Insta-Watchlist mit Niceaunties

"In meinem Auntieversum sind alle frei, es gibt keine Regeln"

Erst nervige Kommentare, dann noch mehr Essen auf dem Teller: Viele asiatische Menschen kennen die "Aunties“ ihrer Kindheit ziemlich gut. Niceaunties verwandelt diese Figur mit KI in etwas völlig anderes – und trifft damit offenbar einen Nerv

Wenhui, Sie erstellen KI-generierte Bilder und Videos von älteren asiatischen Frauen, den Aunties. Ihre Protagonistinnen leben in einer surrealen Parallelwelt, in der sie in überdimensionalen Ramen-Schüsseln baden, mit pastellfarbigen Quallen spielen und Autos aus Sushi fahren. Sie haben einmal gesagt, dass dieser Kosmos "ein Spiegel unserer Welt" sei. Inwiefern?

In meinem Auntieversum möchte ich das Stereotyp des Tantchens in ein anderes Licht rücken. Denn in unserer heutigen Welt ist "Auntie" kein positives Label, es ist ein soziales Stigma. Damit sind typischerweise eher ältere Frauen gemeint, die stark in Familienstrukturen eingebunden sind und sich unter anderem sehr direkt und ungefiltert äußern. Ihnen werden viele negative Dinge nachgesagt, etwa dass sie einen schlechten Geschmack haben, ständig nörgeln und altmodisch sind. Die Aunties werden oft durch gesellschaftliche und familiäre Erwartungen unter Druck gesetzt und eingeschränkt. In meinem Auntieversum aber sind alle frei, es gibt keine Regeln und die Aunties leben nach ihren eigenen Vorstellungen. Wenn ich also von einem Spiegel spreche, dann meine ich damit meine Sicht auf die Welt durch meine eigene Linse. Der Spiegel ist für mich aber auch gleichzeitig Symbol einer alternativen, spekulativen Zukunft – denn wenn man in einen Spiegel schaut, ist es doch auch ein bisschen so, als würde man in eine andere Welt blicken, in ein Paralleluniversum.

Das Stereotyp kannte ich zuvor nicht. Ist das etwas genuin Asiatisches? Oder sind die Aunties nur Teil der Kultur in Singapur, wo Sie aufgewachsen sind?

Ursprünglich dachte ich, das sei ein rein südostasiatisches Phänomen. Aber nach und nach habe ich festgestellt, dass sie in verschiedenen Ausprägungen in ganz Asien existieren. Und letztlich sogar weltweit. Viele Frauen unterschiedlichen Alters sind bei Ausstellungen in Mexiko-Stadt, Barcelona oder London auf mich zugekommen, und meinten, dass sie sich stark mit der Figur identifizieren würden, weil sie sich in dem Gefühl wiedererkennen, in bestimmte Rollen gedrängt zu werden, die ihnen Gesellschaft oder Familie auferlegen. Etwa, dass sie heiraten, Kinder bekommen, zu Hause bleiben und ihre Karriere aufgeben sollen.

Wann haben Sie mit dem Auntieversum begonnen?

Das war Anfang 2023. Ich habe als Architekturdesignerin immer nur im Team gearbeitet, wollte aber schon immer etwas Eigenes machen. Damals haben die Leute angefangen, interessante Bilder mit Textprompts zu erstellen. Ich war begeistert. Mit dem Auntieversum habe ich dann letztlich begonnen, um mit den Tantchen ins Reine zu kommen. Denn ich war lange wütend auf die Aunties in meinem eigenen Leben, ständig sagten sie Dinge wie "Oh mein Gott, du bist so dick", nur, um mir dann noch mehr Essen aufzutischen. Das Auntieversum hilft mir, sie in ihrem Verhalten besser zu verstehen.
 


Die Idee für ein Bild oder ein Video entsteht ja vermutlich erst einmal in Ihrem Kopf. Halten Sie diese Idee dann zeichnerisch fest oder arbeiten Sie direkt mit KI?

Nachdem ich eine Idee oder ein Konzept entwickelt habe, beginne ich sofort mit den Prompts. Ich beschreibe Szenen, Kameraeinstellungen und Licht. Danach lasse ich die Bilder animieren und schneide sie zu einer Geschichte zusammen.

Wie lange brauchen Sie dafür?

Das variiert sehr stark. Zwischen einem Tag und drei Monaten ist alles möglich.

Ein Element, das oft auftaucht, sind Lebensmittel: Die Aunties führen auf dem Mond eine Sushi-Akademie, genießen eingerollt in orangenes Lachsfleisch eine Spa-Session, baden in Ramen-Schüsseln. Warum?

Essen spielt in der asiatischen Kultur wie auch in meiner Familie eine sehr große Rolle. Man zeigt Liebe durchs Essen. Meine Mutter backt zum Beispiel viel, auch meine Großmutter hat ständig gekocht, am liebsten Fischbällchen.

Die häufige Verwendung von Fleisch und rohem Fisch in wenig appetitlichen Settings löst beim Betrachten immer wieder einen gewissen Ekel aus. Ist das eine von Ihnen intendierte Reaktion?

Ja, auf jeden Fall. Ich kombiniere einfach Dinge, die ich in meiner Kultur erlebe, und frage mich, wie das zusammen in einem Bild aussieht. KI erlaubt genau das: völlig unterschiedliche Ideen in einem Bild oder Video zu vereinen. Dieses Erkunden macht großen Spaß. Und ja, es geht auch darum, ein gewisses Unbehagen zu erzeugen.

Im Auntieversum geht es nicht nur lustig zu. Ihre Protagonistinnen beschäftigen sich auch mit drängenden Diskursen unserer Zeit: In der Reihe "Auntlantis" etwa sammeln sie Plastik an Stränden und im Meer, in "Spa" üben sie Kritik an dem sozialen Druck auf Frauen, einem gewissen Schönheitsideal zu entsprechen. Ist Ihnen in Ihrer Kunst der Unterhaltungsaspekt oder ein gesellschaftskritischer Impetus wichtiger?

Wenn Sie mich so fragen, muss ich sagen: soziale Kritik. Aber während ich arbeite, denke ich gar nicht so bewusst darüber nach. Mir geht es vor allem darum, Spaß am Entstehungsprozess zu haben. Ich lache viel beim Arbeiten. Wenn ich die Bilder und Videos dann veröffentliche, verstehe ich sie als eine Art öffentliches Portfolio. Wie sie bei anderen ankommen, kann ich vorher nicht einschätzen.
 


Wenn KI für das Generieren Ihrer Bilder zuständig ist, dann ist doch KI letztlich die Künstlerin – oder wie sehen Sie das? 

Das hängt davon ab, wie man "Künstler" definiert. Für mich ist ein Künstler jemand, der die Intention hat, etwas zu erschaffen – etwas, das eine eigene Geschichte erzählt. KI kann das nicht selbst. Es ist vielleicht vergleichbar mit dem Leiter eines Architekturbüros, der ein Konzept hat und ein Team beauftragt, dieses Konzept zu zeichnen. Jede Person übernimmt dabei eine bestimmte Rolle. Oder wie ein Künstler mit einer Werkstatt, der ein Team engagiert, um seine Vision umzusetzen. In diesem Sinne wird die KI zu einem Werkzeug, dem Pinsel, und zugleich zur Assistenz, die meine Vision realisiert. Die KI wäre aber niemals in der Lage, eigenständig Fragen zu den Aunties zu stellen oder daraus Narrative zu entwickeln. Alles, was man sieht, entsteht also aus einer bewussten Intention heraus. Deshalb würde ich hier nicht sagen, dass die KI selbst die Künstlerin ist.

Dann ist der eigentliche künstlerische Akt das Schreiben der Prompts?

Alles zählt dazu: Die Intention, die dem Generieren der Bilder vorausgeht, aber auch der Prozess an sich sowie das Ergebnis. 

KI liefert keine perfekten Ergebnisse. Auch ihre Kunst zeugt immer wieder von der Fehleranfälligkeit der Maschine. Da tauchen Ihre Aunties in Videos plötzlich mit drei Beinen auf. Würden Sie sich in solchen Fällen wünschen, Ihre Kunst doch selbst zu animieren? 

Nein, das ist Teil der Technologie. Genau das ist spannend. KI verändert sich ständig, und diese Fehler sind eine Art Zeitdokument.

Also auch eine Form von transparentem Umgang?

Ja, und auch ein historisches Archiv.

Ein zentrales Argument gegen KI-Kunst lautet, dass sie keine originäre Kunst hervorbringen kann, sondern auf bereits existierendem Bildmaterial basiert. Die Fragen nach Urheberrecht und Diebstahl stehen im Raum. Können Sie die Vorwürfe nachvollziehen? 

Ich kann sie verstehen, aber im Grunde basiert ja alles in dieser Welt auf dem, was zuvor schon existiert hat. Das lässt sich nicht nur auf neue Technologien anwenden. Ich glaube, diese Haltung entsteht aus einer Angst vor Veränderung. Ich meine, Ähnliches wurde ja auch schon vor rund 200 Jahren über die Fotografie gesagt. Mein Lieblingsbeispiel bei diesem Thema ist der Stuhl: Die Person, die den Stuhl designt hat, auf dem Sie gerade sitzen, hat den Stuhl nicht erfunden. Sie hat vielmehr eine bestehende Form aus ihrer eigenen ästhetischen Perspektive neu interpretiert. Und genau diese Perspektive als Gestalter wird dann als künstlerische Leistung wahrgenommen. Im Grunde baut also alles, was in der Welt entsteht, auf dem auf, was andere bereits geschaffen haben. Wir sind alle miteinander verbunden, ob wir das wollen oder nicht.
 


Innerhalb der Kunstwelt ist der Umgang mit KI-Kunst jedenfalls hochumstritten. 2025 gab es einen Protestbrief gegen eine Christie’s-Auktion, die nur KI-Kunst gewidmet war. Mehrere tausend Künstlerinnen und Künstler unterschrieben den Brief.

Bei dieser Auktion wurde auch eine meiner Arbeiten versteigert. Sie trug den Titel "5 Mins To Opening".

Für wie viel Geld wurde sie verkauft?

Über 11.000 US-Dollar.

Wurden Sie für Ihre Kunst angefeindet?

Ja, das werde ich die ganze Zeit. Aber ich ignoriere das einfach. 2023, ganz am Anfang meiner künstlerischen Karriere, bekam ich über Social Media eine Drohung, in der jemand sagte, dass er mein Haus zerstören würde, wenn er meine Adresse erfahre. Nur weil ich KI benutze. Und kürzlich gab es eine Panel-Diskussion, wo gesagt wurde, KI-Künstler könnten sich nicht als Künstler bezeichnen. Also, erstens: Ich identifiziere mich selbst gar nicht mit dem Begriff "KI-Künstlerin". Ich denke, es sollte einfach Künstlerin heißen. Ich bin eine Künstlerin, die mit Technologie arbeitet, und in diesem Fall ist es eben zufällig KI. Ich denke, die Anfeindungen entstehen aus Angst heraus: Angst vor Veränderung, ohne wirklich zu verstehen, welche Freiheit und welche Kraft darin liegt, mit etwas Neuem zu arbeiten.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie gerne mit Ihrer Kunst expandieren möchten – weg vom Digitalen, hin zu physischen Medien wie etwa Skulptur oder auch Publikationen. Wird man als Künstlerin irgendwann unzufrieden, wenn die eigene Kunst primär von Social-Media-Nutzern und weniger von einem interessierten Fachpublikum konsumiert wird?

Meine Arbeiten wurden ja bereits in Skulpturen umgesetzt und auch in Publikationen veröffentlicht, sie sind inzwischen also gar nicht mehr nur in den sozialen Medien präsent. Aber ich bin auch gar nicht unzufrieden damit, meine Arbeiten auf Social Media zu zeigen. Denn in meinem Projekt geht es ja um Fragen des Alterns und darum, die Aunties in einem neuen Rahmen zu zeigen. Deshalb möchte ich natürlich, dass es so viele Menschen wie möglich erreicht. Und das kann nicht funktionieren, wenn ich nur ein Medium nutze. Es muss über mehrere Medien und auch über verschiedene Branchen hinweg stattfinden. Ich möchte also nicht nur in der Kunst- oder nur in der Designwelt existieren. Deshalb gehe ich auch in die Bildung, ich spreche in Schulen und auf Konferenzen. Denn das Auntieversum ist eben vor allem auch ein soziales Projekt.