Insta-Watchlist: SAGG Napoli

Kunst als Training

Auf Instagram entwirft SAGG Napoli das Bild einer neapolitanischen Frau zwischen Kunst, Sport, Mental Health und Mode. Disziplin verbindet diese Sphären und bringt körperliche wie psychische Spannung in Form. Ihr Account ist ein eigener Ort künstlerischer Produktion

Sie joggt jeden Tag. Nein, sie rennt jeden Tag. Nicht, um Kalorien zu verbrennen, sondern um der Wiederholung willen. "Consistency over intensity" lautet der Satz, der in den Ausstellungen und auf dem Instagram-Account von SAGG Napoli immer wieder auftaucht. Ein Prinzip, das sie lebt: im Sport, für ihre psychische Gesundheit, bei Familientreffen und in ihrer künstlerischen Praxis. "Viele meiner besten Arbeiten entstehen, während ich trainiere", sagt sie.

SAGGs Arbeiten kreisen um Kontrolle und Körperarbeit. 2024 inszenierte sie bei Basement Roma einen Trainingsraum für das Bogenschießen: den Tisch, an dem sie ihren Bogen zusammensetzt, Pfeile an der Wand, Trainingskleidung, ein Whiteboard und Medaillen. Anatomische Darstellungen ihres Körpers nannte sie "mappe del dolore", Schmerzkarten. Markiert sind darin Triggerpunkte, also Bereiche muskulärer Spannung, die bei Druck schmerzen. Von dort aus öffnet sich ihre Arbeit in eine zweite Richtung: psychisch gesprochen geht es um Momente des Getriggertwerdens, um Angst, Panik und Kontrollverlust. Verhandelt wird die Frage, wie sich körperliche und psychische Spannung in Handlungsmacht übersetzen lässt.

Wer durch das Profil von SAGG Napoli scrollt, könnte sie zunächst für vieles halten: Künstlerin, Fitness-Influencerin, Fashionista, It-Girl. Mal fährt sie Jetski im Tüllkleid, mal posiert sie vor einer ihrer Skulpturen, im lila Body und High Heels neben ihrer Oma, und immer wieder spannt sie Pfeil und Bogen – bei einer Dior-Show ebenso wie im Training oder bei Wettkämpfen. Dazwischen: Running-Selfies, Nail Art, Strand, immer wieder die Oma, la nonna. Obwohl sie Bilder von sich selbst postet, ist @sagg_napoli weniger private Selbstauskunft als die fortlaufende Produktion einer Figur. Wer den Account besucht, sieht eine Persona, eine Figur der "südlichen Frau".

Pompeji auf den Nägeln

2020 postet sie ein Meme auf Instagram: lange Nail-Art-Fingernägel, bemalt mit dem Porträt einer Frau aus einem Fresko aus Pompeji. "Sylvie: What you thinking? Me: I was thinking about those Pompeii … Sylvie: Say no more." In diesem Bild verdichten sich zentrale Motive ihrer Arbeit. Weiblichkeit als gemachte Oberfläche, die man sich aneignet und an der man Spaß hat; die Geschichte des Südens und die ständige Gefahr der Eruption; das Begehren und der Genuss des Jetzt trotz aller Widrigkeiten. Hinzu kommt die demonstrative Egalhaltung, mit der ein antikes Fresko in leicht kitschiger Ausführung auf die Nägel gemalt wird – für ein paar Wochen. Und die langen Nägel selbst, die fast wie eine Waffe zur Selbstverteidigung wirken.

 

 

SAGG Napoli, 1991 geboren als Sofia Alice Ginevra Gianní, ist in Neapel aufgewachsen, hat zunächst Klavier und später in London Fotografie studiert und lebt heute wieder in der Stadt, nach der sie sich benannt hat und von deren Lebensrealität ihr Werk ausgeht. In ihren Performances, Installationen, Skulpturen und Videos verhandelt sie neapolitanische Identität: ein ästhetisch-soziales Gefüge aus Klasse, Gender, Katholizismus, Familie, Vulkanlandschaft, Pathos und Überschuss.

Doppelte Selbstentfremdung

Mit dem Begriff "South Aesthetics" beschreibt SAGG diese Bildwelt. In dieser "Ästhetik des Südens" geht es um jene Elemente der süditalienischen Kultur, die im nordzentrierten Blick oft als trashig oder kitschig abgewertet werden: Madonna-Figuren und Plastikkerzen, Posen auf Motorrollern, Nail Art, gebräunte Haut. SAGG eignet sich diese Codes an und rückt sie demonstrativ ins Zentrum. "Die Ästhetik des Südens ist das Ergebnis der historischen sozio-politischen Beziehung zwischen dem Norden und dem Süden Europas", sagt sie. Im Laufe der Geschichte sei der Süden als volkstümlich, beinahe folkloristisch abgewertet worden. Gleichzeitig sei die südliche Gesellschaft dem Norden aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke verpflichtet. Dennoch ist der Süden weiterhin der Ort, an dem für Nordeuropa produziert wird.

"Dieses kulturelle und ökonomische Phänomen erzeugt ein ästhetisches Verhältnis, in dem der Süden die kulturelle Produktion des Nordens imitiert – in Musik, Kunst, Architektur und Mode –, obwohl gerade der Süden diese kulturelle Produktion häufig inspiriert und materiell hervorgebracht hat. Dadurch ist er in paradoxer Weise doppelt von seiner eigentlichen Ursprungsquelle entfernt: von sich selbst", erklärt SAGG Napoli.

 

 

Diese Logik der Entfremdung lässt sich auch auf SAGGs eigene Biografie beziehen. Denn was sie über den Süden beschreibt, ist nicht bloß ein Gefühl des Außenseitertums, sondern ein Mechanismus: Das, was an einem Ort hervorgebracht wird, erscheint anderswo in legitimierter Form wieder und kehrt dann als fremd gewordene Version des Eigenen zurück. In einem Interview mit "Apartamento" erzählt SAGG, nach ihrem Akzent gefragt: "Ich wollte zu London gehören, aber ich wollte nicht britisch klingen. Die Leute fragen mich immer, woher ich komme, sogar hier in Neapel. Drin zu sein, ohne ganz drin zu sein – das war immer in mir. Ich habe nie dagegen angekämpft." SAGG Napoli thematisiert auf ihrem Profil offen, dass sie von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und einer bipolaren Störung betroffen ist. Was ihr hilft, ist Routine. Das Laufen ist für sie Werkzeug und Methode. "Consistency over intensity."

 

 

Dass ihr Werk so stark um Neapel kreist, hat weniger mit einem Gefühl der Zugehörigkeit zu tun, als mit der körperlichen Realität dieser Gegend: mit dem Vesuv und den Campi Flegrei, also mit einer Vulkanlandschaft, die die Sicherheit der Stadt permanent bedroht. Besonders deutlich wird das in der neuen Videoarbeit "O fuóco e ò nuósto e l’appicciammo nuje" – "Das Feuer ist unseres, und wir haben es selbst entfacht" –, die während eines Aufenthaltstipendiums in Pompeji entstanden ist und derzeit in ihrer Soloausstellung bei Champ Lacombe in London zu sehen ist. Der Titel liest sich wie die Zuspitzung eines Vorwurfs. Wenn der Süden im nordzentrierten Blick als exzessiv, unkontrolliert oder durch Mafia und Camorra brandgefährlich erscheint, dann antwortet SAGG nicht mit Korrektur, sondern mit Aneignung: Ja, das Feuer ist unseres. Und wir haben es selbst angezündet.

Vulkanausbruch und Feuerwerk

SAGG montiert darin Filmausschnitte aus dem 20. und 21. Jahrhundert zu einer Collage aus Vesuv-Ausbrüchen und lärmenden Silvesterfeiern in Neapel. Magma und Feuerwerk, Eruption und Fest, geologische Bedrohung und städtisches Ritual schieben sich ineinander. Alles ist zu laut, zu nah, zu viel. Neapel erscheint als Ort permanenter Bedrohung: geologisch, sozial, psychisch. Das Silvesterfeuerwerk ist dort wie ein jährlicher Exorzismus – als würde die Stadt ihre eigene Eruption inszenieren, um den Alltag mit der latenten Gefahr der wirklichen zu ertragen. Genau darin liegt eine der zentralen Bewegungen in SAGGs Arbeit: Eine drohende Katastrophe wird in ein Ritual der Aneignung übersetzt und dadurch ertragbar.

Es ist der erste Film, in dem die Künstlerin selbst nicht zu sehen ist. Kein Bogen, keine Schnellboote, keine Autos, die sie mit ihrem Körper beschleunigt und kontrolliert. Und doch bleibt der Körper indirekt präsent. Die Explosionen des Feuerwerks erinnern an die plötzliche Entladung muskulärer Spannung. Wo ihr Körper zuvor Pfeile abschoss oder Fahrzeuge auf Höchstgeschwindigkeit brachte, wird hier die Stadt selbst zur Performerin, die in Licht und Lärm ausbricht. 

Dolce vita trotz Gefahr

Dass in Gianfranco Rosis jüngstem Dokumentarfilm über Pompeji eine Frau wegen eines Erdbebens bei der Feuerwehr anruft und dabei vor allem davon spricht, dass gerade ihr Ragù auf dem Herd stand, wirkt zunächst absurd. Tatsächlich beschreibt diese Szene ziemlich genau jenes Nebeneinander von Katastrophe und Alltag, das auch SAGGs Arbeiten durchzieht. Das Pathos ist real, aber es hebt den Alltag nicht auf. Die Bedrohung ist da, doch sie suspendiert weder Körper noch Routine noch Begehren.

 

SAGG Napoli "Sempre contratta", Ausstellungsansicht, Basement Roma, 2025
Foto: Daniele Molajoli. Courtesy of the artist, Basement Roma and Champ Lacombe, Biarritz/London

SAGG Napoli "Sempre contratta", Ausstellungsansicht, Basement Roma, 2024/2025

 

Der Bogen, der auf Instagram immer wieder auftaucht, steht für Wiederholung und Präsenz. Zwar ruft er Assoziationen an mythologische Göttinnen der Jagd auf. Bei SAGG wirkt er aber weniger symbolisch als gegenwärtig und technisch: verbunden mit Sport und Disziplin. Dass Training für sie eine Form des Denkens ist, wird in diesen Bildern unmittelbar plausibel. Kunst, Körperarbeit und Selbstdisziplin treten nicht getrennt auf, sondern als verschränkte Praktiken.

Routiniertes Tagebuchführen

Das Spannende an SAGGs Instagram-Account ist, dass er dieses Ineinander von Training, Kunst, Mode, Weiblichkeit und psychischer Gesundheit auf eine Weise sichtbar macht, wie es wohl keine Ausstellung könnte. Die Plattform dient ihr dazu, Werke – Bilder, Texte – direkt entstehen zu lassen und mit einer Öffentlichkeit zu teilen, die "vielleicht nicht unbedingt eine Ausstellung besuchen würde", wie sie selbst sagt. Die Kuratorin Stella Bottai weist auf eine Parallele zwischen SAGGs unablässiger Instagram-Story-Produktion und Jonas Mekas’ Tagebuchfilmen der 1960er- und 1970er-Jahre hin. Instagram ist bei SAGG kein Ort der Repräsentation, sondern ein Ort der Produktion: ein Raum, in dem sich Kunst-, Sport- und Modewelt überlagern und eine eigene ästhetische Sprache bilden. 

Spannung – körperlich, psychisch und geologisch – erscheint hier nicht als bloße Bedrohung, sondern als Kraft, die durch Wiederholung und Ritual in Form gebracht werden kann. Ein Ort, an dem Training, Wiederholung und Bildproduktion zusammenfallen. Consistency over intensity.