu gestalteten Galerie in Inhotim. Auf den Aufnahmen von Ureinwohnern leuchten die Körper, die mit industrieller Tinte bemalt sind, in der Dunkelheit.
Die Kunst auf Haut ist eine indigene Ausdrucksform. Durch die Neonfarben ist sie im brasilianischen Dschungel auch in der Nacht zu erkennen. Desana steht vor einem seiner Bilder. Der Filmemacher und Fotograf, der ein Hemd mit Ethno-Muster trägt, sagt: "Meine Kunst basiert auf der Geschichte und Mythologie meines Volkes. Ich hatte das Gefühl, dass etwas fehlte. Etwas, das zeigen könnte, dass in der Körperbemalung, Pfeil und Bogen oder Korbwaren, eine Ursprünglichkeit steckt, die die indigenen Völker in sich tragen."
Die Kamera als Waffe
Der Ansatz, auch Fotos von Indigenen wie Paulo Desana auszustellen, funktioniert insofern, als dies "die Lektüre von Andujars Werk erweitert", wie Kuratorin Lemos sagt. Zudem wird noch einmal die außergewöhnliche Qualität von deren Werk deutlich, das vergangenes Jahr in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen war. Andujar, die im Juni 94 Jahre alt wurde, ist so wichtig für die Yanomami, dass die Indigenen sie mãe, Mutter, nennen. Das erzählt einer ihrer Anführer, Davi Kopenawa.
Andujar, 1931 in Neuchâtel als Claudine Haas geboren, die Mutter Schweizerin, der Vater ungarischer Jude, verbrachte die Kindheit in der Schweiz und in Osteuropa, geprägt vom Krieg. Sie überlebte den Holocaust, dokumentierte in Brasilien ab den 1970er-Jahren mit der Kamera das Leben in den indigenen Dörfern und die Rituale der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner. Mit ihrem Aktivismus trug sie dazu bei, dass das bedrohte Land der Yanomami im Amazonasgebiet 1992 offiziell abgegrenzt und geschützt wurde.
Ihre Waffe: Die Kamera und ruhige Schwarz-Weiß-Bilder der Menschen, von denen sie wiederum als ihren Kindern spricht. Dabei merkt man der Künstlerin das hohe Alter an. Doch sie hat Wert darauf gelegt, persönlich da zu sein, wenn andere Künstler an ihre Arbeit anschließen.
"Nicht mehr möglich ohne indigene Künstlerinnen"
Die künstlerische Direktorin Rebouças erinnert sich: "Vor zehn Jahren hat sich die Diskussion um Artefakte indigener Völker gedreht." Und heute? "Es ist nicht mehr möglich, über die Kultur unserer Zeit nachzudenken, ohne dass indigene Künstlerinnen und Künstler sich selbst repräsentieren."
So steht die "Galeria Claudia Andujar - Maxita Yano" in vielfacher Hinsicht für Erneuerung: die des Kunstzentrums Inhotim, des Kunstbetriebs und der Gesellschaft in Brasilien, wo sich junge, gut ausgebildete Indigene auf ihre Tradition besinnen und gleichzeitig modernes Marketing beherrschen.
Um den Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Brumadinhos zu stärken, zu der Inhotim geografisch gehört, findet in dem von vielen ausländischen Touristen besuchten Freiluft-Kunstpark ein Markt statt, der die lokale Kultur aufwerten und Einkommen schaffen soll. Unter den Ausstellern ist unter anderem ein Keramik-Kollektiv aus dem Bundesstaat Minas Gerais, zu dem Inhotim gehört und dessen Hauptstadt Belo Horizonte ist.
Belastete Wiedergeburt
Wie so oft in Brasilien, einem Land mit der Größe und Vielfalt eines Kontinents, kommt auch hier vieles zusammen: Kunst und Natur, Umweltschutz und Bergbau, Schönheit und Zerstörung. Brumadinho steht heute auch für den verheerenden Dammbruch an einer vom brasilianischen Bergbaukonzern Vale betriebenen Eisenerzmine im Jahr 2019. Eine Tochtergesellschaft des TÜV Süd hatte diese vorher geprüft und als sicher befunden. Mehr als 270 Menschen kamen ums Leben, Verantwortliche wurden bisher nicht bestraft.
Das Magazin "Exame" nennt das Unglück "eine der größten sozio-ökologischen Tragödien Brasiliens". Inhotim hat keinen Sachschaden erlitten, die menschlichen Auswirkungen sind allerdings verheerend. Rund 80 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen "Exame" zufolge in der Gegend, über der immer noch eine große Traurigkeit liegt. Auch die "Wiedergeburt" (so nennt es Direktorin Rebouças) ist belastet: Millionenschwere Unterstützung bekommt Inhotim vom Bergbaukonzern Vale.