Saudischer Künstler über Fußball und Politik

"Das Ziel ist, das Publikum und die Fans zu kaufen"

Der saudische Künstler Abdulnasser Gharem zeigt in Berlin gerade eine Arbeit über Fußball als Machtfaktor. Hier spricht er über das finanzielle Engagement der Golfstaaten und die Frage, ob Euphorie und Loyalität käuflich sind

 

Abdulnasser Gharem, in Ihrer Ausstellung "The Image is a Public Menace" in der Berliner Galerie Nagel Draxler geht es unter anderem um Fußball. Zwei Bälle liegen auf dem Boden, auf ihrer Oberfläche sind mit Stempeln Worte in verschiedenen Sprachen angebracht. Sie wurden offenbar gegen eine Papierbahn an der Wand geschossen, denn dort drücken sich die Worte in einer Wolke ab. Worauf zielt dieses Projekt, das Sie "The Unscored Goal" nennen?

Die Golfstaaten investieren seit Jahren sehr viel Geld in Fußball. Ich meine damit nicht nur die Infrastruktur im Land, die Liga, die Stadien und solche Sachen. Diese Länder investieren auch in internationale Fußballvereine. Newcastle wurde von den Saudis gekauft. Katar besitzt Paris Saint-Germain und hat gerade KAS Eupen übernommen, Abu Dhabi kontrolliert Manchester City und hat viele andere Beteiligungen. Was ist das Ziel dieser Investments? Finanziell lohnen sie sich sicher nicht. 

Also was ist das Ziel?

Das eigentliche Ziel ist es, das Publikum zu kaufen, die Fans. Sich ihre Liebe, ihre Loyalität zu kaufen und den Golfstaaten ein neues Image zu geben. Was mich interessiert, ist, wie Macht in einen Raum eindringt, in dem das Publikum und seine Emotionen bereits existieren. Fußball steht für Liebe, Zugehörigkeit, Erinnerung und Loyalität. Die Macht muss diese Emotionen nicht erst schaffen; sie kann sich an sie anknüpfen und die enorme Reichweite des Fußballs nutzen, um Sichtbarkeit, Einfluss und ein neues Image aufzubauen. Der Fußball ist mit offiziellen Stempeln übersät – "Genehmigt", "Abgelehnt", "In Prüfung" und "Vertraulich". Der Ball, der für Bewegung und Tore gemacht ist, wird durch die Sprache der Autorität belastet.

Wie finden die Menschen in Saudi-Arabien selbst das große Engagement ihrer Herrscher für Fußball? Interessieren sie sich überhaupt für europäische Clubs?

Absolut! In Saudi-Arabien gibt es sehr wenig Unterhaltung, es gibt keine Nachtclubs, Kino gibt es erst seit Kurzem. Da ist Fußball immer noch das Beste. Heute kann man alle Spiele auf der Welt online schauen, und viele junge Saudis verfolgen die englische Meisterschaft oder die Champions League. Sie sind wirklich begeistert davon.

Scheint, als würden Sie den Sport auch selbst sehr mögen.

Ja! Ich habe früher selbst gespielt. Es ist ja das Einzige, was wir haben in Saudi-Arabien. Es gibt Autos und Fußball.

Und neuerdings aber auch Museen, oder? Im ganzen Land sind Dutzende neuer Häuser geplant.

Ja, die Regierung will den Eindruck erwecken, dass sie sich um die Kunst kümmert. Aber wenn man beispielsweise ganz klassisch Aktzeichnen lernen möchte, muss man sich dort immer noch verstecken. Doch das ist nicht unbedingt die Schuld der Regierung. Es hängt mit der herrschenden Kultur zusammen. Die Gesellschaft ist in weiten Teilen noch nicht bereit, bestimmte Dinge zu akzeptieren.

Sie sind einer der berühmtesten Künstler Ihres Landes, aber nicht unbedingt beliebt bei Ihrer Regierung, oder?

So ist es, und ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen für mich ist. Aber als Künstler warte ich nicht darauf, dass mir irgendwelche Erlaubnisse erteilt werden. Ich versuche, die Grenzen des Machbaren zu erweitern. Will mich jemand fangen? Ich bewege mich.

Haben Sie manchmal Angst?

Ja. Vor ein paar Jahren hatte ich bestimmte Maßnahmen der Regierung in meinem Werk kritisiert und wurde praktisch für etwa vier Jahre abgeschnitten und isoliert. Es fühlte sich an, als säße man in einem Wartezimmer, wissend, dass jemand an die Tür klopfen würde, ohne jedoch zu wissen, wer oder wann. Diese Unsicherheit hat mich lange Zeit begleitet. In jüngerer Zeit sind die Beziehungen aber wieder normaler geworden.

Immerhin ist eine sehr große Skulptur von Ihnen mitten in Riad im öffentlichen Raum zu sehen: "The Arts Tower", über 83 Meter hoch, am neuen Sports Boulevard. Wie kam das?

Die saudische Regierung hat ausländische Unternehmen eingeladen, sich dort zu engagieren. Und dieses Unternehmen hat dann mich und mein Werk ausgewählt. Es gab noch einige Diskussionen, aber mein Vertrag ist mit diesem amerikanischen Unternehmen, und sie haben dafür gesorgt, dass mein Name auch sichtbar ist. Es ist wie ein Spiel.

Die geopolitische Lage hat sich in jüngster Zeit verschlechtert, der Krieg gegen den Iran hat dem Tourismus im Nahen Osten zugesetzt. Glauben Sie, dass das die riesigen Investitionen der Golfstaaten in Kultur und Sport infrage stellt?

Die Frage ist immer: Wird das Ziel erreicht? Deshalb heißt die Arbeit auch "The Unscored Goal". Je größer die Investition in Sichtbarkeit, desto größer die Möglichkeit, sich zu entlarven. Sichtbarkeit kann Einfluss schaffen, aber sie kann auch Widersprüche offenbaren. Das Werk fragt also, ob diese Investitionen das angestrebte Ziel erreicht haben – oder ob sie das offenbart haben, was sie eigentlich verbergen sollten. Für mich geht es letztendlich um die Beziehung zwischen Sport, Image, Kapital und Macht.

Abdulnasser Gharem: The Unscored Goal (2026), Kugel an Wand, Schwarm schwarzer Markierungen
Foto: Ajlan

Abdulnasser Gharem "The Unscored goal", 2026